Unverhohlen ziehen die großen Tuschezeichnungen, die aus der Hand von Katrin Günther im geräumigen Oberlichtsaal des Kunstvereins Konstanz zu sehen sind, in ihren Bann. Und das gleich mehrfach. Unverblümt nur sieben Exemplare im zweitgrößten „White Cube“ in der Stadt, der nicht zu einer Galerie gehört – das lässt aufblicken. Dann die Vorherrschaft von Schwarz und Weiß – sie allein stiften Kontrast und Komposition, und zwar immens. Schließlich die riesigen Papierformate: davor erscheinen die betrachtenden Menschen beinahe wie Menschlein. Und vom Bildinhalt ganz zu schweigen: damit öffnen sich Verschiebungen und Verdichtungen des Raums, so dass es beängstigend wirken kann.

Beängstigende Raumverdichtungen

„Mega Cities 1“ hat die Künstlerin, die 1970 in Elsterwerda geboren wurde, ihre Ausstellung im Kunstverein genannt. Trotzdem zeigen ihre großformatigen, schwarzen Tuschezeichnungen auf weißem Grund keine einzige real existierende Megastadt. Statt dessen bringen die rasterförmigen Zeichnungen dem aufmerksamen Betrachter vor allem eines nahe: im einzelnen Bild gibt es keine Zentralperspektive mehr, die leiten und visuelle Sicherheit bieten würde, sondern nur noch ein Als-ob. Zwar werden Linie um Line einzelne Formen aufgebaut, die sich zu räumlichen Ensembles und Gefügen zusammenfinden, so dass alsbald der Eindruck entsteht, auf mögliche Behausungen und denkbare urbane Gegebenheiten zu blicken. Aber die Gemengelage unzähliger schräg nach oben und unten sowie nach allen Seiten hin verlaufenden und miteinander verschränkten Linien und Formen gaukelt eine strukturierte regelmäßige Ordnung, wie sie auf der Zentralperspektive beruht, nur vor.

Verlust der Zentralperspektive

Manchmal erscheinen Günthers räumliche Zeichnungen wie gerade eben aus einer Raumerzeuger-Zentrifuge herauskatapultiert. Wohin das Auge auch blickt – ein Kreuz und Quer scheint allerorten auf: unabdingbar, unverblümt und zwingend. Mit dem Verlust der Zentralperspektive, die seinerzeit in der Renaissance für die Malerei und Zeichnung erobert worden ist, geht auch die Einheit des Raums verloren. Die in ihren Zeichnungen sichtbaren räumlichen Ordnungen haben sich dynamisch verselbstständigt. Sie entpuppen sich als Teil- und Subordnungen ohne wirklichen „Kopf“ und Überbau, die sich vielmehr unabhängig davon selbst organisieren und miteinander kommunizieren.

Katrin Günther hat in Brandenburg Architektur studiert, bevor sie seit 2005 als freie Zeichnerin tätig ist. Seit 2013 hat sie an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Konstanz eine Professur für Darstellen und Gestalten inne. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Konstanz.

Bis 30. Juni, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa und So 10–17 Uhr. http://www.kunstverein-konstanz.de