Warum bloß haben so viele junge Frauen ausgerechnet den erklärten Anti-Feministen Donald Trump zum neuen US-Präsidenten gewählt? Eine Antwort auf diese Frage findet sich in Helmut Kohls Mantra, die Familie sei die Keimzelle der Demokratie. Das stimmt nämlich nicht. Wirklich aufgeklärte Debatten auf Augenhöhe sind an heimischen Küchentischen heute so selten anzutreffen wie vor hundert Jahren, 68er-Bewegung hin oder her.

War Töchtern etwa damals noch verboten, eigene Karriereziele zu artikulieren, so ist ihre errungene Freiheit längst ins Gegenteil gekippt. Einfach Hausfrau sein, das geht nicht mehr, mindestens Ärztinnen oder Anwältinnen sollen sie nun werden: Erwartungsdruck als Preis für Gleichberechtigung. In Amerika, sagt die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling, wären heute viele Frauen lieber eine Melania Trump als eine Hillary Clinton.

Die Art des Drucks wird subtiler

Eltern setzen ihre Kinder heute genauso unter Druck wie eh und je, nur die Art und Weise wird subtiler. Und hinter manch unverständlich anmutender Wahlentscheidung – ob im Politischen oder Privaten – versteckt sich nichts anderes als der Versuch, diesem Familiengefängnis zu entfliehen. Romeo und Julia etwa, Shakespeares berühmtes Liebespaar: Ist es wirklich die Liebe, die sie zueinander führt?

In Stuttgart ist das Stück „Romeo und Julia“ nun auf der Bühne des Schauspielhauses zu erleben. Und wer eine Vorstellung besucht, der beginnt an diesem Mythos zu zweifeln.

Regisseur Oliver Frljic lässt das Stück mit seinem Ende beginnen. Romeo (Jannik Mühlenweg) und Julia (Nina Siewert) liegen schon in ihren Särgen, der Tod naht. Die bis zuletzt verfeindeten Familien Capulet und Montague reichen einander die Hände. Es ist ein Friedensvertrag, für den zwei Menschen sterben mussten.

Das Leben im Schnelldurchlauf

Menschen mit Nahtoderfahrung berichten von einem imaginären Film: Das ganze Leben spielt sich noch einmal ab, im Schnelldurchlauf. Auf der Bühne bekommen wir diesen Film aus Romeos und Julias Sicht zu sehen. Da ist der Ball im Hause Capulet, eine alptraumartige Ansammlung von Familien-Mitgliedern: Ihre Masken stammen aus der verstörenden Bildwelt des Hieronymus Bosch, zeigen verstörende Schweinsgesichter und Vogelwesen. Familienfeier als Horror-Veranstaltung.

Anders als bei Shakespeare ist Romeo hier als Einziger unmaskiert und gewinnt gerade deshalb Julias Aufmerksamkeit. Ein Mann aus anderem Hause: Nimm mich mit, befreie mich aus dieser Familienhölle!

Warum sie es mit ihrer Flucht so eilig hat, zeigt sich wenig später. Da macht ihr der Vater Capulet (Klaus Rodewald) unmissverständlich deutlich, was er von der Tochter erwartet. Nämlich eine Ehe mit dem Grafen Paris (Benjamin Pauquet) einzugehen: eine gute Partie. Weil der leider ein rechter Clown ist, mag Julia nicht. Und so entwickelt sich der väterliche Erwartungsdruck zu einer wahren Psychose. In penetranter Wiederholung bellt er sie an: „Gehörst du mir, so geb‘ ich dich meinem Freund. Wenn nicht, dann gras‘, wo du willst. Aber nicht in meinem Haus!“

Den Todfeind umarmen

Es gibt keinen geeigneteren Weg, seiner Familie zu entkommen, als deren Todfeind zu umarmen. Und es gibt zugleich keinen Weg, der so zuverlässig in den eigenen Tod führt: den Tod als Tochter und Sohn. Romeo und Julia sind nicht zueinander gekommen, sondern geflohen. Jetzt, wo es ans Sterben geht, drängt sich die Ahnung auf: Um Liebe ist es nie gegangen. Der andere war bloß ein Instrument, ein Werkzeug, um sich von der Umklammerung der Eltern zu befreien. „Liebst du mich?“, fragt Julia ängstlich und kennt doch längst die Antwort. Romeo hebt an: „Ich schwöre …“ Nein, nein, unterbricht sie ihn. Nicht schwören, bitte nicht!

Bühnenbildner Igor Pauska findet für diesen familiären Alptraum eindrucksvoll surreale Bilder. Spiegel, in denen die Figuren ihre ärgsten Verfolger erblicken. Kirchengebäude, die auf der Bühne zu Gefängnissen mutieren.

Julia (Nina Siewert) erblickt im Spiegel ihren ärgsten Verfolger, Graf Paris (Benjamin Pauquet).
Julia (Nina Siewert) erblickt im Spiegel ihren ärgsten Verfolger, Graf Paris (Benjamin Pauquet). | Bild: Thomas Aurin / Schauspiel Stuttgart

Keine Frage: Auf dieser Ebene funktioniert Oliver Frljics Regie-Konzept. Auf einer anderen scheitert es krachend. Dass Romeo und Tybalt (David Müller) eine homoerotische Beziehung verbindet, die durch die Beziehung zu Julia nur unterbrochen wird, macht aus der ohnehin schon komplexen Gemengelage ein unverständliches Beziehungs-Chaos. Es ist die eine Schraubenumdrehung zu viel, mit der diese so poetisch rätselhafte Inszenierung einen unnötig plakativen Anstrich erhält.

Nicht zuletzt ist Schauspieler Jannik Mühlenweg mit dieser Zerrissenheit überfordert, sein Romeo wirkt bisweilen hysterisch. Nina Siewerts Julia dagegen überzeugt als eine Frau, die sich von den familiären Umständen zur Liebe getrieben sieht. Großartig auch Klaus Rodewald als starrsinnig auf seinen Plänen beharrender Vater Capulet. Sein Wille wird nicht erfüllt. Der seiner Tochter Julia aber auch nicht. Wo Familie zum Gefängnis wird, gibt es am Ende nur Verlierer.

Weitere Vorstellungen von „Romeo und Julia“ gibt es am 28. November 2018 sowie am 15., 19., 23. und 30. Dezember am Schauspielhaus Stuttgart. Weitere Informationen finden Sie hier.