Es ist ein wilder Mix aus einer Komposition von 1908, einem Ballett von 1933, einer feministischen Streitschrift und Elektro-Punk aus dem 21. Jahrhundert. Und er funktioniert hervorragend. Das zeigt die ebenso vielschichtige wie versierte, über alle Maßen gelungene und vor allem mutige Mischung im Stuttgarter Schauspiel: Erstmals nach mehr als 20 Jahren kooperieren in „Die sieben Todsünden / Seven Heavenly Sins“ Schauspiel, Ballett und Stuttgarter Oper wieder miteinander.

Herausgekommen ist ein imposantes Gesamtkunstwerk, das Sozialkritik und die heftige Rüge an einer Gesellschaft, die die Frau unterwirft und dem Kapitalismus frönt, zu verbindenden Elementen macht. Dafür gab es bei der Premiere im Schauspielhaus über zehnminütigen ausgelassenen Applaus.

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Im ironisch-sarkastischen Ballett mit Gesang – von Bertolt Brecht und Kurt Weill – über die Verbrechen eines kapitalistischen Systems schickt Regisseurin Anna-Sophie Mahler die Schauspielerin Josephine Köhler und den Tänzer Louis Stiens zu dessen Choreografie in den Boxring (Bühne: Katrin Connan) sowie die 52 Jahre alte kanadische Electroclash-Sängerin Peaches, die in Berlin lebt, in Springerstiefeln und hellem Overall (Kostüme: Marysol del Castillo) an den Punchingball.

Schauspielerin Josephine Köhler (links) und Tänzer Louis Stiens stehen im Ring.
Schauspielerin Josephine Köhler (links) und Tänzer Louis Stiens stehen im Ring. | Bild: Bernhard Weis / Staatsoper Stuttgart

Es ist der Kampf der androgyn vervielfältigten Anna gegen sich selbst, gegen das Leben und eine Familie, die sie für den Preis eines Eigenheims zur Prostitution und anderen fragwürdigen Handlungen nötigt. Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Wollust, Habsucht und Neid: Eindringlich gesungen von Opernmitgliedern und Peaches mit großartiger Bühnenpräsenz und begleitet vom Staatsorchester Stuttgart, das – dirigiert von Stefan Schreiber – wie Publikum um den Ring sitzt, flackern die Vergehen unter hochjagenden Streichern und Schlagzeugeinsatz auf und stellen die Frage nach dem Laster und den Sündigen immer wieder neu.

Ergreifendes Spektakel

Grandiose Bilder, Licht- und Schatten-Effekte und Allegorien von Macht und Ohnmacht auf dem Transparentvorhang machen daraus ein ergreifendes audio-visuelles Spektakel. Starker Gegenpart ist Peaches’ provokanter Auftritt mit nackter Haut und fünf Brüsten, bei dem sie sich mit hämmerndem Elektro-Punk, darunter der Erfolgssong „Fuck The Pain Away“, und Vagina-Kostümen in schreiend rotem Licht als Kämpferin gegen eingefahrene Geschlechterrollen und für die Gleichberechtigung von Frauen, Randgruppen und sexuelle Freiheit empfiehlt.

Sängerin Peaches steht zwischen zwei tanzenden Vaginas.
Sängerin Peaches steht zwischen zwei tanzenden Vaginas. | Bild: Bernhard Weis / Staatsoper Stuttgart

Hyperkapitalismus, Konsumterror, auf Gewinn zielende Ausbeutung des Menschen in allen Bereichen des Lebens, befeuert von der Digitalisierung – in Stuttgart läuft das Stück der Stunde. Virginie Despentes’ autobiografischer Essay „King Kong Theorie“ passt – von Köhler beeindruckend gegeben – als Plädoyer für die ungeliebten Frauen, die mit den „dicken Hintern und borstigen Haaren am Körper“, hervorragend ins Konzept dieser Emanzipation von Idealen, Zwängen und Erwartungen.

Sinnliche Pantomime

Schließlich ist da Charles Ives‘ „Unanswered Question“, ein Schlüsselwerk der musikalischen Moderne: Mit sinnlicher Pantomime begleitet die einstige Tänzerin Melinda Witham das Fragemotiv der Trompete, beantwortet von dissonanter Kakofonie des Orchesters, die die Idylle im aufgehenden Bühnenlicht harsch durchbricht. Klasse.

Weitere Aufführungen von „Die sieben Todsünden“ am 7., 12., 17. und 25. Februar 2019 sowie am 2., 10., 23. und 30. März im Schauspielhaus Stuttgart. Informationen gibt es hier.

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