Der Weltuntergang beschäftigt uns schon seit Menschengedenken. Immer wieder wird er angekündigt, manchmal sogar auf den Tag genau errechnet. Doch noch nie ist er eingetreten. Auch das Christentum kennt das Ende der Welt: Die Apokalypse. Im Mittelalter wartete man in Folge dessen auf den Antichristen, der der Wiederkunft Jesu Christi vorausgeht. Aber schon die Antike kannte die Vorstellung vor einem letzten Kampf zwischen Gut und dem alles vernichtenden Böse. Heute stellen wir uns den Weltuntergang eher als Folge von Umweltzerstörung, Chemiewaffen, Atomkrieg oder einer Seuche vor. Dem Menschen steht nun der Mensch selbst als der ärgste Feind gegenüber. Aber auch der Meteoriteneinschlag auf die Erde ist ein beliebtes Szenario.

Wie naiv oder realistisch die Szenarien auch sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Sie erinnern uns an die eigene Sterblichkeit. Denn dass die Mortalitätsrate des Menschen bei 100 Prozent liegt – an dieser Erkenntnis lässt sich nicht rütteln. Nur ist sie uns bereits so vertraut, dass sie uns nur selten in Aufregung versetzt. Wer Angst und Schrecken verbreiten will, muss also zu wirksameren Mitteln greifen: etwa der Ankündigung eines Weltuntergangs.

Genau das tut Nekrotzar (starke Bühnenpräsenz: Leigh Melrose), der selbsternannte Tod in György Ligetis Operngroteske "Le Grand Macabre". Er kündigt den Bewohnern von Breughelland an, um Mitternacht die Welt zu vernichten. Das löst natürlich Unruhe aus. Zumindest vorübergehend...

Ist er wirklich der Tod oder nur ein Hochstapler? Leigh Melrose (Mitte) als Nekrotzar. Links: Alexander Kaimbacher als Piet vom Fass, rechts: Jens Larsen als Astradamors.
Ist er wirklich der Tod oder nur ein Hochstapler? Leigh Melrose (Mitte) als Nekrotzar. Links: Alexander Kaimbacher als Piet vom Fass, rechts: Jens Larsen als Astradamors. | Bild: Herwig Prammer

Ligetis Oper, die nun am Opernhaus Zürich Premiere hatte, ist eine schrille Groteske. Sie macht den Tod zu einer lächerlichen Figur und lacht die Angst gewissermaßen weg. Denn Nekrotzar lässt sich auf Einladung des Säufers Piet vom Fass (einnehmender Tenor: Alexander Kaimbacher) auf einen letzten Trunk ein – und verpasst den Weltuntergang, weil er zu betrunken ist. Ligeti selbst sprach im Zuge der Uraufführung 1978 von einer "Aufhebung der Angst durch Verfremdung". Und er griff dafür zu recht derben Mitteln der Überzeichnung – Fäkalsprache oder sadomasochistische Sexszenen inklusive.

Der Tod ist nur ein Kinderspiel

Man muss Ligetis Operngroteske auch aus ihrer Zeit heraus verstehen. In den Siebzigerjahren hatte sich die Avantgarde-Szene darauf eingeschossen, verkopfte, intellektuelle "Anti-Opern" zu schreiben. Das störte den ungarischen Komponisten und er antwortete seinerseits mit einer "Anti-Anti-Oper", die gewissermaßen primitiv und direkt, aber keine Rückkehr zur romantischen Oper sein sollte. "Le Grand Macabre" mit der oft grellen, slapstickartigen Musik war geboren. Und die Frage stellt sich: ist das nun einfach Klamauk oder steckt mehr dahinter?

Regisseurin Tatjana Gürbaca vernimmt hinter der Derbheit auch eine große Unschuld, wie sie in einem Interview erklärte: "Das hat alles etwas sehr Kindliches und unverstellt Körperliches". Eine überraschende Sichtweise – die aber ihrer Inszenierung eine ganz eigene Wendung gibt. Eine Sado-Maso-Szene als harmloses (und keineswegs verdruckstes) Kinderspiel zu zeigen, dazu gehört schon etwas. Aber Gürbaca gelingt genau dies.

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Ihre Mescalina, eigentlich eine handfeste Domina, verhält sich nicht anders als ein Kind, das durch eine unstillbare Lust am Rollenspiel ihren bereits erschöpften Spielgefährten Astradamors (Jens Larsen) in den Wahnsinn treibt. Schön an der Szene ist, dass Gürbaca wegen Erkrankung der Darstellerin Judith Schmid selbst in die Rolle der Mescalina schlüpfen musste und damit wenn auch nicht die Welt, so doch die Premiere rettete – während die kurzfristig aus Guadeloupe eingeflogene Sarah Alexandra Hudarew die Partie von der Bühnenseite sang.

Sado-Maso mal eher harmlos. Bei der Premiere sprang die Regisseurin selbst für die hier auf dem Bild zu sehende Judith Schmid (Mescalina) ein. Vorne: Jens Larsen als Astradamors
Sado-Maso mal eher harmlos. Bei der Premiere sprang die Regisseurin selbst für die hier auf dem Bild zu sehende Judith Schmid (Mescalina) ein. Vorne: Jens Larsen als Astradamors | Bild: Herwig Prammer

Im Grunde sind Tod und Weltuntergang bei Gürbaca nicht mehr als ein Kinderspiel. So wie Kinder braucht auch sie nur eine Guckkastenbühne (Bühne: Henrik Ahr) und ein paar banale Requisiten wie Mützen, Seile, Klebeband und Pantoffeln, um eine ganze Welt entstehen zu lassen und ein irres Treiben darin zu entfachen. Ja, auch bei ihr geht es da ziemlich klamaukig zu. Denn im Grunde machen die Breughelländer auch angesichts des Todes weiter wie bisher: Sie saufen, huren und schmieden politische Intrigen (köstlich vor allem: Eir Inderhaug als Chefin der Geheimen Politischen Partei).

Sehr konspirativ: Eir Inderhaug als Chefin der Gepopo, der Geheimen Politischen Partei.
Sehr konspirativ: Eir Inderhaug als Chefin der Gepopo, der Geheimen Politischen Partei. | Bild: Herwig Prammer

Gürbacas Trick aber besteht darin, dies für die Bühne nicht weiter zu überzeichnen. Statt dessen schafft sie durch Unterzeichnung einen größtmöglichen Kontrast zur Musik und treibt die Groteske damit erst auf die Spitze. Und sie umschifft damit auf recht intelligente Weise, was einstmals vielleicht provokant und unverbraucht war, heute aber eh niemand mehr auf der Bühne sehen will: ausgestellte Nacktheit oder aufgeblasene Penisse.

Freilich: Wirklich Spaß macht das Ganze nur in Kombination mit Ligetis zwar überdrehter, aber auch großartiger Musik, die mit Tito Ceccherini am Pult der Philharmonia Zürich einen versierten Fürsprecher findet. Für entrückte Ruhepole sorgen die Szenen der beiden Liebenden Amanda (Alina Adamski) und Amando (Sinéad O'Kelly). Dem Weltuntergang entziehen sie sich durch ein exzessives Liebesspiel. Das war wohl auch Ligetis Taktik im Umgang mit dem Tod: "Der Tod und die ganze dunkle Zukunft ist uns egal, es gibt nur 'hier und jetzt'."

Weitere Vorstellungen: 7., 10., 13., 16., 21. 24. Februar; 2. März. Infos und Tickets: http://www.opernhaus.ch