Plötzlich ist die Idee da. Jeder kennt diesen Moment, in dem irgendwo aus den Tiefen des Unbewussten die Lösung auftaucht, und man hat keine Ahnung, wieso es gerade jetzt passiert ist. Lange hat man darüber gegrübelt, über ein Computerproblem vielleicht oder über das perfekte Weihnachtsmenü, das noch alle Gluten- und Laktoseintoleranzen unter einen Hut bringt, und plötzlich steht einem die Lösung so kristallklar vor Augen, als sei sie eigentlich schon immer da gewesen. Wenn das passiert, haben wir einen Moment der Kreativität erlebt.

Nur, wie funktioniert Kreativität? Da die kreativen Denkprozesse weitgehend unbewusst ablaufen, wissen wir das nicht so richtig. Vor allem in der Kunst wurden kreative Einfälle oft als göttliche Eingebung oder als Genieblitz gewertet. Aber die Alltagskreativität funktioniert letztlich genauso. Stellt man sich Kreativität als Pilz vor, bekommt man sie zumindest etwas besser zu fassen. Denn auch vom Pilz sehen wir nur die Fruchtkörper, die wie die fertigen Ideen plötzlich vor einem stehen. Das Eigentliche aber spielt sich unsichtbar unter der Oberfläche ab. Dort lebt das Myzel, der größte Teil des Pilzes, und stellt ein Netz weiträumiger Verbindungen her, ähnlich, wie es wohl in unserem Unterbewusstsein geschieht.

Mit diesem Bild vor Augen ist es gar nicht mehr so abwegig, dass sich ein Komponist wie John Cage auch intensiv mit Pilzen beschäftigte. Dem Amerikaner ist das stets als ein kurioser Spleen ausgelegt worden. Aber in seinem Pilzfimmel beschäftigte er sich eigentlich mit Kreativität und mit Kunst. Wenn jetzt wiederum der Schweizer Theatermacher Christoph Marthaler einen Abend als Hommage an John Cage kreiert, dann geht es darin ebenfalls um all das – um Pilze und Kreativität, um Cages Kunst und um die Ausstülpungen des großen Kreativ-Myzels in Form von Harmonien. Und dies wiederum wird in die sehr spezielle, auch speziell schweizerische, auf stille Art urkomische Theatersprache Marthalers gefasst.

Christoph Marthaler trifft auf John Cage. Der amerikanische Komponist schleicht dabei immer wieder persönlich (Bernhard Landau) durch die Szene schleicht.
Christoph Marthaler trifft auf John Cage. Der amerikanische Komponist schleicht dabei immer wieder persönlich (Bernhard Landau) durch die Szene schleicht. | Bild: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Der etwas sperrige Titel „44 Harmonies From Apartment House 1776“, unter dem Marthalers neues Stück derzeit in der Zürcher Schiffbauhalle zu sehen ist, ist einer eher unbekannten Komposition John Cages entnommen, für die er, anstatt Töne hinzuzufügen, welche weggenommen hat. Cage nahm 44 Hymnusmelodien von Komponisten, die 1776 nicht älter als 20 Jahre alt waren, entfernte aus ihnen nach dem Zufallsprinzip einzelne Töne und ersetzte diese durch Pausen. Das Ergebnis klingt noch immer nach historischer Musik, aber auch zerlöchert wie eine alte Erinnerung, die uns plötzlich ins Gedächtnis kommt.

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Natürlich geht es an diesem Abend, für den Anna Viebrock einen Raum mit dem abgegriffenen Charme eines 60er-Jahre-Gemeindehauses entworfen hat, nicht nur um dieses Stück. Vordergründig dreht sich nicht einmal alles um John Cage. Obwohl der immer mal wieder durch die Szene schleicht (Bernhard Landau). Aber Marthalers Kunst verhält sich eben auch wie ein Pilz im Zusammenspiel aus Vorder- und Untergründigem. Daher braucht es auch einen Bodensatz mit Musik von Robert Schumann, Erik Satie oder Johann Sebastian Bach und Texten von Marcel Duchamp, der Schlagersängerin Beatrice Egli oder eine lange, alphabetisch sortierte Liste an Pilznamen, worauf die „44 Harmonies“ schließlich wachsen können. Alles spielt irgendwie zusammen, geht Verbindungen ein, die man nicht sieht, aber doch spürt, bis sich die vier Cellistinnen (Hyazintha Andrej, Isabel Gehweiler, Nadja Reich und Vanessa Hunt Russell) in einen Kreis setzen und mit ihrer Musik für eine gefühlte kleine Ewigkeit voller Melancholie die Zeit anhalten.

Die vier Cellistinnen Hyazintha Andrej, Isabel Gehweiler, Nadja Reich und Vanessa Hunt Russell spielen John Cages "44 Harmonies".
Die vier Cellistinnen Hyazintha Andrej, Isabel Gehweiler, Nadja Reich und Vanessa Hunt Russell spielen John Cages "44 Harmonies". | Bild: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

John Cage ist der eine Protagonist des Abends. Der andere ist Marthaler selbst, der zwischen 2000 und 2004 künstlerischer Leiter des Zürcher Schauspielhauses war, von dort unter unrühmlichen Umständen vertrieben wurde und nun endlich (zusammen mit einem Team um die Marthaler-Getreuen Ueli Jäggi und Graham F. Valentine) wieder in die Schiffbauhalle zurückgekehrt ist. Cage und Marthaler – das passt. Man ahnte es längst – aber erst jetzt, mit dieser kreativen Marthaler-Ausstülpung vor Augen, ist es so richtig deutlich geworden. Auch Marthaler ist ja ein Künstler der Stille und der Auslassung. Die Zen-buddhistische Cage-Stille mutiert in seinen Händen allerdings zu einer Marthaler-Stille der anrührenden Einsamkeit und der Komik des Scheiterns.

Typisch Marthaler: Ein Darsteller (Marc Bodnar) kämpft still, aber erfolglos mit einem Stuhl.
Typisch Marthaler: Ein Darsteller (Marc Bodnar) kämpft still, aber erfolglos mit einem Stuhl. | Bild: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Wieder findet er dafür köstliche Bilder wie die der Paare, deren Tanz zugleich zum stillen Kampf mit Stühlen wird, oder das umständliche Aufbauen zahlloser Notenständer, dessen Geräusch den Bach-Choral „Es ist genug“ allmählich überlagert. Ein großartiges Theater-Myzel mit vielen überraschenden Klangkörpern.

Weitere Aufführungen: 19., 22., 23., 28., 29. und 31. Dezember, 4., 6., 8. und 9. Januar. Tickets und Infos: http://www.schauspielhaus.ch