Geehrt, so heißt es in der Jurybegründung zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, werde ein "Forscherpaar, das sich in seiner Arbeit seit Jahrzehnten wechselseitig inspiriert und ergänzt". Zwar handelt es sich bei der Annahme, wonach Wissenschaftler-Ehepaare einander inspirieren, um ein häufig anzutreffendes Klischee – zu nennen wären etwa Marie und Pierre Curie oder Gerty und Carl Cori.

Doch wie bei den (Naturwissenschafts)-Ehepaaren Curie und und Cori, so hat dieses Klischee auch im vorliegenden Fall eine reale Grundlage: Aleida und Jan Assmann haben nicht nur gemeinsam geforscht und publiziert. Sie meldeten sich auch immer wieder gemeinsam zu Wort, wenn es darum ging, aus vergangenen Epochen und unserer Erinnerung an sie für die Gestaltung unserer Zukunft zu lernen.

Die Wurzel heutiger Religionskriege

Dass man die Menschheitsgeschichte zu diesem Zweck nicht weit genug zurückverfolgen kann, vermochte insbesondere Jan Assmann zu vermitteln. Wer ihm folgt, wird eine Wurzel heutiger Religionskriege im 14. Jahrhundert vor Christus finden: Damals betrat in Ägypten ein Pharao namens Echnaton so eben mit der antiken Götterwelt auf. Anstelle von Isis und Osiris, von Horus und Anubis trat der Sonnengott Aton. Und zwar allein. Eine unerhörte Vorstellung!

Mit Echnatons Erfindung der monotheistischen, also von nur einem einzigen Gott ausgehenden Religionen begann eine Jahrtausende währende Geschichte blutiger Auseinandersetzungen. Zwar sind bereits die Pharaonen vor Echnaton nicht zimperlich gewesen, wenn es darum ging, Untertanen zu knechten und zum Errichten von Pyramiden zu verdonnern. Doch hatte die Gewalt in erster Linie dem Machterhalt im eigenen Reich gedient.

Eingott-Religionen dagegen beruhten auf der Unterscheidung von richtig und falsch. Wo zuvor verschiedene Götter einander in Widerstreit geraten konnten, gab es nun Dogmen: unumstößlich gültige Wahrheiten. Ein solches Weltbild mache es nicht nur möglich, vermeintlich falsche Propheten mit ihren falschen Meinungen zu verfolgen – ihre Bekämpfung ist sogar moralisch geboten. Nicht umsonst sind vor allem polytheistische Religionen wie etwa die der alten Griechen oder auch jene der Hindus vergleichsweise friedlich.
Es liegt auf der Hand, dass Assmann mit dieser Unterscheidung auch Kritik hervorrief.

Ruf nach einem Schlussstrich 

Heikel ist insbesondere der implizit geäußerte Vergleich von Moses mit Echnaton: Rechte Ideologen greifen solche Analogien nur zu gerne auf, um aus ihnen die These abzuleiten, das Judentum trage an seinem Schicksal selbst Schuld.

Assmann hat sich gegen diesen Kurzschluss auf überzeugende Weise verwahrt. In Anlehnung an einen berühmten Ausspruch des österreichisch-israelischen Autors Zvi Rix ("Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen!") erklärte er erst kürzlich mit Blick auf neue rechte Tendenzen in der Geschichtswissenschaft: "Die Deutschen werden es den Juden nie verzeihen, dass die Juden von den Deutschen umgebracht wurden."

Und tatsächlich will der Ruf nach einem Schlussstrich unter die Geschichte des Dritten Reichs nicht verhallen. Als "Schlussstrich"-Rede berühmt geworden ist beispielsweise der Vortrag eines früheren Friedenspreisträgers. Martin Walser besteht zwar bis heute auf der Feststellung, dass das Wort "Schlussstrich" bei seiner Ansprache in der Frankfurter Paulskirche 1998 gar nicht gefallen sei. Der von ihm gewählte Begriff "Moralkeule" wurde damit aber weithin gleichgesetzt.

Und erst kürzlich forderte AfD-Chef Alexander Gauland, sich doch lieber an die mehr als tausend Jahre "erfolgreiche Geschichte" Deutschlands zu erinnern, denen gegenüber die Hitlerzeit doch bloß ein "Vogelschiss" sei. Sein Parteifreund Björn Höcke hatte bereits zuvor eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" gefordert.

Aleida Assmann und die Erinnerungskultur

Warum sich wir Deutschen mit unserer Geschichte so schwer tun, hat Aleida Assmann in ihrer Arbeit zur Erinnerungskultur ergründet. Wesentlich verantwortlich dafür ist eine Erinnerungskultur, die tatsächlich auf einem Strich beruht: allerdings nicht auf einem Schluss-, sondern auf einem Trennungsstrich.

Mit diesem nämlich bewahren wir uns einerseits dauerhafte Distanz zu den Zielen und Ereignissen des Dritten Reichs. Andererseits vergegenwärtigen wir uns zugleich diese Zeit und streben danach, sie unseren Kindern weiterzugeben.

Wer versucht, aus diesem Trennungsstrich einen Schlussstrich zu kreieren, muss scheitern. Denn diese Vergangenheit, sagte Assmann erst kürzlich in einem SÜDKURIER-Interview, sei für uns Deutsche normativ: "Alle Nationen haben Perioden in ihrer Geschichte, von denen sie sagen, dass sie für ihre Identität wichtiger sind als andere Zeitabschnitte. Diese Perioden werden in die Gegenwart mit aufgenommen, in dem sie an Schulen unterrichtet, mit Denkmälern symbolisiert und in öffentlichen Debatten thematisiert werden."

Erinnerung sinnlich erfahren

Wollten wir diese Periode einfach hinter uns lassen, so würden wir damit zwangsläufig unsere Identität verleugnen. Die Gaulands und Höckes dieser Republik irren also, wenn sie glauben, mit Verharmlosungen und Relativierungen des Dritten Reichs Identität stiften zu können: Vielmehr bewirken sie das genaue Gegenteil.

Bemerkenswert an Aleida Assmanns Theorie des Trennungsstrichs ist, dass sie es der politischen Linken keineswegs so leicht macht, wie es scheint. Die in diesem Spektrum anzutreffende Bereitschaft, jegliche Anklänge an den Nationalsozialismus gleich gänzlich aus dem öffentlichen Bewusstsein zu entfernen, stößt bei ihr nämlich auf scharfe Kritik.

Denn gerade wenn wir die Erinnerung an diese Zeit wach halten wollen, seien wir doch umso mehr darauf angewiesen, sie auch sinnlich erfahren zu können. "Ohne eine konkrete Anschauung von dieser Geschichte und eine Auseinandersetzung mit ihr können nachwachsende Generationen nicht politisch gebildet werden und eine Immunisierung gegen die nationalsozialistische Ideologie entwickeln."

Was also tun? Einfach NS-Denkmäler im öffentlichen Raum stehen lassen? Nein, sagt Aleida Assmann. Eine Lösung sei vielmehr, sie zu historisieren: Zeugnisse vergangener Zeiten lassen sich durch Erklärungen oder Markierungen in einen neuen Kontext stellen. So behalten sie ihre erinnerungsgeschichtliche Relevanz, ohne dabei Gefahr zu laufen, überkommene Ideale aufs Neue zu bewerben.

Aleida und Jan Assmann haben sich um den Frieden in unserer Gesellschaft verdient gemacht

Mit solcherart unbequemen, aber differenzierten Argumentationsmustern haben sich Aleida und Jan Assmann mehr um den Frieden in unserer Gesellschaft in der Tat verdient gemacht. Es ist eine Friedensarbeit, die Widersprüche sucht, statt sie zu umschiffen, die Gegenargumente gelten lässt, statt sie auszublenden, und die stets auf der Hut ist vor jeglicher Verführung zur Ideologie.

Wie so oft bei solchen Auszeichnungen hat auch der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels manch fragwürdigen Preisträger hervorgebracht. Zwischen vielen klugen Köpfen gab es immer wieder auch Publizisten von überschaubarer Ausdruckskraft, die in der Frankfurter Paulskirche diese bedeutenden Auszeichnung entgegennehmen durften.

Das Ehepaar Assmann dagegen hat den Friedenspreis hoch verdient.