Claude Ruiz Picasso ist auch da, der Sohn des Jahrhundertkünstlers. Seinem Vater Pablo Picasso, der 1881 in Spanien geboren wurde und 1973 in Frankreich starb, widmet die Fondation Beyeler eine spektakuläre Ausstellung. Claude ist aber nicht nur Sohn. Er ist Fotograf, Filmemacher und Grafiker. Und er verwaltet das Erbe seines Vaters.

Sam Keller, Direktor der Fondation, hat den 71-Jährigen nach Riehen bei Basel eingeladen. Claude ist der Sohn aus der Beziehung Picassos mit Françoise Gilot. Er hat noch eine Schwester, Paloma. Gilot trennte sich von Picasso, als Claude sechs Jahre alt war. Wie Picasso als Vater war? „Ein normaler Mensch.“

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Picasso war kein fürsorglicher Vater fürs Leben, sondern ein bekennender Papa auf Zeit, ein kannibalistischer Künstler und rachsüchtiger Liebender. Claude und Paloma hatten darunter zu leiden, dass ihre Mutter es gewagt hatte, den Künstler zu verlassen. Nur ihm stand es zu, Frauen den Laufpass zu geben. So hatte er es bis dahin praktiziert. Claude und Paloma durften ihren Vater nicht sehen, als es auf das Ende zuging.

Kurator Raphael Bouvier (von links), Claude Ruiz Picasso und Sam Keller stehen vor dem Selbstbildnis von Pablo Picasso aus dem Jahr 1901 im Museum Fondation Beyeler.
Kurator Raphael Bouvier (von links), Claude Ruiz Picasso und Sam Keller stehen vor dem Selbstbildnis von Pablo Picasso aus dem Jahr 1901 im Museum Fondation Beyeler. | Bild: Patrick Straub / dpa

Mit Blick auf die vom Hauskurator Raphael Bouvier chronologisch aufgebaute Ausstellung sagt Claude: „Machen Sie die Augen auf!“ Währenddessen verspricht Keller ein „blau-rosa-Wunder“. Damit spricht er das Thema an, um das diese in jeder Hinsicht ambitionierte Schau mit 75 Bildern und Plastiken kreist – die Fondation präsentiert die Blaue und Rosa Periode des jungen Picasso, mit denen er seinen Ruhm begründete.

Versicherungswert der Werke: vier Milliarden Schweizer Franken, das sind etwa 3,5 Milliarden Euro. Zum ersten Mal wird die Kontinuität der Blauen und Rosa Periode beleuchtet – nicht wie bisher als getrennte Schaffensphasen.

Basel liebt Picasso

Picasso war einer der Lieblingskünstler von Museumsgründer Ernst Beyeler (1921-2010). So widmete er ihm in seiner Baseler Galerie elf monografische Ausstellungen und einige Gruppenausstellungen. Darüber hinaus vermittelte er tausende von Picassos Werken. 33 Gemälde gelangten in seine Sammlung.

Pablo Ruiz Picasso, der bald nur noch mit Picasso signierte, war 18 Jahre alt, als er im Herbst 1900, begleitet von seinem Künstlerfreund Carlos Casagemas, zum ersten Mal Paris besuchte. Seine Salonmalerei führte ihn, der schon als Kind wie Raphael malen konnte (aber ein Leben dazu brauchte, um zu malen wie ein Kind) und als Genie gefeiert wurde, in die Kunsthauptstadt der Welt. Picasso vertrat sein Land bei der Pariser Weltausstellung, auf der er „Letzte Augenblicke“ zeigte, das er 1903 mit dem Meisterwerk „Das Leben“ übermalte.

"La Vie" (Das Leben, 1903) gilt als Ikone der modernen Kunst.
"La Vie" (Das Leben, 1903) gilt als Ikone der modernen Kunst. | Bild: The Cleveland Museum of Art / Succession Picasso / ProLitteris Zürich

„La Vie“ zeigt ein entblößtes junges Paar und eine in ein blaues Gewand gehüllte Frau mit einem Kind im Arm. Zwischen den beiden Gruppen befinden sich zwei Bilder im Bild. Das Gemälde gilt als Ikone der modernen Kunst. Es markiert den Höhepunkt von Picassos Blauer Periode, die sein Schaffen zwischen 1901 und 1904 umfasst.

Dennoch gibt das kühle Bild mit seinem komplexen symbolischen Gehalt Rätsel auf. Röntgenaufnahmen ergaben, dass der Jüngling Gesichtszüge des Künstlers trug. Erst im letzten Schritt des Malprozesses ersetzte Picasso sein Antlitz durch das von Casagemas, der sich nur wenige Monate nach der Ankunft in Paris aus Liebeskummer das Leben nahm.

Leuchtturm der Kunst

Der Freitod des Freundes traf Picasso mitten ins Herz – und löste die Blaue Periode aus. Bis dahin hatte er in Madrid und Paris farbintensive Bilder gemalt, die einerseits die Stilrichtung des Fauvismus antizipierten und andererseits dem Postimpressionismus huldigten. Mit diesen Werken, die Picassos Sicht auf die mondäne Pariser Welt der Belle Époque zeigen, setzt Bouviers Ausstellung ein. Das war die Malerei, wie sie damals die Avantgarde pflegte.

Aber schon mit „Ich Picasso“ (1901), einem der ersten blauen Werke, lässt er die Vorbilder hinter sich. Picasso präsentiert sich als Leuchtturm der Kunst: elegant, arrogant und herausfordernd. Das Werk war ihm wichtig. Der Künstler hat es zeitlebens bei sich behalten.

"Ich Picasso" (1901) ist eines der ersten Werke aus der Blauen Periode.
"Ich Picasso" (1901) ist eines der ersten Werke aus der Blauen Periode. | Bild: Succession Picasso / ProLitteris Zürich

Ab dem Sommer 1901 schuf Picasso eine Vielfalt an Werken, in denen die Farbe Blau zum vorherrschenden Ausdrucksmittel wurde. Der tiefe Schmerz über den Verlust des Freundes fand seinen Niederschlag in Bildern wie „Der Tod von Casagemas“ (1901), das Carlos auf dem Totenbett zeigt. In diese Periode fällt auch Picassos erste Skulptur, „Sitzende Frau“ (1902).

Mit Bildern wie „Der Tod von Casagemas“ (1901) verarbeitete Picasso den Verlust seines Freundes.
Mit Bildern wie „Der Tod von Casagemas“ (1901) verarbeitete Picasso den Verlust seines Freundes. | Bild: Musée National Picasso Paris / Mathieu Rabeau / Succession Picasso / Prolitteris Zürich

Die Marke Picasso war damit gesetzt, aber der Künstler lebte (noch) in prekären Verhältnissen. Diese Erfahrung floss in die Malerei – er reagierte auf das soziale Elend seiner Zeit. Die in eine ebenso melancholische wie spirituelle Atmosphäre entrückten, zugleich aber den Betrachter einnehmenden Bilder von Prostituierten, Behinderten oder Alkoholikern schuf Picasso während seiner Aufenthalte in der Heimat und in der französischen Metropole. Das hatte auch finanzielle Gründe.

1904 siedelte er endgültig nach Paris über und bezog das Atelierhaus Bateau-Lavoir, das zu einem „Treffpunkt der Dichter“ wurde. Damit – und mit der Liebelei zu Fernande Olivier – begann die neue Etappe in seinem künstlerischen Dasein.

Der Künstler Picasso im Jahr 1904 in Paris.
Der Künstler Picasso im Jahr 1904 in Paris. | Bild: Musée National Picasso Paris

In der Rosa Periode blickt der nun etablierte Picasso nicht mehr auf Bettler oder vereinsamte Menschen, sondern mit „süßem Schmerz“ und feinen Nuancen auf Gaukler, Akrobaten, Harlekine und Figuren aus der Commedia dell’arte. Hier ragt das Bild „Artistenfamilie mit Affe“ (1905) heraus, das statisch und kompakt angeordnet ist wie die Heilige Familie mit einem Picasso selbst nachempfundenen Harlekin.

Die „Artistenfamilie mit Affe“ (1905) zeigt Picassos Vorliebe für Zirkusmotive.
Die „Artistenfamilie mit Affe“ (1905) zeigt Picassos Vorliebe für Zirkusmotive. | Bild: Göteborg Konstmuseum / Succession Picasso / ProLitteris Zürich

Nicht minder bezaubernd ist das elfengleiche „Junges Mädchen mit Blumenkorb“, das im vergangenen Jahr bei einer Auktion 115 Millionen US-Dollar erzielte. Dieses Bild haben einst Leo und Gertrude Stein erworben, um den klammen Künstler zu unterstützen.

Picassos Ruhm war schon mit diesen frühen Werken gesichert, zu denen – nach einem Aufenthalt im Sommer 1906 im katalanischen Pyrenäendorf Gósol – klassizistisch anmutende Arbeiten gehören, die eine Nähe zum Primitivismus verraten. Das Geheimnis von Picasso war der Wandel, seine Lust, sich immer wieder neu zu erfinden.

Kubismus zum Schluss

Eine Vorstudie zum Gemälde „Les Demoiselles d’Avignon“ (1907), das den Kubismus einleitete und als Wendepunkt in der Geschichte der abendländischen Malerei gilt, beschließt daher diese grandiose Ausstellung, die ihresgleichen sucht. Mehr geht nicht.

"Femme (Époque des ,Desmoiselles d'Avignon')" (1907) – die Vorstudie leitete den Kubismus ein.
"Femme (Époque des ,Desmoiselles d'Avignon')" (1907) – die Vorstudie leitete den Kubismus ein. | Bild: Fondation Beyeler / Succession Picasso / ProLitteris Zürich / Robert Bayer

„Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode“ ist bis 26. Mai 2019 in der Fondation Beyeler in Basel-Riehen zu sehen. Geöffnet ist die Ausstellung Montag bis Sonntag von 10-18 Uhr und Mittwoch von 10-20 Uhr. Weitere Informationen und Tickets gibt es hier.