Ist das Kunst oder kann das weg? Diese Frage stellen sich vor allem fachlich weniger sattelfeste Besucher zeitgenössischer Kunstausstellungen. Der Erste, der sich diese Frage stellte, hieß Marcel Duchamp. Ein von ihm 1914 in einem Pariser Warenhaus entdeckter Flaschentrockner wurde unversehens zum Kunstwerk erklärt. Möglich machte es allein seine schwungvolle Signatur. Fertig war das erste „Readymade“ (Fertigware) oder wie es auf Französisch heißt: „Objet trouvé“ – gefundener Gegenstand.

Aber was ist daran jetzt Kunst? Nun, so ein Gegenstand will ja erst mal gefunden werden. Außerdem gilt es, ihn in einen Kontext zu stellen, gemeinsam mit andern Werken zu präsentieren und ihm womöglich noch einen bedeutungsvollen Titel zu verleihen.

Marcel Duchamp mit Zigarre. Vor 100 Jahren präsentierte er mit "Fountain" ein Pissoir in New York und löste damit eine Diskussion über Kunst aus. | Bild: Niki Ekstrom
  • Stuttgart, Staatsgalerie: Keine Frage: Marcel Duchamp hat mit diesem Verständnis von Kunstproduktion ganz wesentliche Mechanismen nicht nur der postmodernen Kunst-, sondern auch der Medienwirklichkeit vorweggenommen. Für die Stuttgarter Staatsgalerie ist das Grund genug, diesem Mann gleich zwei Ausstellungen zu widmen. Los geht es mit einer „Duchampiana“ (bis 6. Januar). Der Begriff ist eine Wortschöpfung der japanisch-amerikanischen Künstlerin Shigeko Kubota. In einer bereits Anfang September eröffneten Schau spürt sie einem legendä-
    ren Schachspiel nach, das 1968 zwischen Duchamp, seiner Frau Alexina sowie dem Komponisten John Cage stattgefunden hatte: Am Spielfeld waren elektrische Kontakte angebracht, jeder Zug wurde in Licht- und Tonsignale umgewandelt. Werke von Duchamp selbst sind dann ab Ende November zu sehen, wobei die Staatsgalerie verspricht, hundert Antworten auf ebenso viele Fragen zu geben (23. November bis 10. März – www.staatsgalerie.de).
„La Tour Eiffel et jardin du Champ-de-Mars“ ("Der Eiffelturm auf dem Marsfeld", 1922, Öl auf Leinwand, 178,1 x 170,4 cm).
Robert Delaunay: La Tour Eiffel et jardin Champ des Mars, 1922. | Bild: Hirshhorn Museum and Sculpture Garden / Smithsonian Institution Washington DC / Lee Stalsworth
  • Zürich, Kunsthaus: Einen anderen wichtigen Wegbereiter der Moderne zeigt das Kunsthaus Zürich. Robert Delaunay (1885-1941) gehört zu den wenigen namhaften Künstlern, die sich die Grundtechniken des Malens weitgehend selbst beigebracht haben. Mit 17 gab er das Büffeln für die Schule auf, um bei einer Bühnenbildwerkstatt in die Lehre zu gehen. Doch statt ein Dienstleister für Theaterkünstler zu werden, nahm er schon bald eine Karriere als selbstständiger Künstler in Angriff.
    Delaunay erkannte, dass eine Kenntnis der physikalischen Gesetze des Sehens im Zeitalter der Fotografie und des Films an Bedeutung gewinnen würde. Mit seinen Fensterbildern entwickelte er einen neuartigen Stil, den der Schriftsteller Guillaume Apollinaire mit dem Wort „Orphismus“ bezeichnete. Das Kunsthaus Zürich nimmt nun zwei bedeutende Werke aus seiner eigenen Sammlung in den Blick und zeigt an ihnen, wie Delaunay zu einer zentralen Figur der Pariser Avantgarde werden konnte (bis 18. November).

    Im Dezember widmet sich das Museum dann einem anderen wichtigen Künstler des 20. Jahrhunderts: Oskar Kokoschka. Von ihm ist die Aussage überliefert, offizielle Kunst sei „immer Kitsch“, aus dem einfachen Grund, dass sie dem anonymen Besteller dient. Das unmittelbare Kunsterlebnis für den unabhängigen Betrachter werde dadurch ausgeschaltet. Als Erfüllungsgehilfe für Staatspropaganda war Kokoschka deshalb denkbar ungeeignet. Wie seine betont „inoffizielle“ Kunst wirkt, ist ab 14. Dezember zu sehen (bis 10. März 2019 – www.kunsthaus.ch).
Ein Werk von Johann Heinrich Füssli: Parzival befreit Belisane aus der Bezauberung durch Urma. Es entstand im Jahr 1783. | Bild: Fuseli, Henry
  • Basel, Kunstmuseum: Düster wird es im Kunstmuseum Basel, wenn eine Ende Oktober öffnende Ausstellung die lustvoll finstere Romantik des Johann Heinrich Füssli zeigt. Füssli hatte sich zunächst als Übersetzer der Dramen William Shakespeares einen Namen gemacht. Dort geht es ja bekanntlich mitunter recht blutig und bisweilen auch unheimlich zu. Zur Malerei gelangte er endgültig erst mit 26 Jahren durch die Bekanntschaft mit dem englischen Künstler Joshua Reynolds. Seine Prägung durch Shakespeares sollte jedoch unverkennbar bleiben: Seine Werke befassen sich bevorzugt mit dunklen Träumen und Visionen, oft sind sogar Motive aus Shakespeares Dramen ganz unmittelbar zu erkennen.

    Selbst geschult an den Schriften des Aufklärers Johann Joachim Winckelmann, entwickelte er sich auf dieses Weise schon bald zu einem Vordenker der Schwarzen Romantik – das Kunstmuseum verbindet seinen Namen sogar mit „Gothic Horror“. Die Ausstellung will sich gleichwohl weniger dem Grauen in Füsslis Werk widmen als vielmehr seiner theatralischen Dimension. Wie inszeniert der Künstler seine Figuren? Woher beziehen seine Kompositionen ihre Spannungsmomente (20. Oktober bis 10. Februar 2019)?

    Etwas weniger wild und dramatisch geht es in der Kunst des Fotografen Andreas Gursky zu. Im Unterschied zu Füssli wählt er bewusst eine möglichst neutrale Perspektive. Oder besser gesagt: Er untersucht, ob eine solche Neutralität überhaupt möglich ist. Seine Werke zeigen Ansammlungen von Menschen an Flughäfen oder in Fabrikhallen, Brennpunkte einer globalisierten Gesellschaft. Dabei gesellt sich zum ästhetischen Reiz oft ein politisches Unbehagen (29. September bis 13. März 2019 – www.kunstmuseumbasel.ch).
Balthus: Thérèse, 1938. Bild: The Metropolitan Museum of Art/Art Resource/Scala, Florenz
Balthus: Thérèse, 1938. | Bild: Balthus, Foto: The Metropolitan Museum of Art/Art Resource/Scala, Florenz
  • Basel, FondationBeyeler: Das Gefühl des Unbehagens kennen auch viele Betrachter eines anderen Künstlers nur allzu gut: Balthasar Klossowski de Rola, bekannt unter seinem Künstlernamen Balthus. Erst vor wenigen Jahren musste das Essener Folkwang-Museum eine geplante Ausstellung seiner Bilder kurzfristig absagen. Grund: Pädophilie-Verdacht. Es drohten juristische Konsequenzen.
    Tatsächlich sind manche Objekte des polnisch-deutsch-französischen Malers wegen ihrer erotischen Aufladung nicht zu Unrecht umstritten. Eine 13-jährige „Thérèse, träumend“, erschaffen 1938, präsentiert dem Betrachter scheinbar unwillkürlich ihren Slip. Und in der 1934 gemalten „Gitarrenstunde“ zeigt uns die Schülerin unten unbekleidet, während sie von ihrer Lehrerin an heiklen Körperstellen im Stil einer Gitarristin traktiert wird. Angesichts dieser Debatten gerät der Großteil des Werks von Balthus oft zu Unrecht in den Hintergrund. Die Fondation Beyeler in Riehen will einen umfassenden Blick auf das Schaffen des Künstlers ermöglichen (2. September bis 1. Januar 2019 – www.fondationbeyeler.ch).
  • St. Gallen, Kunstmuseum: Einen neuen Blick auf vermeintlich Bekanntes nimmt sich das Kunstmuseum St. Gallen gleich in zwei Ausstellungen vor. Nina Canell interessiert sich für jene Gegenstände unseres Alltags, die uns täglich wichtige Dienste erweisen, dabei aber kaum beachtet werden: Strom- und Glasfaserkabel beispielsweise. Und doch wissen wir nur wenig über die Beschaffenheit dieser Objekte. Canell schneidet sie auf, erforscht ihr Material sowie dessen Funktionen und setzt sie in skulpturalen Arrangements neu zusammen. Der Betrachter erhält eine Ahnung von der Wirkungsweise der heutigen modernen Datenverarbeitung und von den darin ständig gespeicherten Informationen (bis 25. November).

    Physisch weniger greifbar sind die in unserem Alltag präsenten Phänomene, denen sich die Gruppenausstellung „The Humans künstlerisch annähert. Es geht um unsere Vorstellungen von der Welt und jene Informationen, aus denen sich diese Vorstellungen speisen. „Fake News“ und „Alternative Wahrheiten“, heißt es in der Ankündigung, hätten die Art verändert, wie wir die Welt sehen und Nachrichten interpretieren.
    Die Kunst hatte schon immer ihren eigenen Blick auf die Wirklichkeit. „Alternative Wahrheiten“ ist bei ihr nicht problembehaftet, sondern Grundlage ihres Wesens. Insofern sind manch erhellende Erkenntnisse zu erwarten, wenn das St. Galler Kunstmuseum mit „The Human“ Künstler einlädt, ihre unabhängige Sicht auf die Welt zum Ausdruck zu bringen (15. September bis 17. März 2019 – www.kunstmuseumsg.ch).
  • Baden-Baden, Museum Frieder Burda: Fehlt noch was? Vielleicht das Museum Frieder Burda in Baden-Baden. Es wird sich ab November mit der „Brücke“ befassen, jener wichtigen Künstlervereinigung, die den Expressionismus entscheidend geprägt hat. Werke von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein und Emil Nolde werden zu sehen sein – vielleicht ist ein Blick auf diese Werke eine Reise über den Schwarzwald wert (17. November bis 24. März 2019 – www.museum-frieder-burda.de)