Schadenfreude ist die schönste Freude, sagt der Volksmund. Und offenbar stimmt es ja auch: Etliche Unterhaltungssendungen generieren aus dem Prinzip Missgeschick ihre Einschaltquoten – nicht erst, seit ein Schadenfreude-Schürer wie Stefan Raab das Publikum erobert hat. Und wenn es dann noch Promis sind, denen in Sachen Kleidung oder Schminke etwas verrutscht – umso schöner. Forscher behaupten, der Grund für die Schadenfreude liege darin, dass sie uns selbst im direkten Vergleich mit anderen besser dastehen lässt. Und dass es vor allem Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl sind, die zur Schadenfreude neigen.

Leiden wir also verstärkt unter einem geringen Selbstwertgefühl? Immerhin relativiert sich dieser Eindruck angesichts der Tatsache, dass Sergej Prokofjew bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Schadenfreude zum Clou seiner Operngroteske "Die Liebe zu drei Orangen" machte. Hier ist es ein namenloser Prinz, der unter schweren Depressionen leidet. Sein Vater, der König, bietet sämtliche Unterhaltungskünstler am Hof auf, doch der Prinz ist durch nichts zu erheitern. Erst durch einen plötzlichen Ausbruch an Schadenfreude wird er geheilt. Das Dumme ist nur, dass diejenige, der das Missgeschick passierte, vor den Augen des Prinzen zu stolpern und hinzufallen, eine Hexe ist. Sie rächt sich umgehend mit einem Fluch: Der Prinz muss sich in drei Orangen verlieben. Und tatsächlich macht er sich unmittelbar auf die Suche nach den drei heiß begehrten Orangen. Er kann sie aus der Küche einer gefährlichen Köchin befreien und findet buchstäblich in ihnen seine Prinzessin. Ende gut, alles gut.

Die Erwartungen des Publikums

Und die Moral von der Geschichte? Schadenfreude ist ein Medikament. Sie kann Depressionen heilen. Das ist allerdings nur ein Aspekt der Story, in der Prokofjew (er schrieb das Libretto nach einem Stück von Carlo Gozzi) Märchen und Commedia dell' arte mit einer zeitgenössischen Kritik am spätromantischen Musikdrama verband. Die "Liebe zu drei Orangen" ist auch eine Anti-Oper. Und sie thematisiert zugleich einen theaterästhetischen Diskurs über die Frage, welche Erwartungen das Publikum an das Theater hat – und worüber es lachen möchte.

Nicht jeden nämlich reizt die bloße Schadenfreude. Prokofjews Operngroteske ist daher als Theater im Theater angelegt. Verschiedene Publikumsgruppen schauen dem Spiel um die drei Orangen zu, formulieren ihre Erwartungshaltungen und geraten untereinander in Streit: Die Tragischen wollen eine tiefsinnige Tragödie sehen, die Komischen geistvolle Komödien und die Lyrischen fordern Romanzen. Und dann gibt es noch die Hohlköpfe, die einfach nur über Possen lachen wollen. Bis zu einem gewissen Grad gibt Prokofjew ihnen allen, was sie wollen – obwohl (oder vielleicht auch weil) sich seine Groteske allen verweigert.

Ein Regisseur, der das auf die Bühne bringt, muss sich ebenfalls die Frage stellen: Worüber lachen wir? Und sollte er es schaffen, noch die unterschiedlichsten Publikumserwartungen zu erfüllen, ist ihm ein Coup gelungen. Davon allerdings ist Axel Ranischs Inszenierung für die Stuttgarter Oper dann doch noch ein gutes Stück entfernt – auch wenn sie am Premierenabend jede Menge Lacher ernten konnte.

Die Oper als verpixeltes Computerspiel

Es liegt nicht an der Idee, das Stück als ein verpixeltes Computerspiel der frühen Neunzigerjahre auf die Bühne zu bringen. Die greift, weil sich die Handlung im Computerspiel durch Knopfdruck in die absurdesten Richtungen bewegen lässt und dabei genauso unlogisch verläuft wie in den "Drei Orangen". Allerdings schöpft Ranisch erst im zweiten Teil das Potenzial dieser Idee aus und lässt den Jungen (Ben Knotz vom Kinderchor der Stuttgarter Oper), der "Orange Desert III" an seinem Atari spielt, sichtbar in das Spiel eingreifen, bis er sich schließlich ganz in der virtuellen Welt verliert und von seinem computertechnisch völlig überforderten Vater gerettet werden muss. Das bringt den hintersinnigen Witz ins Spiel, den man in der ersten Hälfte schmerzlich vermisste. Es macht geradezu den Eindruck, als habe Ranisch das Stück vom Schluss her inszeniert.

Bis zur Pause nämlich bleibt das Computerspiel im wesentlichen Kulisse. Es wird in Bühnenbildern sichtbar, die sich wie aus Pixeln legosteinartig zusammensetzen (Bühne: Saskia Wunsch) und in den bunten Kostümen von Bettina Werner und Claudia Irro und natürlich den Computeranimationen (Till Nowak) ihre Fortsetzung finden. In den Kulissen selbst aber spielt sich kaum mehr als überraschungsfreier Klamauk ab. "Natürlich versucht man auf der Bühne immer, etwas Lustiges auch lustig zu spielen. Dagegen muss man ständig ankämpfen. Das macht Komödie so schwierig", gibt Axel Ranisch im Interview zu Protokoll – und formuliert damit im Grunde die Kritik an seiner eigenen Inszenierung. Die nämlich bleibt allzu oft in dem Versuch stecken, auf Teufel komm raus lustig sein zu wollen. Bis Ranisch das Blatt endlich wendet, geht viel uninspirierte Hampelei über die Bühne.

Kraft- und lustvolles Spiel

Was ihm aber gut gelingt, ist die Abstimmung einzelner Bühnenaktionen auf die Musik. Diese hat Prokofjiew in schnellen Schnitten ganz auf die Szene abgestimmt. Sie illustriert, sie parodiert – und nimmt dabei keine Rücksicht auf Eingängigkeit oder Gefälligkeit. Das Stuttgarter Solistenensemble (es singt eine deutsche Übersetzung von Werner Hintze) kommt damit gut klar. Vor allem überzeugen Elmar Gilbertsson als melancholischer und etwas dümmlicher Prinz, Esther Dierkes als durchtriebene Prinzessin Ninetta und Daniel Kluge als bisweilen verzweifelter Spaßmacher Truffaldino. Auf der Seite der Guten kämpft außerdem der Zauberer Celio (Michael Ebbeke), auf der Gegenseite verbünden sich Prinzessin Clarice (Stine Marie Fischer), Leander (Shigeo Ishino) und die Hexe Fata Morgana (Carole Wilson).

Dirigent Alejo Pérez lässt das Staatsorchester Stuttgart kraft- und lustvoll aufspielen. Und natürlich wird auch der Marsch (der einzige, dafür umso hartnäckigere Ohrwurm der Oper) gebührend in Szene gesetzt. Anfangs erklingt er auch als synthetische Computerspielmusik, gerade so als hätte Prokofjew sie dafür komponiert. Ja, die Idee mit dem Computerspiel hat durchaus Potenzial.

Weitere Aufführungen: 5., 14., 17 und 19. Dezember; 4. und 11. Januar; 9., 14. und 22. April. Infos und Tickets: http://www.staatsoper-stuttgart.de

Drei Fragen an Axel Ranisch, Regisseur von "Die Liebe zu drei Orangen"

Bild: Matthias Baus

Wasging Ihnen bei der ersten Lektüre durch den Kopf?

Alle 2 Seiten hab ich gedacht: Nein, das glaub ich jetzt nicht! Mensch, die Idee hätte auch von mir sein können. Kicher, kicher.

Was war die größte Schwierigkeit?

Die Dichte des Werkes. Es passiert so viel auf so engem Raum, mit so vielen Menschen. Das will alles erstmal inszeniert sein.

Der stärkste Satz des Abends?

Der Prinz beim Abschied zu seinem Vater: „Ich glaube, wenn ich hier bleibe, dann packt mich wieder diese Traurigkeit.“