Kluge Köpfe bringen uns auf neue Gedanken. Jedenfalls, wenn wir uns darauf einlassen. Genau dazu sind aber immer weniger Menschen bereit.

Andächtiges Lauschen

Früher zählten dazu Intellektuelle wie Walter Jens, Ralf Dahrendorf oder Hans-Magnus Enzensberger. Erhoben sie ihre Stimme, lauschten alle andächtig ihren Ausführungen. Es machte einen Unterschied, ob der Nachbar, Vereinsfreund und Arbeitskollege der eigenen Meinung widersprach. Oder ob dieser Widerspruch aus dem Mund eines hoch geschätzten Intellektuellen kam.

Kritisch hinterfragt

War letzteres der Fall, so bedeutete das nicht zwangsläufig, dass der einfache Bürger gleich auf der Stelle umschwenkte. Zumindest aber brachte ihn der Intellektuelle dazu, seine eigene Position kritisch zu hinterfragen. Er sagte sich: Wenn eine gescheitere Person als ich beim Nachdenken zu ganz anderen Ergebnissen kommt, dann könnte es sein, dass ich mit meiner Meinung falsch liege! Entsprechend lange dauerte es nach Martin Walsers umstrittener Paulskirchenrede 1998, bis sich Widerspruch regte. Die erste Reaktion war stehender Applaus.

Prinzip ins Gegenteil verkehrt

Wer dagegen heute den Verlauf öffentlicher Debatten verfolgt, stellt fest, dass sich dieses Prinzip ins Gegenteil verkehrt hat. Nicht ich passe mich dem Intellektuellen an. Der Intellektuelle soll gefälligst meine eigene Meinung bestätigen! Enttäuscht er diese Erwartung, wird der Bürger sauer und erkennt dem Intellektuellen seinen Status ab.

Ein Beispiel

Ein Beispiel aus jüngerer Zeit: die öffentliche Erklärung mehrerer Prominenter gegen die sogenannte gendergerechte Sprache mit Begriffen wie "Lehrer*innen". Zu ihren Unterzeichnen zählen bekannte Personen des Kulturbetriebs wie etwa die Schriftstellerinnen Judith Hermann und Sibylle Lewitscharoff, der Publizist Rüdiger Safranski oder auch die Opernsängerin Edda Moser.

Namhafte Personen

Sie alle haben die Wahrheit nicht gepachtet, namhafte Persönlichkeiten sind auch aufseiten der Befürworter von Binnen-I und Gendersternchen zu finden. Überdies bietet die Erklärung an mancher Stelle Anlass für kritische Nachfragen.

Aus dem Regal aussortiert

Doch es mag gar niemand kritisch nachfragen. Schon gar nicht bei sich selbst. Stattdessen sortiert der enttäuschte Bürger schnell seine eben noch hoch geschätzten Idole gleich mal aus dem Bücherregal aus.

"Für intelligent gehalten"

"Dass der Safranski mit darauf ist, finde ich enttäuschend", lautet ein Kommentar auf Twitter: "Weil ich ihn für wirklich intelligent gehalten habe." Ein anderer kritisiert Judith Hermann dafür, "dass die so einen reaktionären Mist unterschreibt". Und die Süddeutsche Zeitung findet es "traurig", dass "respektable Gelehrte und Persönlichkeiten" sich "in eine trübe Gesellschaft begeben".

Ist der Intellektuelle anderer Meinung als ich, so ist er eben doch bloß ein Depp. Beklagt eigentlich noch jemand, dass es keine Intellektuellen mehr gibt?