Neu muss es sein. Unbenutzt und auf dem aktuellsten Stand. Elektronische Geräte bekommen permanent Updates verpasst, ohne dass sich dem Nutzer deren Sinn offenbart. Autos verlieren nach kürzester Zeit an Wert, selbst wenn sich noch keine Mängel eingestellt haben. Gut ist nur, was noch originalverpackt ist. Jede Gebrauchsspur führt zur massiven Abwertung, seien es Bücher oder Handys. Trotz der Hochkonjunktur des Wörtchens Nachhaltigkeit ist der Wunsch danach, die neueste Produktversion in den Händen zu halten, überstark. Weil Neuheit nämlich auch Optimierung verspricht. Einen optimierten Energieverbrauch etwa oder den aktuellsten Schutz vor Computerviren. So sehr haben wir uns bereits an diesen Gedanken gewöhnt, dass wir kaum noch bemerken, wie er sich auch auf andere Lebensbereiche überträgt.

Auch die Künste sind ständig auf der Suche nach Neuem – obwohl doch echte Kunst, zumindest nach gängiger Auffassung, zeitlos ist. Doch das Neue verspricht hier künstlerische Originalität. Noch nie da gewesen soll das sein, was wir hier erschauen oder lesen, buchstäblich unerhört das, was wir erlauschen. Die sogenannte Neue Musik, die sich mit großem N schreibt, trägt diesen Anspruch bereits stolz im Namen. Wenn an diesem Wochenende die Neue-Musik-Szene wieder zu den Donaueschinger Musiktagen zusammenkommt, stehen 18 Uraufführungen auf dem Programm. Auch andere Festivals dieser Art – vom Stuttgarter Eclat Festival bis zu den Wittener Tagen für neue Kammermusik – leben vom Brandneuen und Unerhörten.

Nicht anders sieht es in ganz normalen Opernhäusern aus. Wenn schon zeitgenössisches Musiktheater aufs Programm genommen wird, sollte es wenigstens eine Uraufführung sein. Sie verspricht größere Aufmerksamkeit und garantiert mediale Präsenz. Häufig verschwinden die Stücke nach dem Uraufführungszyklus wieder in der Versenkung. Selten bekommen sie eine zweite oder dritte Chance. Wiederaufführungen sind wie Gebrauchtwaren. Und kein Opernhaus möchte die Rolle des Second-Hand-Ladens übernehmen. Und so werden munter Kompositionsaufträge vergeben. Lohnt sich der Aufwand überhaupt, wenn die meisten Werke kaum eine Chance auf Wiederaufführung haben?

Um dem Uraufführungswahn entgegenzuwirken, hatte das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg vor einigen Jahren den Preis für das "bemerkenswerteste Orchesterwerk der Donaueschinger Musiktage" ausgelobt. Statt eines Preisgelds verpflichtete sich das Orchester, sich für weitere Aufführungen des Werks einzusetzen. So kam beispielsweise das spektakuläre, aber auch aufwendig zu produzierende Piano Concerto des dänischen Komponisten Simon Steen-Andersen in den Genuss zahlreicher Wiederaufführungen in ganz Europa. Inzwischen hat es sich sogar eine Art Kult-Status erobert.

Möglich allerdings, dass Steen-Andersens Concerto das auch so geschafft hätte. Der Däne trifft mit seinen oft multimedialen Werken einen Nerv der Zeit. Sein Ensemblestück "Inszenierte Nacht" beispielsweise, das er für das Stuttgarter Ensemble Ascolta geschrieben hat, erfreut sich seit der Uraufführung vor einigen Jahren ungebrochener Beliebtheit auf Veranstalterseite und wird immer wieder gebucht.

In solchen Momenten erkennt man, dass die ausufernde Produktion von Uraufführungen über die fragwürdige Fixierung aufs Neue hinaus auch ihren Sinn hat. Nicht jeder Kompositionsauftrag kann zu einem Meisterwerk führen. Auch in früheren Epochen war das nicht anders. Vieles ist inzwischen vergessen und verschüttet, von etlichen Komponisten kennen wir kaum noch die Namen. Ob immer zu Recht oder Unrecht, sei dahingestellt. Jedenfalls ist nur ein kleiner Teil von dem, was einst produziert wurde, auf uns gekommen. Daher ist es wichtig, auch heute vielen Komponisten eine Chance zu geben. Nur einer von ihnen kann der Beethoven der Zukunft sein.

elisabeth.schwind@suedkurier.de