Neue Wörter können gesellschaftliche Trends abbilden, politische Diskussionen auf den Punkt bringen oder moderne Ernährungsweisen beschreiben. Solche Begriffe sammelt das Mannheimer Institut für Deutsche Sprache seit Jahren. Bedingung ist, dass die Wörter nicht nur einmal von einem Prominenten oder Politiker benutzt wurden wie etwa „Asyltourismus“, sondern bereits in den Sprachgebrauch eingeflossen sind.

Henning Lobin, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS), ist Professor für Angewandte Sprachwissenschaften und Computerlinguistik. Das IDS befasst sich mit der Erforschung und Dokumentation der deutschen Sprache in ihrem gegenwärtigen Gebrauch.
Henning Lobin, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS), ist Professor für Angewandte Sprachwissenschaften und Computerlinguistik. Das IDS befasst sich mit der Erforschung und Dokumentation der deutschen Sprache in ihrem gegenwärtigen Gebrauch. | Bild: Uwe Anspach / dpa

„Unsere Neologismen sind keine Eintagsfliegen“, betont Institutsdirektor Henning Lobin. Der Wissenschaftler und sein Team durchforsten riesige Textsammlungen nach neuen Wörtern und veröffentlichen zum Jahreswechsel einen ganzen Schwung davon – von „alternativer Fakt“ bis „Zoodles“. Die oft aus dem Englischen entlehnten 51 neuen Begriffe landen im Neologismen-Wörterbuch des Institutes. Ein paar Kostproben:

Soziale Medien

„Clickbaits“ im Internet sollen die Nutzer durch reißerische Aufmachung auf andere Websites locken. Dort können sie womöglich einen „alternativen Fakt“ finden. Das wäre die Behauptung, man sehe etwas anders als andere – dabei verdreht man schlicht die Realität. Bekannt gemacht hat diesen verschleiernden Ausdruck die Trump-Regierung.

Nicht nur vor solchen Maschen, sondern auch vor „Filterblasen“ sollte man sich in Acht nehmen. Diese entstehen, wenn Nutzern nur noch die Websites angezeigt werden – die nach Auswertung seines Verhaltens – seine Meinung bestätigen und so in die intellektuelle Isolation führen. Weit harmloser ist da ein weiteres Internet-Phänomen, die „Memes“, oft humorvolle Bilder oder Videos, die schnell über das Internet verbreitet werden.

Gesellschaft

Die Diskussion über den Missbrauch von Frauen durch mehr oder weniger prominente Männer lief unter dem Label „MeToo“. In deren Rahmen trauten sich immer mehr Frauen, sexuelle Übergriffe von Männern öffentlich zu machen. Einvernehmlich läuft der Sex hingegen in einer „Freundschaft plus“ ab. In dieser gehen die Partner zwar regelmäßig miteinander ins Bett – sie gehen aber keine Verpflichtungen ein.

Diese Partner, auch „Friends with Benefits“ genannt, besuchen vielleicht mal die Disco. Dort werden sie womöglich „twerken“, also kreisend und ruckartig Hüften und Gesäß bewegen – und das voll „nice“, also toll, finden. Eine „Walk-In-Dusche“, eine ebenerdige Duschkabine ohne Becken, könnte danach für Abkühlung sorgen.

Ernährung

Der rundliche Mitteleuropäer mag noch so gute Vorsätze fürs Abnehmen haben – manchmal ist der Appetit doch stärker. Dann nehmen sich Diät-Geplagte einen „Cheatday“ und unterbrechen die Schlankheitskur für einen Tag. Eventuell können sie dann einem „Cronut“, einer Kalorienbombe aus Croissant und Doughnut, nicht widerstehen. Nach dem – frei übersetzt – „Mogeltag“ müssen sie sich wieder mit gesunden Leckereien wie der „Flowersprout“ begnügen, einer violett-grünlichen Kreuzung aus Grünkohl und Rosenkohl.

Bei der Gewichtsabnahme könnten auch „Zoodles“ helfen: Mit einem Spiralschneider werden Gemüse auf Nudelformat getrimmt. Besonders gut klappt das mit der Zucchini. Manche setzen auch auf das „clean eating“, eine als gesund geltende, weitgehend auf Zusatzstoffe in Nahrungsmitteln oder verarbeitete Lebensmittel verzichtende Ernährungsmethode.

Umwelt

Erschreckend ist die große Menge kleinster Kunststoffteilchen – von „Mikroplastik“ – im Meer. Unter den Begriff fallen Partikel mit weniger als fünf Millimetern Durchmesser, die über den Verzehr von Fisch wieder zu den Menschen zurückfinden können. An den Raubbau an der Natur erinnert der „Erdüberlastungstag“ oder „Weltschöpfungstag“: Das ist der Tag in einem Kalenderjahr, bis zu dem rechnerisch mehr natürliche Ressourcen für Nahrung, Energie und anderes verbraucht sind, als regeneriert werden können.