Es war zweifellos einer der erotischsten Augenblicke in der Geschichte der US Politik, jener 19. Mai 1962, als Marilyn Monroe auf der Bühne des Madison Square Garden an das Mikrofon trat und ihrem Präsidenten in ihrer unvergleichlichen Art ein Geburtstagsständchen in das Mikrofon hauchte. Die Art und Weise, wie sie kehlig „Happy Birthday Mr. President“ durch den Saal flüsterte, nahm die ganze Nation mit in die Kissen der offenkundigen Affäre zwischen Kennedy und Monroe. Kennedys zahlreiche Liebschaften, nicht nur mit Monroe, waren damals ein offenes Geheimnis. Die Presse und das Fernsehen schwiegen jedoch dazu. Man war sich einig, dass über das Privatleben öffentlicher Figuren nicht gesprochen wird – jedenfalls nicht offiziell. Doch die Zeiten haben sich drastisch geändert.

So ist in den letzten Wochen das Thema Sex in den Mittelpunkt des Wettbewerbs um die mächtigste Position in der Weltpolitik gerückt. Fremd waren sich die Sphären allerdings noch nie. Kenneth Minogue, Politologe an der London School of Economics, glaubt gar, dass „die Verführung in gewissem Sinn die zentrale Idee des politischen Lebens ist.“ Sogar die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Verführung war laut Minogue politisch. Im Mittelalter wurde damit die Kunst bezeichnet, einen Vasallen oder Soldaten davon zu überzeugen, seine Loyalität gegenüber seinem Dienstherren aufzugeben und die Fronten zu wechseln, so Minogue. Erst ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert verstand man unter Verführung auch, eine Frau dazu zu bewegen, ihre Jungfräulichkeit aufzugeben.

In der modernen Politik bedeutet Verführung, Menschen dazu zu bringen, ihre Überzeugungen aufzugeben und in ein anderes Lager zu wechseln. Insofern ist die Kunst der Verführung tatsächlich das Paradigma eines jeden Wahlkampfes. Natürlich gibt es da die verschiedensten Strategien. Hillary Clinton wählt dazu den wohl konventionellsten Weg. Sie versucht durch rationale Überzeugung und durch das bessere Programm zu überzeugen – ein Vorgehen, dass ihr den Vorwurf eingetragen hat „unsexy“ zu sein.

Bei Donald Trump steht dagegen die Lust am Tabubruch im Vordergrund, die jeder Verführung inne wohnt. Trump gibt damit an, dass er dem Wähler einfach zwischen die Beine greift und dieser sich das gefallen lässt. Bei seinen Wahlkampfreden spricht er fast ausschließlich davon, dass er gewinnt und die Gegnerin dominiert. Es ist dieselbe Art von Prahlerei, wie im „Kabinen-Geplauder“ mit Billy Bush.


Seine Beteuerung, dass seine jüngst aufgetauchten Tonaufnahmen sexueller Prahlereien bloßes „Kabinen-Gerede“ gewesen seien, verraten weniger Scham als eine Selbstzufriedenheit darüber, dass er zu der Art Mann gehört, der unter Männern nun einmal so redet. Ein männlicher Mann, eben ein Macho, ein Sportler-Typ. Es bedarf schon eines beträchtlichen rhetorischen Geschicks, bei einer Entschuldigung durchklingen zu lassen, dass man auf die Missetat eigentlich stolz ist, doch Donald Trump ist ein Meister solcher Doppelzüngigkeit.

 

Es war nicht das erste Mal, dass er sich selbstgefällig als unwiderstehlichen, hypersexuellen Schürzenjäger stilisiert. Er brüstet sich unverhohlen mit der Größe seines Geschlechts, gibt damit an, dass er sich bei seinen Schönheitswettbewerben hinter die Bühne schleicht, um die nackten Wettbewerberinnen zu beäugen und hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich weibliche Angestellte alleine nach ihrem Äußeren aussucht. Die Tatsache, dass Donald Trump sich in der Rolle des aggressiven sexuellen Wilderers gefällt, verrät nicht nur viel über seine Einstellung zu Frauen, sondern auch einiges über seine Auffassung von Politik.
 

KOMBO - Die Bildkombo zeigt den amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, aufgenommen am 06.05.1999 in Bonn, und die frühere Praktikantin im Weißen Haus, Monica Lewinsky, aufgenommen am 09.09.1999. Foto: Michael Jung/Oy Nukari/dpa (zu dpa «Blutiger Streit wegen Monica? - Buch verrät «Geheimes» über Clintons» vom 08.04.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
KOMBO - Die Bildkombo zeigt den amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, aufgenommen am 06.05.1999 in Bonn, und die frühere Praktikantin im Weißen Haus, Monica Lewinsky, aufgenommen am 09.09.1999. | Bild: Michael Jung (dpa)

Obama und vor ihm Bill Clinton waren elegantere Verführer. Sie waren Charmeure, zugleich attraktiv und charismatisch. Sie haben Wähler durch ihre Aura auf ihre Seite gezogen. Man hat sich in sie verliebt, weil sie das bessere Leben, den frischen Wind, den sie versprachen, verkörperten. In ihrer Gegenwart fühlte man sich erneuert, lebendig und so ließen sie die Wählerherzen schmelzen. Eine Fähigkeit, die Hillary Clinton, wie sie selbst zugibt, eher abgeht.

Donald Trump ist hingegen eine ganze andere Art von Verführer. Mit seinem Wettern gegen „Political Correctness“ erteilt er den Verführten die Lizenz dazu, sich tieferen Gelüsten und Begierden hinzugeben, die sie sich aus Rücksicht auf bürgerliche Normen bislang untersagten. Dazu gehört vor allem auch die Rebellion gegen die neuen Normen der pluralistischen Gesellschaft, die Dinge wie Gleichberechtigung und Toleranz fordern. Er befreit sie von diesem moralischen Korsett und erlaubt es ihnen, ungehemmt das bedrohliche Andere wieder in seine Schranken zu weisen – gleich ob es als weiblich, schwarz, muslimisch oder mexikanisch daher kommt. Dadurch fühlen sich die Verführten wertgeschätzt wie nie und geben sich willfährig dem Verführer hin.

Hillary Clinton steht freilich diese Taktik der Wähler-Beflirtung überhaupt nicht offen, selbst wenn sie die Neigung dazu verspüren würde. „Keine Frau wie Trump würde jemals für ein politisches Amt nominiert werden“, sagt Katha Pollitt, Kolumnistin für die politische Wochenzeitschrift „The Nation.“ Eine Kandidatin, die fünf Kinder von drei Ehemännern hat und mit ihren Ehebrüchen prahlt, wäre in den USA gänzlich undenkbar. So, wie überhaupt ein sexualisiertes Auftreten für eine Frau in einer Machtposition „überaus riskant“ sei, so Pollitt. Deshalb wählt Hillary, wie etwa auch Angela Merkel, den sicheren Weg und gibt sich weitestgehend entsexualisiert. Der ewige, mittlerweile legendäre Hosenanzug suggeriert Gender-Neutralität, er lenkt von jeglichen Projektionen geschlechtlicher Identität ab. Doch diese Präsentation schützt Clinton nicht vor offenem Sexismus. Sie muss sich nicht nur aus dem konservativen Lager die Vorwürfe gefallen lassen, fad und langweilig zu sein.

Hillary Clinton hat derzeit wenig ANlass zur Freude. Foto: Shawn Thew
Hillary Clinton hat derzeit wenig ANlass zur Freude. Foto: Shawn Thew | Bild: Foto: dpa

Bei all dem schwingt immer die Unterstellung mit, dass Clinton frigide sei – das sexistische Standardklischee gegenüber Frauen, die sich nicht alleine über ihren Körper und ihre Sexualität definieren mögen. Das Klischee haftet Hillary bereits an, seit sie die First Lady des Staates Arkansas war, sich jedoch nicht damit begnügte, ihrem Mann den Rücken zu stärken. Sie arbeitete weiter als Partnerin in einer großen Anwaltskanzlei und leitete eine Stiftung zur Förderung benachteiligter Kinder und Familien. „Ich hätte auch Tee kochen und Plätzchen backen können“, verteidigte sie sich damals schnippisch. „Aber ich habe mich dazu entschieden, meinen Beruf auszuüben.“

 

Diese Zeit, in Zusammenhang mit ihren studentenbewegten Tagen in den 1960er Jahren, trägt ihr bis heute den Ruf ein, „eine männerhassende Feministin der ersten Generation zu sein“, wie Camille Paglia schrieb. Ein Ruf, der sich durch die allseits bekannten Affären ihres Mannes verstärkte. „Man wirft ihr vor, dass sie nicht einmal ihren Mann befriedigen kann“, so Katha Pollitt. „Wie soll sie da die ganze Nation befriedigen?“

Doch noch ist nicht ausgeschlossen, dass sich das Wahlvolk lieber mit der soliden, stetigen Langweilerin ins Bett legt, als mit einem potenziellen Vergewaltiger. Sollte Clinton siegen, bleibt die Hoffnung, dass in Zukunft zumindest die Messlatte für das Niveau der Verführungskunst wieder ein Stück angehoben wird. Am Ende mag sich das amerikanische Volk vielleicht doch nicht einfach zwischen die Beine grapschen lassen.