Herr Lindenberg, was haben Sie in Jan Bülow gesehen, als Sie ihn für die Hauptrolle in „Lindenberg! Mach dein Ding“ mit ausgesucht haben?

Als ich Jan traf, war die Sache völlig klar. Meine Spürnase machte juckidijuck, und ich dachte sofort: Das ist ein cooler Vogel! Er ist sehr sensibel und ein bisschen schüchtern – das war ich damals auch. Er hat eine Neigung zum Durchdrehen und Abheben. Genau das, was mich ausmacht. So wie es früher bei mir auch schon war: ein bisschen Straßenkatze, die um die Ecke guckt und auscheckt. Aber auch der Typ, der die großen Dinger machen will. Das sah ich bei ihm sofort. Und da wusste ich: Der ist genau richtig dafür.

Der Film zeigt, dass das Verhältnis zu Ihrem Vater, gespielt von Charly Hübner, nicht einfach war. Haben Sie ihm vergeben?

Ja, er kam ja aus einer total anderen Welt. Wehrmacht und so. Und er war ja auch nicht glücklich in Gronau. Er ist breit auf den Tisch gestiegen, die Kinder wurden geweckt, und dann hat er dirigiert. Er brauchte ja Publikum. Und ich merkte: Das ist das Ding, was ihn so richtig anzündet. Das ist sein Feuer. Aber er wurde von seinem Vater gezwungen, diesen Klempner-Job zu machen. Ich hab‘ dann beschlossen: Das, was in meinem Vater angelegt ist und er nicht ausleben kann, das werde ich stellvertretend machen. Diesen ganzen Einschränkungen werde ich mich nicht unterwerfen.

Sie sind losgetrampt.

Schon als ich 15 war. Und er hat es dann auch begriffen. So nach dem Motto: Meine Kiddies können machen, was sie wollen. Das war stark! Erstaunlich eigentlich. Gerade auch vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrung.

Das könnte Sie auch interessieren

Wenn man den Film zu Grunde legt, waren Sie im Umgang mit Ihrer ersten Liebe nicht auf den Mund gefallen.

Es war in der Schule schon so, dass ich sprachlich sehr talentiert war. Ich konnte immer gut reden – besser und fantasievoller als alle anderen. Deswegen haben die älteren Jungs, wenn sie unterwegs waren, meinetwegen auf Exkursion in irgendeinem Puff, mich als Spokesman mitgenommen. Ich war dann der Regierungssprecher, der auch ein bisschen vornehmen Style draufhatte: „Entschuldigen Sie, dass ich mich erkühne, Sie zu ersuchen, mir zu gestatten usw.“ Bei meiner ersten Freundin Susanne, die ja drei Jahre älter war als ich, habe ich die Karte auch ausgespielt.

„Die Nazis haben uns die Sprache genommen“, heißt es in einer Szene.

Viele der großen Schreiber wurden entweder in KZs ermordet oder aus Deutschland verjagt: der Brecht, Friedrich Hollaender, Marlene Dietrich, Thomas Mann …

Warum wollten Sie dann trotzdem Deutsch singen?

Das kam später. Wir sind ja erst mal aufgewachsen mit Jazz und Rock‘n‘Roll, mit englischen Rockbands wie Queen, den Stones und den Beatles. Ich wollte ja, wenn es geht, Weltstar werden. Deshalb hab‘ ich gedacht: Mach‘s lieber in der internationalen Sprache. Bis ich dann merkte: Englisch ist nicht meine Sprache, da kann ich viele Sachen nicht so rüberbringen wie auf Deutsch.

Stimmt es, dass Sie anfangs auch in Puffs getrommelt haben?

Das ist auch mal passiert. Ich war in Hamburg ja neu. Ich war Trommler, ich wollte Knete zum Überleben. Ich spielte in Jazzbands und Dance-Bands in der ersten Zeit. Auch in Stripläden. Da wurde dann hinten mal ‚ne Runde gepoppt, aber das machte ja auch nichts.

Jan Bülow (Mitte) als Udo Lindenberg und Max von der Groeben (rechts) als Steffi Stephan in einer Szene des Films „Lindenberg! Mach dein Ding“.
Jan Bülow (Mitte) als Udo Lindenberg und Max von der Groeben (rechts) als Steffi Stephan in einer Szene des Films „Lindenberg! Mach dein Ding“. | Bild: Gordon Timpen / DCM / dpa

War das für den Jungen aus Gronau nicht ein Kulturschock?

Ich hatte das vorher auch schon mal gesehen. Ich bin ja eine schnelle Spürnase und hab auf dem Kiez schnell gecheckt, was da Sache ist.

Hätten Sie sich gewünscht, dass Ihr Vater mitbekommen hätte, dass aus den Lindenbergs doch was werden kann?

Die Erfolge als Schlagzeuger hat er noch miterlebt. Als ich mit Doldinger gespielt habe, Passport und die Tatort-Melodie eingetrommelt habe. Die Rockstar-Nummer hat er nur von oben durch die Wolken mitgekriegt. Aber meine Mama war dabei bis 1979. Man sieht im Film, wie ich sie mit dem Riesenflitzer abhole auf einen Eierlikör und Piccolöchen. Sehr, sehr schön. Das war mir auch so wichtig, dass es so gelaufen ist.

Ein Happy-End.

Ich hatte schon als kleiner Junge Kinobilder im Kopf: der westfälisch-amerikanische Traum – vom Aschenbecherputzer zum Millionär. Man geht gnadenlos seinen Weg, aber immer charmant. Man hat keine Chance, aber nutzt sie trotzdem. Die Widrigkeiten sind dazu da, dass man sie überwindet. Konsequenz hat einen Namen, der fängt mit U wie Udo an – den Spruch hab ich damals schon im Kopf gehabt.