Viren faszinieren uns. Vor allem deshalb, weil sie uns so fremd sind. Sie sind für unsere Augen unsichtbar. Sie dringen in uns ein, ohne dass wir es merken – und programmieren Teile unseres Körpers um, ohne dass wir darauf Einfluss hätten. Sie mutieren ohne Vorwarnung und sind plötzlich gefährlich oder gar tödlich. Sie denken nicht, aber vermehren sich exponentiell. Das können wir (zumeist linear denkenden) Menschen nur schwer begreifen. Wir sind uns nicht einmal klar darüber, ob sie nun Lebewesen sind oder nicht.

Viren faszinieren uns. Kein Wunder also, dass sie nicht nur unsere Biologie beeinflussen, sondern (als Symbol und Metapher) auch unser Denken und unsere Kultur. Sie sind so fremdartig, Angst einflößend, unverständlich und unkontrollierbar, dass daraus spannende Geschichten werden können, neue Technologien – aber auch gefährliche gesellschaftliche Strömungen.

Kommen Sie mit auf eine Forschungsreise in vier Stationen.

Station 1: Viren und Wirtszellen. Die biologischen Grundlagen

Bild: Samira Matschinksy

Station 2: Von der infizierten Zelle zum Zombie. Geschichten über Viren

Fast immer, wenn in Literatur oder Film tödliche Viren auftauchen (oder von dunklen Mächten absichtlich hergestellt werden), endet das katastrophal. Manche Geschichten beschäftigen sich einfach damit, was dann genau passiert – der Film Outbreak zum Beispiel.

Oft ist die Pandemie aber nur der katastrophale Startpunkt, von dem aus sich die eigentliche Handlung ausrollt. Meist werden die Protagonisten der Geschichte einfach dadurch zu Helden, dass sie immun gegen das Virus sind. Ein Klassiker dieser Art von Geschichte ist The Stand von Stephen King, der den Überlebenskampf einer kleinen, zusammengewürfelten Gruppe auf weit über tausend Roman-Seiten bis zu einem atomaren Gefecht zwischen Gut und Böse ausbreitet.

Manchmal können starke erzählerische Motive auch ganze Genres neu entstehen lassen oder immer wieder neu beleben. Beim Virus-Motiv ist das der Zombie-Film. In unzähligen Varianten von billigsten Kunstblut-Orgien bis zu Hochglanz-Hollywoodproduktionen schlurfen Untote durch die Gegend und infizieren durch Berührung oder Biss die Lebenden. Manchmal müssen die Monster nur abgeschlachtet werden, manchmal gibt es Heilung für sie.

Bild: Samira Matschinksy

Interessant daran ist (wenn man all das Blut und die abgerissenen Körperteile mal ignoriert), dass die Infektion hier nicht nur einzelne Körperzellen umprogrammiert, um neue Viren herzustellen – sondern gleich den ganzen Menschen. Damit sind Zombies ein kulturell verankertes Symbol für unseren Horror geworden, einem Virus willenlos ausgeliefert zu sein. Außerdem spielt das Genre mit einer Angst, die (in abgeschwächter Form) auch uns momentan umtreibt: dass selbst unsere Liebsten uns infizieren könnten, wenn wir ihnen zu nahe kommen.

Station 3: Steile Kurve statt gerader Linie. Angst geht viral!

Wenn Viren sich ausbreiten (oder korrekter: ausgebreitet werden), dann geschieht das exponentiell. Eine kleine Rechnung macht das deutlich: Wenn ein Mensch im Schnitt vier weitere Menschen infiziert, dann steigt die Zahl der Infizierten nicht auf einer Linie an, sondern einer steil nach oben weisenden Kurve. Unser Datenjournalist David Hilzendegen hat das für eine fiktive Stadt mit 1000 Einwohnern visualisiert. Wenn jeder Bewohner drei weitere ansteckt, dauert es nur sieben Tage, bis alle Einwohner erkrankt sind:

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Dieser exponentielle Effekt funktioniert nicht nur bei Viren – sondern auch bei Informationen. Stellen Sie sich vor, Sie bekommen mit: Dem Bürgermeister wurde sein nagelneuer Dienstwagen geklaut! Sie erzählen das brühwarm Ihrem Partner, der Nachbarin und der Fleischereifachverkäuferin. Und auch die drei erzählen es wieder drei Leuten. Die Information verbreitet sich exponentiell – wie ein Virus.

Das machen sich Soziale Netzwerke wie Facebook zunutze, indem sie aus dem „Weitererzählen“ eine eigene Funktion gemacht haben: das „Teilen“. Wobei das Wort in die Irre führt. Denn hier wird nicht geteilt, hier wird exponentiell vervielfältigt: Die Inhalte „gehen viral“.

So überschwemmen Videos tollpatschiger Katzenbabys unsere Timelines – aber auch Falschinformationen, gefährliche Ideologien und Hassbotschaften. Und mit ihnen im Gepäck reisen Emotionen (“wie süß!“ im Fall der Katzenbabys, „Oh mein Gott wie schrecklich“ im Fall mancher Fake News).

Bild: Samira Matschinksy

Einer der stärksten Antriebe, Informationen (und Desinformationen) viral weiterzuverbreiten, ist die Angst. Deshalb haben alle emotionalen, besonders aber die angstgesteuerten Inhalte bei Facebook & Co. einfach bessere Chancen auf Verbreitung als sachlich präsentierte Fakten.

Und das bringt uns so langsam zum Ende: was das Denken in Kategorien des Virus‚ für unsere Gesellschaft bedeuten kann, wenn wir nicht aufpassen.

Station 4: Krankheit und Ausrottung. Das Virus als gefährliche Metapher

„Unsere deutsche Volksgemeinschaft ist krank. Sie leidet an Altparteien, Diarrhö, Gutmenscheritis, links-grün-versifften Achtundsechzigern, und durch Merkel versiffte, aufgelöste Außenhaut. Unser Deutschland leidet unter einem Befall von Schmarotzern und Parasiten, welche dem deutschen Volk das Fleisch von den Knochen fressen will. Unser politisches und patriotisches Immunsystem wird durch Nazikeuleritis geschwächt.“

Das hat am 5. Juni 2017 der damalige Bundestagskandidat der AfD Thomas Göbel gesagt, auf einer Demonstration von Pegida. Sein Parteikollege Peter Boehringer benutzte in einer E-Mail Anfang 2016 die Metapher des „Volkskörpers“, der SPIEGEL berichtete damals.

Das sind nur zwei Beispiele für einen rhetorischen Trick: Solche Sprache stellt die Bevölkerung eines Landes als eine biologische Einheit dar, die von außen befallen und infiziert werden kann – um dann zu fordern, sich gegen diesen Befall abzugrenzen und die Krankheitserreger im Körper zu bekämpfen. Es ist eine Sprache der eingängigen Metaphern, die aus einer Lebenserfahrung stammen, die jeder kennt und fürchtet: der Krankheit.

Die AfD-Politiker Göbel und Boehringer haben das nicht erfunden.

In antisemitischen Schriften und Theorien zur Rassenhygiene tauchen diese bildhaften Vergleiche schon im 19. Jahrhundert auf, Adolf Hitler benutzte das Symbol des Volkskörpers ebenfalls in „Mein Kampf“.

Gefährlich an Metaphern der Krankheit und besonders des Virus‚ ist (siehe oben), dass Viren und ihre Folgen uns Menschen so faszinieren und ängstigen. Irgendwann mag es dann als ganz logisch (weil „gesund“) erscheinen, Grenzen zu schließen, auf Flüchtlinge zu schießen (Frauke Petry, Beatrix von Storch), Flüchtlingsheime anzuzünden oder – in letzter Konsequenz – Menschen in Konzentrationslagern massenhaft zu vernichten. Das Unmenschliche wirkt geboten – weil es als „Heilung“ umgedeutet wird.

Auch Terroristen nutzen solche infektiöse Sprache, nur sozusagen von der Innenseite.

Sie wollen sich in einer Gesellschaft einnisten und sie von innen heraus zerstören oder umprogrammieren. Der kubanische Revolutionär Che Guevara hat das in seiner Fokus-Theorie formuliert: Eine kleine Gruppe von Kämpfern versucht, möglichst effektvolle Nadelstiche durch Attentate zu setzen, und gleichzeitig die Bevölkerung von der Revolution zu überzeugen. Sprich: Terroristen sollen sich viral verhalten

Bild: Samira Matschinksy

Die Idee setzte sich fort und tut es bis heute: über die RAF und den NSU bis hin zum islamistischen Terror unauffälliger „Schläfer“, die von Hassprediger-Videos im Netz radikalisiert werden und sich irgendwann gewaltsam gegen ihre Umwelt richten. Unsere Sprache reagiert auch hierauf – wir sprechen von „Terrorzellen“, so als wäre der Terror tatsächlich eine biologische Kategorie.

Rückkehr: Mensch und Virus. Was haben wir gelernt?

Ob wehrhafter Staat oder viraler Terrorismus: Das Denken in Bildern von Virus und Krankheit, Infektion und Heilung führt immer zum selben Ergebnis. Es entsteht ein „Wir gegen die“, ein „Innen gegen außen“. Es entstehen Fronten.

Das Virus ist zwar ein starkes Bild – doch die Wirklichkeit ist komplizierter, wie so oft. Würden wir im Westen weniger verschwenderisch leben, gäbe es weniger Flüchtlinge. Ohne soziale Ungerechtigkeiten käme niemand auf die Idee einer Revolution. Könnten wir alle in unsere Zukunft vertrauen, müssten wir keine Angst haben.

Aber Menschen sind Menschen. Und Viren sind Viren.

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