Betrachtet man eine Literaturkritik auch als Information der Leser, dann stellt sich bei dem Roman „Weltpuff Berlin“ von Rudolf Borchardt (1877-1945) die Frage: Wem kann man diesen von den Erben des Autors wegen seines pornografischen Charakters lange Zeit zurückgehaltenen Roman empfehlen?

Männliche Leser werden gnadenlos scheitern, wenn sie sich mit dem überpotenten Helden des Romans identifizieren und versuchen, ihm nachzueifern. Frauen werden ungläubig bestaunen, was alles möglich sein soll, und werden sich – manche bedauernd, manche heilfroh – der gewohnten Normalkost zuwenden müssen. Eins steht fest: Als Konfirmationsgeschenk ist „Weltpuff Berlin“ nicht geeignet.

Rudolf Borchardts Roman „Weltpuff Berlin“ (1086 Seiten, 35 Euro) ist in der Edition Tenschert bei Rowohlt erschienen – mit Nachbemerkungen von Gerhard Schuster.
Rudolf Borchardts Roman „Weltpuff Berlin“ (1086 Seiten, 35 Euro) ist in der Edition Tenschert bei Rowohlt erschienen – mit Nachbemerkungen von Gerhard Schuster. | Bild: Rowohlt-Verlag

Ganz uneingeschränkt aber gilt die literarische Extraklasse dieses auch auf mehr als 1000 Seiten nicht ermüdenden Romans eines Autors, dessen Gesamtwerk mit einer soeben begonnenen kritischen Ausgabe neu erschlossen wird.

Die Handlung von „Weltpuff Berlin“ ist schnell erzählt: Ein Student der klassischen Sprachen verschlampt seine Doktorarbeit, lebt auf großem Fuß und wurde von der Natur mit atemberaubenden sexuellen Fähigkeiten ausgestattet. Das alles spielt im Berlin des Jahres 1901. Der Autor nimmt sich die Freiheit, viele Einzelheiten der legendären RoaringTwenties, der Goldenen Zwanziger, in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg vorzuverlegen. Das wird in den Nachbemerkungen des Herausgebers Gerhard Schuster angedeutet.

Autobiografische Züge

Der 24-jährige Protagonist, mit stark autobiografischen Zügen angelegt, erzählt von sich und seinen zuweilen im Stakkato folgenden sexuellen Erlebnissen. Die Frauen, mit denen er sich umgibt, sind ausnahmslos bewundernswerte Schönheiten aus den unterschiedlichsten Kreisen der keineswegs konservativen wilhelminischen Reichs-Hauptstadt. Neben den Betten sind die gesellschaftlichen Verhältnisse die Schauplätze dieses Romans.

Das Buch ist in einem Milieu angesiedelt, in dem Geld nur selten eine Rolle spielt, in der ein großzügiger junger Mann mit Scheinen und Goldmünzen nicht etwa Liebesdienste bezahlt, sondern erotische und menschliche Ausstrahlung belohnt. In diesen Genuss kommen Zimmermädchen ebenso wie manche Baroness.

Viele, viele Bett-Geschichten

Die Aneinanderreihung von Bett-Geschichten wäre über so viele Seiten langweilig – wenn der Autor nicht über exquisite literarische Fähigkeiten verfügen würde, die die Herausgabe dieses lange im Deutschen Literaturarchiv Marbach unter Verschluss gehaltenen Werks rechtfertigen.

Borchardt schreibt einen eleganten Stil, als er – in aller Heimlichkeit vor seiner Umgebung – den Roman in den 1930er-Jahren im zunächst freigewählten italienischen Exil niederschreibt. Seine jüdische Herkunft verschloss ihm ab 1933 den deutschen Buchmarkt. Borchardt erzählt von den wiederkehrenden erotischen Erlebnissen in immer neuen Worten. Die virtuose sprachliche Umsetzung beglaubigt mit literarischen Mitteln den ebenso virtuosen Umgang des Protagonisten mit seiner Potenz.

Nichts für Fremdsprachen-Muffel

Zur Sprache des gebildeten Autors gehört es auch, dass lange Passagen in Dialogen auf Englisch und Französisch geführt werden, dass auf der Tanzfläche die Konversation auch schon mal auf Lateinisch auf das Entscheidende hinlenkt. Auch altgriechische Quellen früher erotischer Literatur werden im Original zitiert – ein Anhang mit den Übersetzungen ist dazu notwendig.

Der Text ist in Manuskriptform übernommen und wurde nicht glattgeschliffen. Das bedeutet zum Beispiel, dass Borchardt Ehrenpräsident der „Gesellschaft zur Rettung des Dativ-e“ sein könnte. Der zeitlose Inhalt und die Sprache bilden einen gelungenen Kontrast und auch eine glückliche Einheit.