Herr Waltz, Ihr Film „Alita – Battle Angel“ wurde von Robert Rodriguez inszeniert, der wie Sie ein Freund und Wegbegleiter von Quentin Tarantino ist. Kannten Sie sich schon vor diesem Film?

Da liegen Sie falsch, wir kannten uns nicht. Es gibt noch viele Freunde von Tarantino, die ich nicht kenne.

Was hat Sie an dem Film interessiert?

Das ist völlig irrelevant. Wichtig ist, was den Zuschauer daran interessiert. Sicherlich nehme ich keine Rollen an, die mich nicht interessieren und in denen ich nichts für mich finde. Aber ich rede ungern darüber. Wenn man in einem hervorragenden Restaurant gerade eine wunderbare Mahlzeit kredenzt bekommt, dann muss man doch auch nicht wissen, was der Koch empfunden hat, als er auf dem Markt das Gemüse ausgesucht hat. Ich habe immer das Gefühl, ich würde mir selber den Teppich unter den Füßen wegziehen, wenn ich über die Hintergründe meiner Arbeit spreche. Mit meinen Erklärungen komme ich doch dem, wofür ein Film gemacht wird, nämlich dem Erleben des Zuschauers, ins Gehege – und das will ich nicht.

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Aber war es zumindest ein Anreiz, dass Sie keinen Bösewicht spielen?

Darüber denke ich gar nicht nach. Ob jemand ein Bösewicht ist oder nicht, auch das muss das Publikum entscheiden, nicht ich. Manchmal ist es auch interessant mit Menschen zu sprechen, die eine Rolle ganz anders wahrgenommen haben und gar nicht verstehen, warum sie von anderen als böse bezeichnet wird.

Kann man es sich in Hollywood erlauben, nicht übers Image nachzudenken?

Keine Ahnung. Kann gut sein, dass man sich das eigentlich nicht leisten kann. Aber dann ist das eben ein Luxus, den ich mir gönne.

Kommen wir mal vom Luxus zur Leidenschaft. Was fällt Ihnen zu diesem Wort als Erstes ein?

Dass damit irrsinnig viel Schindluder getrieben wird und dass es gerade zur Handelsware erklärt wird. Alles muss mit Leidenschaft gemacht werden, und allen wird vorgegaukelt, dass das Leben sinnvoller und erfüllter werden könnte, wenn man seine Leidenschaft lebt. Aber letzten Endes geht es wieder nur darum, den Menschen irgendetwas zu verkaufen. Lebe deine Leidenschaft! Verwirkliche dich! Das ist völliger Humbug.

Das müssen Sie erklären …

Erstens hält es nicht jeder aus, seine Leidenschaft zu leben. Zweitens ist überhaupt gar nicht alles leidenschaftlich behaftet. Drittens existieren vielleicht gar nicht bei jedem solche Leidenschaften und können also auch nicht einfach aus der Luft gegriffen werden. Und am wichtigsten ist doch, dass es gar keinen zwingenden Hinweis, geschweige denn einen Grund gibt, dass dadurch, dass man seine Leidenschaft lebt, sich irgendetwas verbessert. Nur weil man nicht leidenschaftlich brennt für seinen Beruf, fehlt einem nicht automatisch etwas. Das ist Mumpitz!

Für Sie ist doch aber sicherlich die Schauspielerei eine Leidenschaft, oder?

Überhaupt nicht! Das ist mein Beruf, und das ist bei uns nicht anders als in anderen Berufen auch. In der Medizin ist das Pflegepersonal am besten, dass ohne Leidenschaft bei der Sache ist. Ärzte, die leidenschaftlich Ärzte sind, machen oft schwerwiegende Fehler.

Die Schauspieler Daniel Craig (links) und Christoph Waltz bei der Premiere des James-Bond-Films "Spectre" 2015 in Berlin.
Die Schauspieler Daniel Craig (links) und Christoph Waltz bei der Premiere des James-Bond-Films "Spectre" 2015 in Berlin. | Bild: Tobias Schwarz / AFP

Welche Fehler würden Sie denn machen, wenn Sie ein leidenschaftlicher Schauspieler wären?

Den größten Fehler überhaupt, nämlich Ihnen vermitteln zu wollen, wie leidenschaftlich ich bin! Tatsächlich geht es mir nur um die Geschichte. Dass da mal Leidenschaft drin ist oder man selbst bestimmten leidenschaftlichen Tendenzen nicht entkommt – das kann ja sein. Aber das nicht mit dem Beruf an sich zu tun.

Sie waren lange Jahre nicht so erfolgreich wie heute. Braucht man in solchen Phasen nicht eine Art von Leidenschaft, um überhaupt weiterzumachen?

Überhaupt nicht. Was einen weitermachen lässt, ist Sturheit, ökonomische Notwendigkeit oder einfach Durchhaltevermögen. Leidenschaft verhilft einem höchstens zu größerer Frustration, aber nicht zum Durchhalten. Dafür braucht man keine Leidenschaft, sondern Insistenz.

Haben Sie damals die Schauspielerei nicht an den Nagel gehängt, weil Sie ein sturer Bock sind oder weil Sie nichts anderes konnten?

Genau diese ganze Palette von Gründen. Weil ich nicht wusste, wie ich sonst meinen Lebensunterhalt verdienen würde. Und weil mir sonst nichts eingefallen ist. Im Übrigen ist das in jedem Beruf so, in jeder Beziehung, selbst bei einem Hobby, das man nur zum Vergnügen betreibt: Irgendwann kommt man an einen Punkt, wo Durchhaltevermögen gefragt ist, nicht Leidenschaft, wenn man weiterkommen will.

Kann man Durchhaltevermögen lernen?

Ja, kann man. Einfach dabeibleiben. Aber das muss man üben. Vielen fällt das nicht leicht, sie sind nicht gut darin. Doch wenn sie trotzdem weitermachen, dann ist das das wahre Durchhaltevermögen.

Pflegen Sie denn überhaupt irgendwelche Leidenschaften?

Ich habe schon eine Leidenschaft für gute Filme. Von denen gibt es nicht viele, aber wenn sie gut sind, dann sind sie richtig gut. Die sehe ich, wie man so sagt, leidenschaftlich gerne.