Dass unsere Städte und Dörfer nicht allzu sehr verschandelt werden – das liegt am Paragraf 34 des deutschen Baugesetzbuches. Dort heißt es nämlich in Satz (1): „Innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile ist ein Vorhaben zulässig, wenn es sich nach Art und Maß der baulichen Nutzung (…) in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt (…); das Ortsbild darf nicht beeinträchtigt werden.“

Harmonisches Ganzes

Der Paragraf verhindert zwar keine gebauten Scheußlichkeiten, solange in Bezug zur Umgebung die Proportionen stimmen. Und er bindet kreativen Architekten zum Glück auch nicht die Hände, wenn diese ein ganz modernes Gebäude errichten wollen. Was der Paragraf aber garantiert, ist, dass ein Dorf oder ein Stadtteil ein einigermaßen harmonisches Ganzes bleibt.

Ein liegender Wolkenkratzer in Venedig

Freilich, gegenüber gewissen Disharmonien, die eine Stadt erleiden muss, ist auch dieser Paragraf machtlos. Bestes Beispiel ist Venedig: Ein Kreuzfahrtschiff, das in der dortigen Lagune parkt und die Maße eines liegenden Wolkenkratzers hat, fügt sich beim besten Willen nicht harmonisch ein. Das Ortsbild ist schwer beeinträchtigt.

Das Ortsbild von  Venedig ist durch  dieses Kreuzfahrtschiff beeinträchtigt. Im Prinzip ein Verstoß gegen Paragraf 34  des Baugesetzbuches.
Das Ortsbild von Venedig ist durch dieses Kreuzfahrtschiff beeinträchtigt. Im Prinzip ein Verstoß gegen Paragraf 34 des Baugesetzbuches. Bild: dpa | Bild: Andrea Merola

Zwar gilt für das italienische Venedig nicht das deutsche Baugesetzbuch. Aber das deutsche Baugesetzbuch wäre bei einer ähnlichen Konstellation in Deutschland genauso machtlos.

Gespür für Proportionen

Es geht um die richtigen Proportionen. Für die braucht‘s ein Gespür.

Das fehlte vielfach in den Nachkriegsjahren, als es galt, die autogerechte Stadt zu schaffen. Vierspurige Schneisen wurden durch die Städte geschlagen, Häuser aus der Gründerzeit oder aus dem Jugendstil, die im Krieg heil blieben, wurden von den Asphaltbahnen optisch erdrückt. Es passte nicht.

Verkehrsadern sind Fremdkörper

Solche Verkehrsadern sind Fremdkörper in einer gewachsenen Stadt. Sie fügen sich nach Art und Maß nicht ein. Zum Glück – auch dank der Klimadebatte – setzt sich die Erkenntnis durch, dass ihr Rückbau dringend geboten ist.

Breitreifen vor kleinen Häusern

Ein Gespür für Proportionen braucht es aber auch im kleinteiligeren Maßstab. Wer stolzer Besitzer eines mittelalterlichen, schön renovierten Hauses in einer engen Altstadtgasse ist, der kann unmöglich einen riesigen Geländewagen, womöglich noch mit extrabreiten Reifen, danebenstellen. Auch hier gilt: Es passt einfach nicht.

Das passt zu keinem Fuß der Welt

Noch ein Beispiel? Zu keinem Fuß, von Mann oder Frau, ob groß oder klein, dick oder dünn, platt oder hohl, passt ein Schuh mit extradicker Plateausohle. Er fügt sich nicht ein nach Art und Maß und beeinträchtigt vielleicht nicht das Ortsbild, aber das Menschenbild.

Geht‘s noch klobiger? Solche Schuhe passen zu keinem Fuß der Welt. Bild: dpa
Geht‘s noch klobiger? Solche Schuhe passen zu keinem Fuß der Welt. Bild: dpa | Bild: Daniel Dal Zennaro

Es lohnt sich also, den Paragraf 34 des deutschen Baugesetzbuches zu verinnerlichen und ihn einfach zu übertragen auf das übrige Leben.