Längst behauptet die vom Kunstverein Singen veranstaltete Biennale „SingenKunst“ einen festen und herausragenden Platz in der regionalen Ausstellungslandschaft. Unter dem assoziationsreichen Titel „Stadt, Berg, Fluss“ sind in den Räumen des Kunstmuseums Singen in diesem Jahr 21 Positionen der Gegenwartskunst aus Deutschland, der Schweiz und Österreich zu erleben. Der Titel nimmt Bezug auf das beliebte Spiel „Stadt, Land, Fluss“, wobei der Begriff Land aufgrund der besonderen Lage der Stadt Singen am Hohentwiel durch Berg ersetzt wurde und der Fluss natürlich auf die Aach verweist.

Eine metaphorische Klammer

In der sehenswerten Ausstellung spiegeln die Exponate die ästhetische und gedankliche Auseinandersetzung mit dem Thema auf vielfältigste Weise, wobei die Künstler in ihren Beiträgen die Aspekte von Stadt/Architektur/Mensch, Landschaft/Natur/Licht und Wasser/Bewegung/Veränderung unterschiedlich konkret reflektieren. Singen, Hohentwiel und Aach sollen in den Darstellungen nicht explizit gesucht werden. Eher mag das Motto als metaphorische Klammer funktionieren, die den weiten Bogen über das vielschichtige Spektrum der vorgestellten Gattungen und Materialien, Techniken und Ausdrucksformen spannt. So entfaltet sich der Parcours durch die über zwei Geschossebenen angenehm offen und luftig arrangierte Schau im Aktionsfeld zwischen Malerei und Zeichnung, Skulptur und Installation, Objektkunst, Video und Fotografie.

Der aus China stammende, heute in Stuttgart lebende Maler Xianwei Zhu lässt in seinen Landschaftsgemälden und Tuschezeichnungen fernöstliche und europäische Motive und Bildtraditionen atmosphärisch miteinander verschmelzen. Ebenso sinnlich wie elementar entwickeln sich die aus Pflanzenflugsamen akkurat aufgebauten Skulpturen „Haus“ und „Kegel“ der aus Rottweil-Hausen stammenden Künstlerin Angela M. Flaig:

Das filigrane „Flugsamenhaus“ der Rottweiler Künstlerin Angela M. Flaig ist akkurat aus Pflanzenflugsamen aufgebaut.
Das filigrane „Flugsamenhaus“ der Rottweiler Künstlerin Angela M. Flaig ist akkurat aus Pflanzenflugsamen aufgebaut. | Bild: Kunstmuseum Singen

Deren filigraner Leichtigkeit setzt der Bildhauer Armin Göhringer aus Zell am Hamersbach die wuchtige Holzplastik „Stadt. Berg. Fluss. Dreiklang im Gleichgewicht“ entgegen und lotet darin auf faszinierende Weise das Kräftespiel zwischen Tragen und Lasten aus.

„Wie erzähle ich eine Landschaft, wenn Berge Namen haben?“, fragt der Österreicher Harald Gfader aus Feldkirch in seiner aus panoramahaften Landschaftsgemälden, Berg-Fotografien und Glas-Objekten bestehenden konzeptuellen Wandarbeit:

Harald Gfaders „Fibonacci-Idyll“ besteht aus Landschaftsgemälden und Bergfotografien.
Harald Gfaders „Fibonacci-Idyll“ besteht aus Landschaftsgemälden und Bergfotografien. | Bild: Kunstmuseum Singen

Dem Werkstoff Gestein im Verhältnis zu Raum und Bewegung spürt der Bildhauer Nikolaus Kernbach aus Aulendorf mit seiner aus Gneis gesägten mehrteiligen Bodenplastik „Raumschnitt“ nach. Mit Farbe und Stoff in den Raum interveniert der aus Zürich kommende Roland Dostal mit seiner monumentalen Installation „If the colours come from / the pale coloured house“ aus freihängende Acrylmalereien auf rohen Sackleinenbahnen.

Die traditionsreiche Technik der Hinterglasmalerei revitalisiert Richard Tisserand aus Stein am Rhein in seiner Arbeit „Grosse Spiegelung“, deren Darstellung einer lebhaft bewegten, in Licht und Farbe aufgelösten Wasseroberfläche auch an die Seerosenbilder von Claude Monet denken lässt. Die Transformation von alltäglichen Oberflächentexturen, seien es Straßenpflastersteine, Wasserbassins oder Schneereste in etwas anderes, unerwartetes artikuliert sich in der Mixed-Media-Installation „Send a river“, in der Christine Lederer aus Bludenz „mit der Poesie und den Empfindungen spielen will, die Stadt, Berg, Fluss auslösen“. Reflexionen von monochromen Oberflächen, verbunden mit der Durchdringung von Licht und Raum, spielen in den Werken von Gerhard Langenfeld aus Bad Saulgau eine zentrale Rolle, der in Singen die zweiteilige Lack-Arbeit „Lichthorizont“ zeigt.

Beschäftigung mit Heimat und Fremde

Aktuelle und frühere Arbeiten zum Sujet Berg, Haus und Wasser sind von Johannes Dörflinger aus Konstanz zu bewundern, der den Hohentwiel mit übermalten Polaroid-Fotos von 2018 ins Blickfeld rückt und das Thema außerdem in einem monumentalen, mystischen Triptychon von 1986 behandelt. Das harmlose Spiel mit Namen und Orten in „Stadt, Land, Fluss“ inspirierte Karolin Bräg aus München zur kritischen Beschäftigung mit Heimat und Fremde: Zitat-Collagen von Menschen aus Oberschwaben, die Flüchtlinge im deutschen Alltag begleiten, verdichtete sie zu einer inhaltsschweren, nachdenklich stimmenden Audio-, Sound- und Rauminstallation mit dem ambivalenten Titel „So ein goldenes Land“:

Karolin Bräg verarbeitet in „So ein goldenes Land“ Zitate von Menschen aus Oberschwaben, die Flüchtlinge im deutschen Alltag begleiten.
Karolin Bräg verarbeitet in „So ein goldenes Land“ Zitate von Menschen aus Oberschwaben, die Flüchtlinge im deutschen Alltag begleiten. | Bild: Kunstmuseum Singen

Aktion und Performance prägen schließlich die Annäherung von Roger Aupperle an das Ausstellungsthema: ausgerüstet mit einem Rucksack aus Lampenschirmen erkundete der Lichtkünstler aus Rottenburg einen Tag lang Singen und Umgebung und ließ seinen Besuch der Orte von einem Fotografen dokumentieren.

„Zum Spielen! Zum Staunen!“ lautet das Motto der Ausstellungsmacher im Vorwort des aufwendig und erfrischend anders gestalteten Kataloges. Gleichsam spielerisch und expermentierfreudig, auf jeden Fall aber auf unorthodoxe Weise begegnen dem Betrachter die Künstlernamen, die während der Vernissage von den Kunstschaffenden eigenhändig neben ihre Arbeiten auf die Wand geschrieben wurden.

SingenKunst 2019. Stadt, Berg, Fluss. Positionen zeitgenössischer Kunst aus dem westlichen Bodenseeraum. Bis 23. Juni im Kunstmuseum Singen. Öffnungszeiten: Di.-Fr. 14-18 Uhr, Sa.-So. 11-17 Uhr. Weitere Informationen: http://www.kunstmuseum-singen.de