In jeder Ausstellung von Wilhelm Leibl, also auch in der Zürcher, ist das „Das Mädchen mit der Nelke“ zu sehen. Von ihrem Körper, von ihrem Gesicht – keine Spur. Stattdessen die Hand, die rechte, plus roter Nelke. Die Hand in der Kunst ist ein Genre für sich.

Betende Hände

Kaum ein Werk ist so oft reproduziert worden, um ein Beispiel zu geben, wie Michelangelos Fresko „Die Erschaffung Adams“ in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan. Der Blick richtet sich dabei auf das Fingerhakeln zwischen Adam und Gott. Aber auch Albrecht Dürers Bild „Betende Hände“ gehört hier genannt. Es ist sein am häufigsten reproduziertes Werk.

Doch damit hatte Leibl (1844-1900) nichts am Hut. Was im Kunsthaus Zürich ausgestellt wird, ist ein Fragment. Die faszinierende Miniatur, gerade 13 mal 17,5 Zentimeter groß, stellt nur ein Fünftel der Komposition „Bauernmädchen“ (um 1880) dar. Leibl war mit dem Ergebnis unzufrieden und zerschnitt es. So erging es auch den „Drei Wildschützen“ (1882/86).

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Dass Künstler Werke aussortieren, ist Teil des Schaffensprozesses. Dass sie die Reste der Nachwelt überlassen, ist eher ungewöhnlich. So sind heute fünf Museen im Besitz einzelner Partien des „Bauernmädchens“. Dabei waren es die Hände, mit deren Proportionen Leibl Probleme hatte – nicht jedoch auf diesem Ausschnitt. Nun ja, auch Künstler können sich eben irren.

Ein Selbstbildnis von Wilhelm Leibl aus dem Jahr 1891.
Ein Selbstbildnis von Wilhelm Leibl aus dem Jahr 1891. | Bild: Kunsthaus Zürich / Grafische Sammlung

Und vielleicht war es ein noch größerer Irrtum, dass der gebürtige Kölner, der als einer der bedeutendsten Maler des 19. Jahrhunderts und als einer der wichtigsten Vertreter des Realismus gilt, aber heute nur einem überschaubaren Kreis von Interessierten bekannt ist, 1873 von seinem Studienort München ins bayerische Voralpengebiet zog.

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Der Umzug trug dazu bei, dass Leibl, der die Jägerei mit all ihren Implikationen (also auch mit Gamsbart geschmücktem Hut) und die unverbrauchte Natürlichkeit seiner ländlichen Modelle liebte, vielfach als Maler bäuerlicher Idyllen abgespeichert wurde. Im Dritten Reich erhielt er die Etikette „Maler des Bauerntums“. Ein Irrtum. Eine Denunziation.

Authentizität statt Verklärung

Auch wenn Leibl gewöhnliche Menschen aus dem Alltag und Interieurs seiner unmittelbaren Umgebung, also Bauernstuben und Bauernküchen, zum Gegenstand seiner Kunst machte – die Zürcher Ausstellung bietet unter den 100 Exponaten prägnante Beispiele wie „Wildschützen“ (1882), „Mädchen am Herd“ (1895) „Die Malresi in der Küche“ (um 1898) –, so hatte er dabei doch etwas anderes im Sinn als die Verklärung der Wirklichkeit – nämlich stattdessen Authentizität („Was wahr ist“) und künstlerische Form (das „rein Malerische“, ein Credo der Moderne).

Kein Zivilisationsübddruss

Was Leibl am Ende dazu trieb, die Kunstmetropole München, in der er zeitweise das Zentrum einer Künstlergruppe bildete, gegen die Provinz einzutauschen, das bleibt offen. Sicherlich war es nicht der Zivilisationsüberdruss, der den Maler Paul Gauguin in die Südsee trieb.

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Leibl war nach eigenem Bekunden vor einer seinerzeit in der Isarstadt dominanten offiziellen Kunst geflohen, die sich in pompösen wie pathetischen Historien-Tableaus erschöpfte und mit Namen wie „Defregger, Lenbach und wie die Dilettanten alle heißen, alles Canaillen, Stiefschmierer, Geschmeiß“ (Leibl) verbunden war. Auf dem Lande und in der Natur fühlte er sich davon befreit.

Bewunderter Fürsprecher

Hätte er nur mehr Geduld gehabt, womöglich wäre seine Karriere ganz anders verlaufen und Leibl würde in einem Atemzug mit den Großen der Moderne genannt werden. Schon der Student hatte einen bewunderten Fürsprecher: Gustave Courbet. Der französische Realist zeigte sich von Leibls „Bildnis der Frau Gedon“ (1868/69) beeindruckt.

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Eine Einladung nach Paris folgte, wo der Deutsche nicht nur die Künstlerszene näher kennen lernte, sondern im Salon für sein Gemälde eine Goldmedaille erhielt. Auf der Weltausstellung 1878 stellte er sein an den Naturalismus Hans Holbeins erinnerndes Genrebild „Die Dorfpolitiker“ (1877) erfolgreich aus. Vincent van Gogh war von den „Drei Frauen in der Kirche“ (1878/82) angetan, auf der Weltausstellung 1889 wurde der Figurenmaler Leibl als einziger deutscher Künstler erneut mit einer Medaille geehrt.

Olymp der Kunst

Aber der Olymp der Kunst, den Courbet und van Gogh erreichten, bliebt ihm verwehrt. Auch der Nachruhm gestaltete sich eher bescheiden, wenngleich Künstler wie Lovis Corinth, Max Liebermann oder Max Beckmann, ja, selbst der hyperrealistische Fotograf Wolfgang Tillmans in Leibl ein Vorbild sahen und sehen.

„Mädchen am Herd“ (1895) von Wilhelm Leibl.
„Mädchen am Herd“ (1895) von Wilhelm Leibl. | Bild: Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln

Das Kunsthaus Zürich will dagegen steuern. Es ist die erste Leibl-Ausstellung in der Schweiz, obwohl sich der Winterthurer Sammler Oskar Reinhart früh für diesen Künstler interessierte und 1956 „Die Dorfpolitiker“ (1877) erwarb.

Ein Blick zu viel

Mehr öffentliche Aufmerksamkeit – das wäre dem Wahlbayern Leibl zu wünschen, der, bei aller Ambition, denkbar knapp die Moderne verpasste, verursacht durch seine sklavische Abhängigkeit von der Wirklichkeit, aber auch durch seine Vorliebe für die alten niederländischen Meister. Ein Blick zu viel zurück.

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Und doch: Sein „Mädchen mit weißem Kopftuch“ (1876/77) kann es auf seine Art allemal mit Jan Vermeers „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ aus dem 17. Jahrhundert aufnehmen. Sie wollen das nicht glauben? Dann besuchen Sie doch einfach die Ausstellung und überzeugen sich.

Die Ausstellung „Wilhelm Leibl. Gut gesehen ist alles!“ ist bis 19. Januar 2020 im Kunsthaus Zürich zu sehen. Geöffnet ist Dienstag sowie Freitag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 20 Uhr. Weitere Informationen finden Sie hier.