Die Bayreuther Festspiele stehen kurz vor der Premiere – da wirft Tenor Roberto Alagna das Handtuch. Er hätte den Lohengrin in der Neuinszenierung singen sollen, auf die derzeit die ganze Welt hinfiebert. Doch dann fiel dem Franzosen auf, dass er doch nicht gut genug Deutsch kann, um in einer Wagner-Oper zu bestehen.

Ich war ehrlich gesagt erleichtert. Nicht direkt wegen Alagna, sondern weil es bis dahin so verdächtig ruhig war um die Bayreuther Festspiele. Skandale, kurzfristige Absagen, Rauswürfe und Umbesetzungen gehören zu Bayreuth wie der „mystische Graben“ zum Festspielhaus. Ein Jahr ohne Aufreger wäre so, als würde man den Deckel von diesem sagenumwobenen Orchestergraben nehmen und Wagners Musik so spielen wie überall sonst.

Schon 2017 war es erstaunlich ruhig geblieben. Da hatte der „Meistersinger“-Regisseur Barrie Kosky die Festspiel-Chefin Katharina Wagner und die Arbeitsbedingungen auf dem Grünen Hügel sogar bis über den Klee gelobt: „Sie hat mir mehr Probenzeit, mehr Geld für die zugegeben aufwendigen Kostüme und eine fantastische Besetzung gegeben. Das kann auf der ganzen Welt nicht besser gesungen werden.“ Das klang nach geradezu beängstigend viel Harmonie.

Das konnte und durfte sich in diesem Jahr nicht wiederholen. 2016 hatte der Dirigent Andris Nelsons Bayreuth mitten in den Proben zum „Parsifal“ fluchtartig verlassen. Daran musste man anknüpfen. Eine Premiere ist schnell vorbei. Da ist es wichtig, sich mit den richtigen Schlagzeilen vorab ins Gespräch zu bringen.

Nein, ich glaube natürlich nicht, dass es die Bayreuther Festspiele extra darauf anlegen. Aber man kann sich ja trotzdem mal vorstellen, dass man in Bayreuth wusste, wen man mit Roberto Alagna engagiert und wozu er bereit ist, wenn er sich in seinem Stolz verletzt fühlt. Legendär geworden ist sein Auf- bzw. Abtritt als Radames („Aida“) in der Mailänder Scala im Jahr 2006. Als er da nach einer Arie ausgebuht wurde, verließ er nicht nur die Bühne, sondern gleich die gesamte Aufführung. So gesehen muss man natürlich dankbar sein, dass er den Lohengrin bereits kurz vor der Premiere und nicht erst nach dem erst Akt hingeworfen hat.

Ende Mai hatte Alagna übrigens in einem Interview gesagt, er habe sich gefragt, warum Bayreuth ausgerechnet ihn engagieren wolle, da er kein Wagner-Tenor sei. Das hatten sich tatsächlich viele gefragt. Alagna ist spezialisiert auf das italienische und französische Fach. Wenige Tage nach Alagnas Absage präsentierten die Bayreuther Festspiele dann aber den Ersatz: Piotr Beczala singt jetzt den Schwanenritter. Und viele finden, das ist ohnehin die passendere Besetzung für diese Rolle.

Beczala selbst offenbar auch. Jedenfalls hatte er eigentlich damit gerechnet, von Bayreuth dafür gefragt zu werden. In einem Interview sagte er, sein Debüt als Lohengrin in Dresden 2016 sei als eine Art Generalprobe für Bayreuth gedacht gewesen: „Dann hat sich alles weiterentwickelt – und ich war nicht auf der Bayreuther Besetzungsliste. Es war wirklich ein bisschen mysteriös. Und ich war sehr enttäuscht, weil da etwas wieder zurückgepfiffen wurde.“

Aber jetzt ist alles wieder gut. Piotr Beczala darf doch noch ran. Und Bayreuth hatte seine wohlverdienten Schlagzeilen im Vorfeld.