Heute sind wir zu Besuch in der Hölle. Der Schweizer Thom Luz, Hausregisseur am Theater Basel, führt das Publikum auf eine „Jenseitswanderung auf den Spuren von Dantes Göttlicher Komödie“. Dabei sieht die Hölle verdammt nach Theater aus. Die Bühne von Wolfgang Menardi und Thom Luz ist vollgestellt mit Gittercontainern voller Gerümpel, mit abgestellten Kulissenteilen, ausgestopften Raubtieren, einem Grammophon und einem Klavier. Musik? Auch das. Vor allem Musik und Geräusche, wenig Text.

Die Figuren wirken vereinzelt und schemenhaft, sie hängen in der Endlosschleife ihrer Erinnerung fest – und der Zuschauer selber fühlt sich insgesamt höllisch an das Marthaler-Theater erinnert. Ein großer neuer ästhetischer Wurf ist das Luz-Theater nicht, doch sehenswert ist dieser kleine feine Theaterabend von nur achtzig Minuten allemal.

Thom Luz, das kann er, inszeniert, ja instrumentiert, eigentümliche Bewusstseinszustände. Vor zwei Jahren führte er das Basler Theater auf den „Zauberberg“ von Thomas Mann, danach in die Sphären des Basler „LSD“-Erfinders Albert Hofmann. Jetzt also geht es ins „Inferno“, in den ersten Teil von Dantes „Göttlicher Komödie“. Gleich zu Beginn wirft das Theater die Nebelmaschine an. Bühnenarbeiter werkeln auf der Spielfläche. Am Ende verschwinden die Figuren im dichten Dunst. Nebulös, das Ganze – und so soll es auch sein.

Bei Thom Luz ist zu erleben, wie sich die Gegenwart, auch die des Theaters, immer mehr von den Texten der Vergangenheit entfernt und verschwindet. Vom klassischen Bildungsgut bleibt nur der Stummfilm „Inferno“ von 1911 übrig, gezeigt in einem winzigen Monitor, ganz nebenbei. Wo Dante eingangs vom Wald berichtet, wird hier der Satz projiziert: „In einer Lebenskrise hat sich Dante in einen Wald verirrt“. Vergil (Steffen Höld), mit hellgrauen Anzug und Nerd-Brille, führt die schwarze Gestalt von Dante (Elias Eilinghoff) in „die blinde Welt“ des Jenseits.

Was Körper war, Schmerz, Folter und Qual, ist gestrichen. Dantes mythische und historische Figuren sind eingeschmolzen zu vier diffusen Archetypen. Was herrscht, ist die große Auflösung. Es geht nicht um politische Neuinterpretation der Renaissance-Dichtung. Auch nicht wie im Pop-Theater um Medien-Effekte. Thom Luz ist darüber hinaus. Er schafft Erinnerungsräume, undurchsichtige Sphären, vage Andeutungen. Ein Beispiel für viele: Wo Dante von Cäsar erzählt, zeigt Luz nicht einmal mehr den Film „Cäsar und Cleopatra“, sondern nur noch beiläufig ein Foto der Schauspielerin Liz Taylor.

Die gesamte Inszenierung hängt am dünnen, seidenen Faden der Erinnerung. Das ist hoch riskant: Man kann als Zuschauer die Zusammenhänge ahnen, aber wer es nicht schafft, sich an diesem Faden zu Dante zurückzuspulen, kann abstürzen. Dafür eröffnet sich beim Zusehen eine völlig neue Welt: Es ist das Theater der Schwellenzeit, in der wir leben. Wie viele von uns, so wollen auch diese Schattenmenschen noch am Vergangenen festhalten, am Grammophon, an den alten Chansons, doch schon ertönt der schrille Alarmton der Zukunft, und die Bühnenarbeiter räumen die geliebten Gegenstände weg, auch die Requisiten des guten alten Theaters. Stück für Stück verschwindet.

Carina Braunschmidt als Selbstmörderin mit Giftbecher, Lisa Stiegler als vergeblich Liebende, Martin Hug als hoffnungsvoller Irrfahrer und Simon Zagermann als trauernder Vater – sie alle agieren wie somnambule Zwischenwesen, sie alle verharren, meist schweigsam, in ihrer eigenen stillstehenden Zeit. Sie sind befangen in einer einzigen Endlosschlaufe.

Das Prinzip Wiederholung beherrscht auch die Musik mit Zitaten von Monteverdi bis Morricone, live gespielt. Die Zeit steht still, die Bühne liegt wie im Traum, gebannt starren die vier Spieler immer wieder auf ein leuchtendes Bullauge. Sie sind neugierig, fasziniert. Was mag sich dahinter befinden: eine Verbrennungsanlage für ihre Erinnerungsstücke, das Höllenfeuer oder der Vorschein vom Paradies?

Kommenden Mai werden wir mehr wissen. Thom Luz plant eine Fortsetzung: „Paradiso – eine ewige Bauprobe“ heißt sein nächstes Stück. Für sein „Inferno“ jetzt gab es freundlichen Applaus.

Die nächsten Vorstellungen: 26. und 27. Januar; 11., 14., 16., 20. und 24. Februar. Karten und Infos: www.theater-basel.ch