Barack Obama ist ein Fan von Edward Hopper (1882-1967), dem amerikanischsten Maler der Vereinigten Staaten. Es gibt da das berühmte Foto, das den damaligen US-Präsidenten im Oval Office zeigt, wie er „Burly Cobb’s House, South Truro“ und „Cobb’s Barns, South Truro“ (beide 1930-1933) betrachtet.

Die Gemälde zeigen eine hügelige, eher statische Landschaft auf der Halbinsel Cape Cod im Bundesstaat Massachusetts, wo Hopper und seine Frau und Modell Jo ihre Sommer verbrachten. Im Zentrum von Bild eins steht das Farmer-Haus mit silberschimmerndem Dach, beim zweiten eine ziegelrote Scheune.

Eine Frau fotografiert in der Fondation Beyeler Hoppers Ölgemälde Kunstwerk „Aufnahme von Orleans“ (1950, Leihgabe des Fine Arts Museums Of San Francisco).
Eine Frau fotografiert in der Fondation Beyeler Hoppers Ölgemälde Kunstwerk „Aufnahme von Orleans“ (1950, Leihgabe des Fine Arts Museums Of San Francisco). | Bild: Ennio Leanza / Keystone / dpa

Meist thematisierte Hopper in seinen Landschaften Eingriffe des Menschen in die Natur. Motive wie Strommasten, Autos oder, in „Railroad Sunset“ (1929), Eisenbahnschienen, stehen exemplarisch für die zivilisatorische Eroberung der Natur. Dabei ging es dem Künstler nicht um Umweltzerstörung, sondern um die Erfassung der Weite und Leere, aber auch um den eigenen Blick auf die Landschaft, der selten zu einer naturalistischen Abbildung führte.

Hoppers Landschaftsdarstellungen – auch den Bildern aus dem Weißen Haus –, liegt oft ein geometrischer Bildaufbau zugrunde. Die Gebäude auf der Halbinsel Cape Cod wirken indessen nicht wie Fremdkörper. Hopper bettet sie in die Hügel ein, er versenkt sie regelrecht.

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„Burly Cobb’s House“ und „Cobb’s Barns“, aber auch die dunkel-poetische, in horizontalen Streifen aufgebaute Geländestudie „Railroad Sunset“, sind Teil der Hopper-Ausstellung der Fondation Beyeler. Ihr Fokus liegt auf der Landschaft.

Laut Ulf Küster, Kurator des Museums, gab es bisher noch keine Ausstellung, die sich umfassend mit Hoppers Blick auf die amerikanische Landschaft auseinandergesetzt hat. Den letzten Anstoß zu dieser Präsentation hat das Landschaftsbild „Cape Ann Granite“ (1928) gegeben, eine Dauerleihgabe aus den USA, die Eingang in die Sammlung der Fondation fand.

Warum das bekannteste Werk fehlt

Hopper hinterließ bei einem Gesamtwerk von 3000 Arbeiten lediglich 366 Gemälde. Die Fondation zeigt 35 davon, darunter sind Stil-Ikonen wie „Light House Hill“ (1927), „Gas“ (1940), „Cape Cod Morning“ (1950) und „Second Story Sunlight“ (1960) –, 16 Aquarelle, 13 Zeichnungen und einige grafische Blätter.

Auf die Stadtlandschaft „Nighthawks“ (1942), die vier Menschen in einer Bar zeigt, die beziehungslos nebeneinander stehen, verzichtet Küster. Das Bild, Inbegriff eines Hopper-Werks und eins der populärsten Gemälde des 20. Jahrhunderts, würde alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen und so von den anderen Arbeiten ablenken, begründet der Kurator die beabsichtigte Lücke.

Hoppers Ölgemälde „Cobb‘s Barns, South Truro“ (1930–1933) hing eine Zeit lang im Weißen Haus in Washington, nun wieder im Whitney Museum in New York.
Hoppers Ölgemälde „Cobb‘s Barns, South Truro“ (1930–1933) hing eine Zeit lang im Weißen Haus in Washington, nun wieder im Whitney Museum in New York. | Bild: Robert Gerhardt / Denis Y. Suspitsyn / Whitney Museum Of American Art

Unbewusst habe er, notierte Hopper über „Nighthawks“, „die Einsamkeit in einer großen Stadt gemalt“. Aber auch andere Seelen-Bilder, die überwiegend einzelne Personen oder Paare in Motels, Wartehallen, Hotelzimmern, an Tankstellen, vor Fassaden oder auf Veranden porträtieren, demonstrieren Distanz trotz räumlicher Nähe. Die Blicke der puppenhaften Schweiger – auch Hopper redete wenig – gehen aneinander vorbei, sie starren ohne zu fixieren, wartend, man weiß nicht genau worauf.

Rätselbilder ohne Auflösung

Hopper schafft Rätselbilder, die sich nicht einfach lösen lassen. In „Railroad Sunset“ etwa ist unklar, woher die Schienenstränge kommen und wohin sie führen. In „Stairway“ (1949), einem kleinen, unheimlichen Bild, blicken wir durch eine offene Tür ein paar Stufen hinunter auf eine undurchdringliche Masse aus Bäumen oder Hügeln unmittelbar davor.

Die Tür ist kein einladender Durchgang, der Innen und Außen verbindet, sondern, wie es der Dichter Mark Strand in dem Buch „Über Gemälde von Edward Hopper“ notierte, „eine paradox konstruierte Geste, um uns da festzuhalten, wo wir sind“.

Ein Mann betrachtet das Ölgemälde „Stairway“ (1949, Leihgabe des Whitney Museums Of Modern Art New York) von Edward Hopper.
Ein Mann betrachtet das Ölgemälde „Stairway“ (1949, Leihgabe des Whitney Museums Of Modern Art New York) von Edward Hopper. | Bild: Ennio Leanza / Keystone / dpa

Nicht zuletzt dieses düstere Bild, findet Küster, aber auch die Beobachtung, dass bei einigen Geisterhäusern Hoppers die Türen fehlen, Strommasten keine Leitungen führen, Fenster wie blinde Augen wirken, macht den Maler zu einem Surrealisten, vergleichbar René Magritte. Richtig ist, dass es bei Hopper immer etwas außerhalb gibt, das seinen Einfluss auf die Personen im Bild geltend macht.

Regisseur Wim Wenders steht in der Fondation Beyeler neben Hoppers Ölgemälde „Cape Cod Morning“ (1950, Leihgabe des Smithsonian American Art Museums Washington). Wenders hat den Kurzfilm „Two Or Three Things I Know About Edward Hopper“ gedreht, der nur in der Fondation Beyeler zu sehen ist.
Regisseur Wim Wenders steht in der Fondation Beyeler neben Hoppers Ölgemälde „Cape Cod Morning“ (1950, Leihgabe des Smithsonian American Art Museums Washington). Wenders hat den Kurzfilm „Two Or Three Things I Know About Edward Hopper“ gedreht, der nur in der Fondation Beyeler zu sehen ist. | Bild: Ennio Leanza / Keystone / dpa

Die blonde Frau in „Cape Cod Morning“ blickt aus einem Erkerfenster ins Licht. Sie lehnt sich erwartungsvoll nach vorn. Doch wissen wir nicht, was sie anschaut oder ob sie überhaupt etwas anschaut. Der Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit liegt, wie die Lichtquelle, außerhalb des Bilds. Das schafft Spannung. Es ist wohl so, dass diese Auslassungen Hoppers Bilder modern und zeitlos machen.

Aus der Perspektive eines Voyeurs

Hoppers kühle, realistische Bilder mit ihren großen Licht- und Schattenflächen und einer von Edgar Degas beeinflussten radikalen Perspektive des unbeteiligten Voyeurs erinnern an die fragile Ruhe von sogenannten Film-Stills, Standfotos. Tatsächlich war der Maler ein begeisterter Kinogänger. Er ließ sich vom Film inspirieren, umgekehrt nahm er auch Einfluss auf Regisseure wie Alfred Hitchcock (der „House By The Railroad“ von 1925 zum Vorbild für das Motel in „Psycho“ nahm), Francis Ford Coppola oder Wim Wenders.

Dessen Film „Paris, Texas“ (1984) ist eine Hommage an Hopper. Für die Ausstellung drehte Wenders den 3D-Kurzfilm „Two Or Three Things I Know About Edward Hopper“, in dem er Hoppers Bilder nicht nur rekonstruiert – etwa die Tankstelle mit den drei roten Zapfsäulen, einem unergründlichen Wald und Tankwart mit Krawatte in „Gas“ –, sondern weiter erzählt. Der Kurzfilm ist nur in der Ausstellung zu sehen. Auch das ist aufregend. Und ja, bildschön.

Die Ausstellung „Edward Hopper“ in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel läuft bis zum 17. Mai 2020. Geöffnet ist täglich von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr. Weitere Informationen finden Sie hier.

Wim Wenders‘ Film zur Ausstellung

Die starke Atmosphäre in Edward Hoppers Bildern fasziniert nicht nur Kunstfreunde weltweit, sondern inspirierte immer schon Maler, Literaten und Regisseure wie David Hockney, Mark Rothko, Norman Mailer, John Updike, Alfred Hitchcock, Francis Coppola oder Wim Wenders.

Schon 1977 hat sich der deutsche Filmemacher bei den Dreharbeiten zu „Der amerikanische Freund“ Bilder aus einem Hopper-Katalog herausgetrennt und an die Wand gepinnt, um sie als Vorbilder für Einstellungen zu benutzen, wie Wenders während der Medienkonferenz zur Ausstellung „Edward Hopper“ in der Fondation Beyeler erzählte.

20 Jahre später baute er in seinen Film „Am Ende der Gewalt“ in einer Szene Hoppers nächtliches Bar- und Kultbild „Nighthawks“ (1942) nach. Aber auch sein Film „Paris, Texas“ ist von Bildern Hoppers beeinflusst.

Als die Fondation den Regisseur um einen Katalog-Beitrag bat, schlug er stattdessen einen Film vor – und drehte den 3D-Streifen „Two Or Three Things I Know About Edward Hopper“. Er wollte etwas sagen, was er nicht schreiben konnte, sagte Wenders im Gespräch mit Sam Keller, Direktor der Fondation.

Der Regisseur hatte sich auf der Suche nach dem „Hopper Spirit“ in die USA begeben. In seinem Film rekonstruiert Wenders vermeintlich authentisch Orte und verlebendigt Figuren wie die unbekannte Schöne in „Morning Sun“ (1952) oder das seltsame Paar in „Excursion Into Philosophy“ (1959) und erzählt ihre Geschichten fantasievoll weiter.

In Hoppers „Gas“ (1940), Schlussakkord der Ausstellung, bringt Wenders nicht nur den Tankwart in Bewegung, sondern lässt einen Wagen vorfahren, dem eine Frau entsteigt, die sich wortlos und mit eingefrorener Miene eine Zigarette anzündet, bevor sie, von einem Mann chauffiert, weiter fährt – Wenders ließ die Tankstelle eins zu eins nachbauen. Welches Drama steckt in der Szene? Das bleibt offen.

Wenders reißt nur an, er will kein Geheimnis lüften, er erklärt nichts. Er will nur eine Ahnung vom „Lebensgefühl Amerika“ weiter geben. Das ist ihm, wie seinem großen Vorbild Hopper, ganz gut gelungen. Der Film ist nur im Museum zu sehen.

Am Dienstag, 11. Februar 2020, um 18.30 Uhr, spricht Wim Wenders in der Fondation Beyeler mit Christian Junge, dem künstlerischen Leiter des Zürcher Filmfestivals. Die Veranstaltung ist im Museumseintritt inbegriffen.

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