Sting, stimmt es, dass Ihnen die Idee zum Album „My Songs“ kam, als Sie Ihr Stück „Brand New Day“ für einen Silvesterauftritt am New Yorker Times Square überarbeiteten?

Ja, das war der Ursprung des Ganzen. Wir hatten so viel Spaß mit „Brand New Day“, dass ich dachte, womöglich wäre es auch lustig, sich die anderen Songs vorzunehmen und zu gucken, ob wir sie anders oder zeitgemäßer machen können als damals. Zweifelsohne klingt meine Stimme heute anders als vor 20, 30 Jahren, sie ist geschmeidiger und reicher strukturiert, hat eine tiefere und facettenreichere Qualität. Auch Aufnahmetechniken haben sich verändert. Mein musikalisches Gefühl ist heute auch ein anderes. Ich sage nicht, die neuen Versionen sind besser oder schlechter als die anderen. Ich sage nur, sie sind anders.

War es für Sie eine leichte Übung, zu jenen Songs zurückzukehren, die Sie zum Teil vor 40 Jahren geschrieben haben?

Ja, denn diese Songs und ich, wir sind uns sehr vertraut. Ich singe diese Lieder Abend für Abend bei der Arbeit. Und ich singe sie leidenschaftlich gern. Ich bin mir sicher, ich kenne meine Lieder heute besser als früher. Einige Nummern haben wir kaum verändert, andere recht stark. Immer so, wie es sich richtig und gut anfühlte. Regeln gab es nicht.

Auf dem Album „My Songs“ hat Sting seine Hits neu eingespielt.
Auf dem Album „My Songs“ hat Sting seine Hits neu eingespielt. | Bild: Universal Music

Sind Ihre Songs Ihre Freunde?

Mir sind sie jedenfalls alle sehr sympathisch. (lacht) Wenn du einen neuen Song aufnimmst, ist das der Beginn einer Beziehung, das ist aufregend, aber du weißt noch nicht, wie sich diese Beziehung mit der Zeit entwickeln wird. Eine Beziehung, die über viele Jahre besteht, ist etwas ganz anderes. Da ist mehr Wissen, tatsächlich auch mehr Liebe, aufrichtige, tiefe Liebe. Und nicht mehr nur ein bloßes Hingerissensein.

Sie würden also die Zuneigung zu Ihrer Musik mit der Liebe zu Ihrer Frau gleichsetzen?

Ich will den Vergleich nicht überstrapazieren, aber es gibt durchaus manche Parallelen. Ich nehme meine Songs sehr ernst, ich behandele sie gut und beschäftige mich intensiv mit ihnen. Meine Frau ist natürlich ein lebender, atmender Organismus, von daher: Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen meinen Liedern und meiner Frau, würde ich immer Trudie wählen. Ich liebe sie immer noch sehr und bin stolz auf unsere lange Ehe.

Um im Bild zu bleiben: Ist Ihre Liebe auch mit den Jahren gewachsen und intensiver geworden?

Kann Liebe wachsen? Ich denke, sie reift und wird in gewissem Sinne stabiler. Aber auch durch eine schon seit langem funktionierende Beziehung kannst du nicht einfach gedankenlos hindurchnavigieren und sagen: „Ist ja alles super.“ Jeder Tag in einer Ehe bringt neue Verhandlungen mit sich. Das Fundament einer Ehe sind Kompromisse. Manchmal sind diese Kompromisse schwer zu finden, aber ich finde, die Anstrengung, sich immer wieder in der Mitte zu treffen, ist eine lohnende.

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Haben Sie eigentlich ständig neue Songideen im Kopf?

Oh nein, das wäre schön. Das mit den Songs ist wie Angeln. Manchmal beißt einer an, manchmal nicht. Wichtig ist nur, dass du immer schön nah am Fluss sitzen bleibst, also offen und bereit bist, wenn dir die Inspiration begegnet. Meist schreibe ich einfach über das, was mir gerade passiert oder was ich sehe. Ich wünschte, es gäbe irgendwo einen Knopf, den ich drücken könnte, damit die Ideen strömen. Aber der Knopf verändert ständig Form und Farbe, ich finde ihn nur selten.

Ein paar passende Knöpfe haben Sie in vier Jahrzehnten ohne Zweifel gedrückt.

Ja, aber es gibt keine Garantie. Jedes Mal, wenn ich einen Song fertiggestellt habe, frage ich mich, ob es wohl der letzte war. Es könnte ja wirklich sein.

Dieses Bild zeigt Sting 1988 – da war der Musiker seit drei Jahren als Solokünstler unterwegs.
Dieses Bild zeigt Sting 1988 – da war der Musiker seit drei Jahren als Solokünstler unterwegs. | Bild: Bertrand Guay / AFP

Im Ernst?

Ja, natürlich. (lacht) So ticke ich. Ich frage mich auch bei jeder Mahlzeit, ob es wohl die letzte sein könnte. Das Zusammenspiel von Leben und Tod fasziniert mich. Und daraus folgt: Genieße, was du hast. Solange du es hast.

Eine gute Philosophie, um durchs Leben zu kommen?

Aus meiner Erfahrung ja. Aber ich habe dieses Konzept natürlich nicht erfunden. Das waren die Stoiker aus dem alten Griechenland.

Sie identifizieren sich also mit dem Stoizismus?

Schon, ja. Ich habe die „Meditationen“ von Marcus Aurelius gelesen. Er plädiert darin für ein einfaches Leben und für die Akzeptanz der guten wie der schlechten Zeiten. Mein eigenes Leben hatte früher einige extreme Höhen und Tiefen zu bieten – es war bisweilen sehr dramatisch. Heute begnüge ich mich gern mit einem langsamen, sanften Anstieg. Ich bin glücklich und zufrieden, solange mich das Leben nicht an eine steile Klippe führt.

Aber aufwärts soll es noch gehen?

Ja, ich möchte mich weiterentwickeln und meine Arbeit gut machen. Worauf ich verzichten möchte, sind krasse Veränderungen oder Disruptionen. Mit dem Alter habe ich festgestellt, dass ich eine größere Gelassenheit bekommen habe. Ich bin irgendwie, sagen wir, weiser und akzeptiere die meisten Dinge heute leichter als früher.

Sind Sie denn selbst ein Stoiker?

Definitiv. In meinem Beruf kannst du leicht süchtig werden nach Extremen. Vielen bekommt das nicht gut, denn psychologisch ist das wirklich gefährlich. So viele meiner Kollegen haben nicht überlebt, weil sie das Drama in ihrem Leben nicht mehr ausgehalten haben. Ich bevorzuge – innerhalb meiner anspruchsvollen, häufig hektischen Arbeit – ein ruhiges, gemächliches Leben.

Bringt Sie noch etwas aus der Ruhe?

Ich mache gern den Eindruck, ein Fels in der Brandung zu sein. Wenn mich etwas aufregt, neige ich dazu, mir den Ärger nicht anmerken zu lassen. Ich versuche, Entspanntheit auszustrahlen.

Gerade haben Sie ein festes Engagement im „Caesars Palace“ in Las Vegas verkündet. Sind Sie dafür nicht zu jung?

Das habe ich auch immer geglaubt. Aber ich probiere das jetzt aus. Das Schöne ist: Ich habe dort meinen eigenen Konzertsaal. Ich kann dort eine Umgebung und Atmosphäre schaffen, die besonders ist und die zu hundert Prozent meinen Vorstellungen entspricht. Meiner Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. So etwas geht auf einer herkömmlichen Tournee nicht.

Las Vegas ist nicht länger der Schlusspunkt einer Karriere, oder?

Auf keinen Fall. Oder glauben Sie, Lady Gaga wird in Kürze aufhören?

Kann man Ihre Sommertournee als „Greatest Hits“-Tour bezeichnen?

Och, warum nicht? Ich kann mich doch glücklich schätzen, so viele Hits zu haben. Deutlich mehr als einen. Das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Viele Musiker haben ja nur einen einzigen Hit. Oder gar keinen. (lacht)

Die Hits von Sting