Herr Garrett, Bandscheibenvorfall, Konzertabsagen, Gewalt-Vorwürfe Ihrer Ex-Freundin mit anschließendem Prozess. Sind die Schicksalsjahre vorbei?

lch würde sie so nicht bezeichnen. Ganz im Gegenteil. Wir sind in dieser Zeit auch erfolgreich getourt. Nichtsdestotrotz war es zeitweise schon unangenehm. Ich habe in den vergangnenen eineinhalb Jahren gut daran getan, mein Privatleben mehr zu schützen und Freunde vorsichtiger auszusuchen. Aber das Verfahren ist geschlossen, seit knapp zwei Jahren ist die Geschichte vorbei. Mir war wichtig, dass ich mir nichts vorwerfen kann. Alles andere hat in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Für mich war das eine Lebenserfahrung. Man wächst mit der Aufgabe, und manchmal sind die Aufgaben schwierig. Gerade der Bandscheibenvorfall hat viel Disziplin und Zeit gekostet. Die Geige sechs Monate nicht in die Hand zu nehmen, war für mich nicht so einfach.

Sie leben in zwei Welten, beruflich wie privat. In New York und Berlin. Musikalisch bewegen Sie sich zwischen den Extremen Rock und Klassik.

Ich mag die Vielfalt. Das gilt für das Leben und für meinen Beruf. Ich liebe die Musik und das schließt kein Genre aus. Das ist auch eine große Befreiung gewesen, nachdem ich lange Zeit nur Klassik aufgenommen und klassische Konzerte gespielt habe. Nach dem College- Abschluss in New York habe ich gesagt, ich möchte meine Identität als Musiker finden ohne Kompromisse. Und dann war für mich klar, das zu machen, was mir Spaß macht. Das ist auch mein Rezept für Erfolg. Aus meiner Erfahrung heraus bist du immer dann besser, wenn du das machst, was Freude bringt. Dann kommt der Erfolg von allein.

Schon mit 13 Jahren waren Sie bei der Plattenfirma Deutsche Grammophon unter Vertrag. Später sagten Sie, dass Sie sich musikalisch nicht entfalten konnten, dass das Korsett zu eng wurde.

Es war damals wirklich weitgehend so. Mozart mit Claudio Abbado, als nächstes die 24 Paganini-Capricen. Alles war von der Plattenfirma vorgegeben. Aber fragst du einen 13-Jährigen: „Was willst du spielen?“ Dann sagt der natürlich: „Fußball!“ Je älter man wird, desto eher möchte man seine persönliche Entscheidungsfreiheit haben. Rückblickend habe ich es mit 19 oder 20 kritischer gesehen. Mit ein bisschen Distanz weiß ich, anders hätte es nicht geklappt.

Sind Sie experimentierfreudig oder ist das Wandeln zwischen den Genres auch eine gewisse musikalische Sinnsuche?

Keine Sinnsuche. Aber auf der musikalischen Suche ist man immer. Die Leute haben mich auch häufig angesprochen, weil ihnen die Art gefiel, wie ich mit Musik umgehe. Vielleicht war ich auch ein Stück nahbarer und habe keinen Hehl daraus gemacht, dass ich bin, wer ich bin, und unterschiedliche Musik gut finde.

Sie werden oft mit Paganini verglichen, aber auch mit Kurt Cobain, trotz Geige. Stören Sie diese Klischees?

Warum muss man immer alles einordnen? Dieses Schubladendenken ist doch kontraproduktiv. Gegenwind ist gut. Außerdem kann ich nicht sagen, dass man das Leben von Cobain komplett gutheißen kann. Man muss auch die Distanz zwischen Künstler und Privatem behalten. Klar ist es auch eine Ehre – beide waren große Künstler und da bin ich auch Fan.

„Rock Revolution“ heißt eines Ihrer Alben. Ihr Auftreten, Ihr Kleidungsstil wirken rebellisch. Sind Sie ein Rebell?

Musikalisch gesehen vielleicht. Rückgrat trifft vielleicht aber eher zu. Natürlich muss man sich im Leben durchsetzen. Es gab viele Kollegen, die gesagt haben, es wird nicht funktionieren, die Leute werden nicht zur Klassik kommen. Doch am Ende habe ich recht behalten. Eine gewisse Sturheit und der Glaube an sich sind ganz wichtig.

Dann kehren Sie wieder zu Ihren Wurzeln der Klassik zurück …

Als Musiker muss man ein Zuhause haben. Das Fundament meiner Musik ist die klassische Ausbildung. Natürlich habe ich mich weiterentwickelt, etwa in der Frage, wie ich Instrumente in die Rock- und Pop-Arrangements einbinde. Aber der Grundstein kommt aus der Klassik. Dementsprechend lege ich Wert darauf, dass das nicht in den Hintergrund gerät.

Sie sind sehr diszipliniert. Ihr Vater galt als besonders streng.

Da würde er mir auch zustimmen. Zu 100 Prozent kann ich sagen, dass mein Vater dafür verantwortlich ist, dass ich ein guter Geiger geworden bin. Er hat schon darauf geachtet, dass ich jeden Tag viel arbeite. Es geht in diesem Bereich, glaube ich, darum, dass man früh anfangen muss – und jemanden braucht, der einen ab und zu antreibt. Ich habe es bei Klassik-Musikern noch nie erlebt, dass es nicht so war – und der Musiker trotzdem erfolgreich geworden ist. Ich bin früher vielleicht manchmal zu kritisch damit umgegangen, weil ich zeitlich zu nah dran war. Mit Abstand kann ich das neutraler beurteilen.

Ihr aktuelles Album „Unlimited“ ist ein musikalischer Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre. Wie haben Sie diese Zeit erlebt und sich entwickelt?

Das waren zehn fantastische Jahre. Rückblickend ist es manchmal schwer zu fassen, was da so alles passiert ist und auch immer mit einem großen Erfolg verbunden war. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Heute gehe ich mit einer großen Demut damit um. Zehn Jahre hört sich kurz an. Aber für einen Künstler ist das eine Ewigkeit.