Abstraktion ist eine Gratwanderung zwischen Genialität und Spinnerei. Wer übertreibt, läuft Gefahr nur Verwirrung zu stiften. Wie leicht sich Regisseure verrennen können, ist derzeit bei Jon Fosses Inszenierung „Meer“ zu sehen. Regisseur Wulf Twiehaus überspannt den Bogen der Ungenauigkeit und verfehlt das Ziel, die Zuschauer auf seine Reise über die raue See mitzunehmen.

Entwurzelung auf allen Ebenen

In der Mitte der Spielfläche liegt ein umgestürzter Baum. Er streckt seine dicken Wurzeln in die Höhe. Die Äste sind verdorrt, brüchig (Bühnenbild: Katrin Hieronimus). Er erinnert an einen Toten in Leichenstarre, aufgebahrt in der Mitte der Aussegnungshalle. Um ihn herum stehen, sitzen, liegen, laufen sechs Personen. Nehmen Abschied vom Baum, der ein lieber Verwandter sein könnte. Keiner begreift, wo sich das Sextett befindet. Keiner kennt den anderen. Keiner kennt sich selbst.

Bild: Theater Konstanz

Doch der dickbäuchige Kapitän (Odo Jergitsch) mit neongelbem Friesennerz und Matrosenmütze weiß: „Ich bin der Kapitän! Ich bin auf einem Schiff.“ Er sei auf allen Weltmeeren geschippert, habe dem Wind und der See getrotzt. Gebetsmühlenartig wiederholt er diese Sätze, die wie eine Hypnose wirken. Der Kapitän erinnert an einen Menschen, der an Demenz im Endstadium leidet. Sich bruchstückartig an seine Vergangenheit, seine Eltern, Kinder, Freunde, erinnert. Sie aber trotz aller Bemühungen nicht mehr wiedererkennt. Der Kapitän befindet sich auf einer Reise zwischen den Welten. Auf einem Schiff, das den Heimathafen längst verlassen hat. Nur noch schemenhaft am Ende des Horizonts seine Vergangenheit erspäht. Ob er sich wirklich auf einem Schiff befindet, oder entwurzelt halluziniert, lässt das Stück bis zum Ende offen.

Das junge Alter Ego?

Dann ist da noch dieser junge, vollbärtige Mann (Thomas Fritz Jung), anfang dreißig, in Baumwollmantel und Cowboystiefeln. Er bezeichnet sich – ebenfalls unzählige Male – als Gitarrenspieler. Ist er ein Mitstreiter, ein Gegenspieler, oder doch das vergangene Ich des Kapitäns? Unklar.

Bild: Theater Konstanz

Geisterhaft erscheint ein Pärchen (Renate Winkler, Axel Julius Fündeling). Beide alt, verheiratet, Eltern. Der Kapitän glaubt in den beiden Personen seine Eltern zu erkennen. Sie wollen davon aber nichts wissen. „Vater, Mutter erkennt ihr mich denn nicht?“ fragt der Kapitän verzweifelt. Ein Hinweis darauf, dass sich alle Personen in unterschiedlichen Zeiten am selben Ort befinden. Oder liebte sich das Ehepaar immer mehr als die eigenen Kinder? Hat der eigene Sohn nie mehr als Ablehnung und Ignoranz erfahren? Wie die vermeintlichen Eltern an diesen mystischen Ort kamen, wissen sie nicht. Fakt ist: Beide fühlen sich unwohl, wollen fort. Von einem Meer ist nicht die Rede.

Gut gespielt und trotzdem verloren

Es folgt ein weiteres Pärchen (Sarah Siri Lee König, Thomasz Robak). Jung, unverheiratet. Wieder dieser Gegensatz zwischen Jung und Alt. Bald wird offensichtlich, dass das Ehepaar auch die Eltern des jungen Mädchens sein könnte. Die Jugendliche ist hin- und hergerissen, ob es ihren Eltern oder ihrem Freund folgen soll, der um sie, seine große Liebe, kämpft. Ist das junge Mädchen die Schwester vom Kapitän? Haben beide nie die Liebe ihrer Eltern erfahren? Ein tragischer Moment. Gut gespielt, ausdrucksvoll, wenig Text. Mit Mimik und Gestik schafft es die Schauspielerin, ihr Dilemma zu offenbaren. Trotzdem bleibt diese Geschichte nur eine positive Randnotiz in „Meer“.

Was soll das?

Was soll dieses ganze Theater eigentlich? Eine berechtigte Frage, weil das Stück viele und gleichzeitig keine Deutung zulässt. Es könnte um einen Mann gehen, der verzweifelt versucht, sich an seine Vergangenheit zu erinnern. Es könnte um einen Mann gehen, der im Sterben liegt, umringt von seiner Familie und sich sein ganzes Leben nur eines wünschte: Liebe. Es könnte um vier verschiedene Schicksale gehen, die sich alle auf einem Schiff befinden und auf der Suche nach ihren Wurzeln sind. Es könnte aber auch um eine Kritik an der Gegenwart gehen, um die Verlorenheit des Menschen. Getäuscht, geblendet von den sozialen Medien und der Angst davor, in der Masse unterzugehen.

Alles und nichts

„Meer“ von Jon Fosse, inszeniert von Wulf Twiehaus, ist eigentlich alles und gleichzeitig nichts. Theater mit fehlender Handlung, Struktur und Reihenfolge kann spannend sein. Inszenierungen können gerade dadurch ergreifend sein und Tiefgang haben. Das alles kann Sinn ergeben. Aber nur, wenn der Regisseur mindestens eine Karte seines 52-teiligen Blattes auf den Tisch legt. „Meer“ fehlt die Einordnung.

Viel Potenzial mit zu viel Tiefgang

Wenn Twiehaus vorhatte, dem Zuschauer das Gefühl von Ratlosigkeit zu vermitteln, dann hätte das Stück in zehn Sekunden vorbei sein können. Wenn Twiehaus vorhatte, Verwirrung zu stiften, hätte er die tadellose schauspielerische Leistung nicht benötigt. Sogar das Stück von Jon Fosse wäre überflüssig. Doch eines kann man dem preisgekrönten Regisseur nicht vorwerfen: Er hat es geschafft, den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten. Bis zur letzten Sekunde. Denn jeder Zuschauer hätte gerne gewusst, was es mit der Odyssee dieser sechs Personen im Meer auf sich hat.

Weitere Aufführungen: 16., 21., 29., 31. Mai; 1., 4., 6., 7., 11., 13. und 14. Juni. Infos und Tickets (23 Euro): http://www.theaterkonstanz.de