Wollen wir wirklich für immer jung sein? Selbst der Songtext von „Forever young“, von Marian Gold geschrieben und von Bernhard Lloyd und Frank Mertens vertont, 1984 von Alphaville aufgenommen, stellt zumindest die Frage, ob das erstrebenswert ist. „Der Himmel kann warten“, eine Zeile aus dem Song – das aber ist das Motto der beiden Damen und der drei Herren, die im Altersheim, das einst das Theater Konstanz war, dem resoluten Regiment der Schwester Lydia mit Songs aus der guten alten Zeit zu entkommen versuchen.

Tragikomisches Songdrama

Das Stadttheater hat das tragikomische Songdrama von Erik Gedeon in der Regie von Tim Kramer ins Programm gehoben – sehr zur Freude des Premierenpublikums, das keineswegs nur die Generation Silber dominierte. Die Schauspieler spielen sich selbst, wie sie sich in 50 Jahren sehen könnten: Als lallender und zitternder Alt-Hippie (Thomas Fritz Jung), als mit Turban behütete Lady, die mit Fäkaliensprache um sich wirft (Anne Simmering), als mit Monroe-Perücke ausstaffierte Alte mit Gedächtnisverlust (Katrin Huke), als humpelnden Dandy (Ingo Biermann), der seiner Frau Katrin so gut wie alles verzeiht und als leicht dementen Gernegroß (André Rohde), der im rotsamtenen Königsmantel den Ton angeben will. Während Schwester Lydia (Lydia Roscher) mit Kinderliedern und Sacro-Pop zu beruhigen versucht, flippen die Alten aus, wenn sie alleine sind. Da darf der aus dem Christbaum geangelte Joint nicht fehlen, erinnert er doch an Zeiten, wo Steine schmeißen, im Baumhaus gegen den Autobahnbau protestieren und An-die-Schienen-ketten besonders geil war.

Schlicht und klischeehaft

Wenn auch die Dialoge, Statements und Monologe eher schlicht und klischeehaft sind – die Show lebt durch die Musik. Bestens gecovert sind die Songs aus der Rock’n’Roll-Zeit (musikalische Leitung Tobias Schwencke). Die Live-Band mit Keyboard (Rudolf Hartmann), Gitarre (Stefan Gansewig/Wolfgang Kehle), Bass (Arpi Ketterl) und Schlagzeug (Frank Denzinger) liefert in Glitzer-Jacketts authentischen Sound, und die Schauspieler entpuppen sich als grandiose Schlagersänger mit durchaus tragfähigen Stimmen – großes Lob an den Vocal Coach Darja Godec. Besonders in Simon & Garfunkels „Scarborough Fair“ begeistern die kreativen Improvisationen mit Didgeridoo, Stimmen-Imitationen von Papageien-Kreischen und Affen-Kickern. Oder das „Born to be wild“, gesungen mit Sonnenbrillen im Disco-Licht, ausgestattet mit Rollstuhl-Akrobatik und Fahnen schwenkender Alten.

Erweckungs- und Mitmach-Lieder

Schwester Lydia spielt noch ganz andere musikalische Qualitäten aus: Neben ihren Erweckungs- und Mitmach-Liedern hat sie einen großen Auftritt in Opern-Gala-Manier: Eine Bach-Kantate, umgedichtet auf Wörter vom Dahinscheiden, das sie ihren Bewohnern offensichtlich wünscht: Sterben / Verrecken / Krepieren / Verröcheln – in schönsten Koloraturen verziert. „Meinen Bach so zu verhunzen“, beklagt sich Frau Simmering entrüstet.

Bühne wie ein Flohmarkt-Laden

Die Bühne mutet an wie ein Flohmarkt-Laden: Mit klapprigen Sesseln und Sofas ausstaffiert, mit riesigem Gummi-Krokodil und Goldfischglas, mit geschmücktem Plastik-Tannenbaum und altertümlicher Stehlampe. Auch die Kostüme zeigen einen Querschnitt aus dem Theater-Fundus: Fuchs-Stola und schwarzes Spitzenkleid, feines Kostümchen mit langem Schal, seriöser Anzug mit Weste, Hunde-Pantoffeln und Königsmantel mit Tigerfell-Kragen sowie Hippie-Kluft mit Hut (Ausstattung Gernot Sommerfeld). Wie die Schauspieler ihren Rollen zwei Stunden lang treu bleiben und akrobatische Fähigkeiten an den Tag legen, das verdient Applaus: Der Klammer-Blues, der im Liegen endet, der Sturz von der Bühne, der gehumpelte Tanz, der Kuss mit Verrenkungen.

Plakativ überzogen

Alle optischen, akustischen und gymnastischen Reize können nicht darüber hinweg täuschen, dass dem plakativ-überzogenen Stück, das bedenklich nahe am Slapstick, ja an der Klamotte entlang tingelt, jedes Fünkchen Tiefgang fehlt, wie man es aus thematisch Ähnlichem kennt. Etwa aus dem großartigen Fernsehfilm „Die Spätzünder“ mit Jan Josef Liefers und Joachim Fuchsberger oder aus Til Schweigers berühmtem Film „Honig im Kopf“ mit Dieter Hallervorden. In „Ewig jung“ können auch die zusammengewürfelten Shakespeare-Zitate das Stück nicht in die Seriosität retten.

Leichtigkeit gegen Schwermut

Vielleicht hätte man die Schauspieler-Statements, die im Programmheft abgedruckt sind, einbeziehen können. Sie enthalten zumindest einiges an Nachdenkenswertem über das Älterwerden: Leichtigkeit hilft gegen Schwermut / Man hat die Freiheit, Dinge offen sagen zu können / Vergessen kann auch Loslassen oder Verzeihen bedeuten / Man will lernen, Dinge bewusster und liebevoller anzugehen. „We Shall Overcome“ singen Schauspieler und Publikum zum Schluss gemeinsam: „Wir werden es überwinden“? – Klar doch, sterben werden wir schließlich alle!

„Ewig jung“ dauert 120 Minuten ohne Pause. Die nächsten Vorstellungen: Am 01. Dezember um 20 Uhr, 2. Dezember um 18 Uhr, 4. Und 6. Dezember um 20 Uhr. Karten per Mail an:http://theaterkasse@konstanz.de