Baden-Württemberg will Vorbild in der Erforschung von Raubkunst werden. Das ist schön, dazu gehört allerdings auch nicht viel. Denn bislang gibt dieses Thema in Deutschland allenfalls ein anschauliches Beispiel für Symbolpolitik ab.

Arbeitsgruppe in Windeseile gegründet

Als vor sieben Jahren die – juristisch fragwürdige – Beschlagnahmung einer ganzen Sammlung verschollen geglaubter Bilder in einer Münchner Wohnung bekannt wurde, schlug die Stunde von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). In Windeseile rief ihre Behörde eine Arbeitsgruppe ins Leben. Sie sollte die Herkunft (Fachbegriff: Provenienz) der vom Kunstsammler Cornelius Gurlitt Jahrzehnte lang versteckten Werke klären. Es bestand der Verdacht auf NS-Raubkunst.

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Weil der Fall bereits im Ausland in den Schlagzeilen war, galt es, Entschlossenheit zu dokumentieren. „Taskforce“ nannte sich deshalb die Arbeitsgruppe: ein Begriff aus dem Militärjargon.

Nur fünf Raubkunst-Werke

Doch das Ergebnis ließ eher an die marode Ausrüstung der Bundeswehr denken. Gerade mal fünf der beschlagnahmten 1566 Werke erwiesen sich als Raubkunst: Experten zufolge dürfte jedes bessere deutsche Museumsdepot einen höheren Anteil zu bieten haben.

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Grütters aber gibt sich seither als weiße Ritterin im Einsatz gegen das Unrecht der Kolonial- und NS-Zeit. „Höchste Bedeutung“ messe sie der Provenienzforschung bei, teilt sie zu jeder sich bietenden Gelegenheit mit: „Ich habe die Mittel dafür in meinem Kulturetat mehr als verdreifacht!“

Gewühlt und geforscht

Tatsächlich wird eifrig in den Depots gewühlt und geforscht. Hier bekennt sich ein Museum zerknirscht zum Besitz eines geraubten Bildes, dort kommt eine Skulptur mit fragwürdiger Herkunft ans Licht: Und stets begleitet solche Erfolgsmeldungen der schale Eindruck von Feigenblatt-Aktionismus. Wer im Büßergewand mit Raubkunst unterm Arm bei den Nachkommen eines enteigneten Sammlers aufkreuzt, kann prima von den wirklich heißen Eisen im Inventar ablenken. Das gilt insbesondere für den Umgang mit Kulturgütern aus der Kolonialzeit.

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An der mangelhaften Transparenz ändert auch die vom Bund betriebene Datenbank „Lost Art“ nichts. Wer hier nach Objekten sucht, die ihm rechtmäßig zustehen, muss erst einmal wissen, dass es sie überhaupt gibt. Und damit solche Objekte in der Datenbank überhaupt auftauchen, bedarf es des Willens, ihre Herkunft auch wirklich zu erforschen. Von „simulierter Aufklärung“ und „Provenienzforschung als Pflichtübung“ spricht denn auch der Kolonialismusforscher Jürgen Zimmerer.

Endlich Prinzipumkehr

Das Stuttgarter Linden-Museum soll jetzt nach und nach sämtliche Sammlungsgegenstände in eine Online-Datenbank einspeisen, ganz unabhängig davon, ob die Herkunft zweifelhaft ist oder nicht. Dieses Vorgehen würde – endlich! – eine Prinzipumkehr bedeuten: Statt ein paar Experten im Keller könnte nun die ganze Welt die Herkunft eines Objekts erforschen.

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Warum darauf nicht schon die Bundesregierung gekommen ist? Grütters‚ Argument lautet: „Es würde sehr lange dauern, erst alle Daten zu erheben und sie dann gesammelt ins Netz zu stellen.“ Die Museen hätten sich ja auch noch um andere Aufgaben zu kümmern. In Stuttgart will man das nicht als Ausrede gelten lassen und fängt einfach trotzdem mal damit an. Es ist in Wahrheit auch andernorts längst überfällig.