„Er sprach: Geht hin in die Stadt zu einem und sprecht zu ihm: ‚Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist nahe; ich will bei dir das Passahmahl halten mit meinen Jüngern.’ Und die Jünger taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte.“ Mit diesen Worten beginnt beim Evangelisten Matthäus das große Essen, das wir heute als Letztes Abendmahl kennen.

Die vier Evangelien stellen die letzten Tage im Leben von Jesus mit ungeheurer Dramatik dar. Dem gemeinsamen Mahl folgt das Gebet im Garten Gethsemane, dann Gefangennahme, Verhör, Geißelung, schließlich der Weg mit dem Kreuz. Das Essen im eilig gebuchten Saal ist Teil einer Kette von vielen Vorgängen. Das Abendmahl ist ein Liebesmahl (Agape), in dem es um Essen und vieles mehr geht. Es ist für sich genommen ein Akt, in dem alles zusammenkommt, was das Leben gut und teuer macht: Essen und Trinken, Gespräch, Gemeinschaft. Alles, was Leib und Seele am Leben hält. Und der Bruch dieser Gemeinschaft. Judas sitzt mit dabei.

Das Abendmahl der zwölf Jünger und ihres Meisters zählt zu den Gründungspfeilern der christlichen Religion. Von dieser Feier leiten sich Brot und Wein als sichtbares Zentrum der neuen Religion ab. Natürlich werden heutzutage keine frisch geschlachteten Lämmer mehr gereicht – dieses Tier ist nur noch im gesprochenen Agnus Dei (Lamm Gottes) gegenwärtig. Doch bleibt der Kern – ein Stück Brot.

Männer plaudern und politisieren

Zu Beginn der christlichen Zeitrechnung waren diese Zusammenkünfte normal. Beim Essen trafen sich Männer. Sie plauderten, regelten Geschäfte und politisierten. Womöglich ist der Mensch friedlicher, wenn er neben dem Reden etwas zum Kauen und Trinken hat. Frauen waren bei diesen Gelagen meist nicht dabei, und wenn, dann als Dienerinnen. Die Trennung der Geschlechter und Dienste war damals üblich. Heute würde man paritätisch sitzen. Korrektheit gab es damals nicht, dafür das heilige Gastrecht: Der Eingeladene genoss den Schutz des Gastgebers.

Wobei Jesus und die Seinen damals nicht saßen, sondern zu Tische lagen. Dafür sprechen die archäologischen Befunde aus dieser Zeit. Polster stützten den Rücken. Die Speisen standen auf dem Boden oder auf einem flachen Gestell. Als Maler dann im Mittelalter zum Pinsel griffen, um das Letzte Abendmahl ins Bild zu setzen, griffen sie zu einem Trick: Sie übertrugen die Szene in ihre Zeit. Die Jünger und ihr Meister sitzen jetzt auf Stühlen an einem langen Tisch. Er ist massiv gebaut, Meisterstück eines erfahrenen Schreiners. War Josef, der Adoptivater von Jesus, nicht auch Schreiner?

Einen Jesus mit schmausenden und liegenden Männern hätten die Menschen im Mittelalter wohl als unpassend empfunden. Dabei zählte das horizontale Speisen zum liebsten Zeitvertreib der Männer dieser Zeit. Platon beschreibt in seinem „Symposion“ ein solches Fest, bei dem zwischen Wein und Pasteten auch noch munter philosophiert wird. Was Platon ausspart, ist das häufige Finale dieser Symposien in der Antike: Tänzerinnen und Musiker wurden in den Saal geführt. Von den Frauen wurde häufig erwartet, dass sie für Liebesdienste zur Verfügung stehen. Dasselbe galt für die Lustknaben.

Als Vorbild für das biblische Abendmahl dient nicht das Symposion der Griechen und Römer. Deren Freizügigkeit war den Juden fremd. Sie lehnten ihre zeremonielle Mahlzeit an eine Begebenheit ihrer Geschichte an: die Flucht der Stämme Israels aus Ägypten. Vor dem Exodus, wird berichtet, aßen die Juden ihre Lämmer, „schnell und hastig“, wie es im Buch Exodus heißt. Fast Food auf Kommando. Sie ließen nichts übrig, wie es befohlen war von Jahwe, ihrem strengen Gott. Erst dann setzte sich der Zug in Bewegung. 40 Jahre lang irrten die zwölf Stämme durch den Sinai, bis sie im Gelobten Land ankamen. Am Anfang stand die Stärkung durch das rituelle Fleischmahl.

Seitdem feiern die Juden das Passahfest (oder Pessach). Bis heute. Wer einmal einer jüdischen Großfamilie bei dieser Zeremonie zusehen durfte oder an ihren Tisch geholt wurde, wird es nicht vergessen. Die Tafel biegt sich vor Speisen. Ungesäuertes Brot, geräucherter Fisch, gebratenes Gemüse, eingelegte Oliven. Das Familienoberhaupt präsidiert. Eröffnet das Buffet, nachdem er den Segen gesprochen hat.

Auch der Alkohol fließt, und nicht zu knapp. Man kann die Religionen der Welt in zwei große Gruppen einteilen: In solche, die Alkohol erlauben und ihm sogar einen liturgischen Rang einräumen. Und in solche, die vor dem Feuerwasser ausdrücklich warnen und es ihren Gläubigen verbieten.

Juden und Christen fallen in die erste Kategorie. Beim Passahfest wird gerne Wein gereicht. Wahlweise auch koscherer Wodka. Das weiße Tischtuch sieht zwei Stunden später wie ein Schlachtfeld aus. Das Abendmahl der Christen leitet sich davon ab, allerdings nicht mehr zur Sättigung, sondern symbolisch. Die dünne Oblate oder das gebrochene Stück Brot sind Stellvertreter für etwas anderes. Aus der lauten Party wurde im Lauf der Jahrhunderte eine Liturgie der Verwandlung. Minimalismus mit maximalem Ausdruck.

Wein ist Teil der Geselligkeit

Auch bei den Christen fließt Wein. Freilich wird vor den Gefahren der Trunkenheit gewarnt, wenn etwa Noah volltrunken einschläft und sich eine Blöße gibt – mit gravierenden Folgen für seine Söhne. König David bechert im Kreis seiner Krieger. Bei den Christen wird der Wein veredelt und Sakrament. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“, sagt Jesus etwa im Johannes-Evangelium (15. Kapitel). Die durchaus zwiespältigen Folgen prägen die Länder mit christlichen Wurzeln bis heute: Alles, was Prozente hat, ist Teil des Alltags und der Geselligkeit, oft auch der schöngetrunkenen Einsamkeit. Vom Genuss bis zur Sucht.

Beim Letzten Abendmahl ist freilich nicht der Wein das Problem. Einer der zwölf Jünger ist ein Verräter. Judas weiß bereits, dass er Jesus ausliefern wird. Dennoch sitzt er am großen Tisch. Künstler haben für dieses Doppelgesicht eine drastische Darstellung gefunden: Mit einer Hand isst Judas, in der anderen Hand hält er den Beutel mit den 30 Silberlingen umklammert.