Das Kunsthaus Zürich hat ein hartes Jahr hinter sich. Die Besucherzahlen sind 2017 um etwa ein Viertel, das heißt: 90 000 Eintritte, auf 230 000 zurückgegangen. Die Gründe sind bekannt: ein experimentelles Programm und die Arbeiten für den Erweiterungsbau, von dem auch das Hauptgebäude betroffen ist. Direktor Christoph Becker will darauf mit einem attraktiven Programm reagieren. Das Besucher-Tief könnte schon mit der Ausstellung „Fashion Drive“ (ab 20. April) überwunden werden. Mode in der Kunst ist ein populärer Stoff. Danach wird der Bührle-Saal mit großen Künstlernamen bespielt: Robert Delaunay (ab 31. August) und Oskar Kokoschka (ab 14. Dezember) sind Erfolgsgaranten.

Es fehlt nicht an Ideen im Kunsthaus. Dazu gehört die regelmäßige Präsentation der eigenen Sammlung in thematischen Sonderausstellungen. Der Zürcher Kunstschatz enthält Objekte vom 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart, zu den gewichtigsten Positionen gehören die größte Edvard-Munch-Sammlung außerhalb Norwegens sowie die Werksammlung Giacomettis. Aktuelles Beispiel einer solchen Sonderausstellung aus dem Depot ist „Magritte, Dietrich, Rousseau. Visionäre Sachlichkeit“. Zu sehen sind 56 Menschen-, Tier-. Landschafts- und Pflanzen-Darstellungen von 20 Künstlern.

Die starke Auswahl besorgte Philipp Büttner, langjähriger Kurator im Kunsthaus. Die Beschäftigung mit seiner Auswahl lohnt, auch wenn der Titel in die Irre führt – von René Magritte sind lediglich drei, von Henri Rousseau nur zwei Bilder zu sehen, darunter das spektakuläre „Portrait de Monsieur X (Pierre Loti)“ von 1906. 15 Werke werden dagegen von Adolf Dietrich sowie sechs von Félix Vallotton und fünf von Niklaus Stoecklin gezeigt – die beiden letzteren Künstler bleiben im Titel unerwähnt. Und auch der Zusatz „Visionäre Sachlichkeit“ kommt etwas abgefahren daher, verspricht mehr, als er hält. Büttners Einlassungen im Katalog sorgen hier nur bedingt für Klarheit – sofern der Begriffs-Dschungel das überhaupt zulässt.

Drei Beispiele: Wenn der Kurator mit Blick auf Rousseaus Malerei von naiver Kunst spricht, muss er gleichzeitig einräumen, dass der Stil des Autodidakten auch dem Post-Impressionismus zugeordnet werden könne. Vielen Experten gilt der „Zöllner“ (so wurde er genannt, weil er nach dem Militärdienst beim Zoll angestellt wurde) sogar als Wegbereiter des Surrealismus. Auch Stoecklins Werk ist mit dem Begriff der Neuen Sachlichkeit nur unzureichend beschrieben.

Der Schweizer nahm zwar 1925 an Gustav F. Hartlaubs Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ in Mannheim teil – von daher erklärt sich die Etikette. Tatsächlich gibt es Bilder Stoecklins, die sich an den Kubismus anlehnen, Stillleben, die an altmeisterliche Vorbilder erinnern. Und schließlich wird auch das Werk von Dietrich, der am Bodensee lebte, unterschiedlich rubriziert, einmal unter Naive Malerei, ein anderes Mal unter Neue Sachlichkeit. Büttner bietet noch eine weitere Variante an: „primitiv-altmeisterlicher Realist“. Dem Ganzen stülpt er, wie gesagt, die Kappe der Visionäre über. Manche mögen’s kompliziert.

Die für den Besucher sichtbarste (und schönste) Arbeit Büttners bestand darin, Werke von Malern des späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammenzutragen, die – unabhängig vom Aufgalopp der Moderne – dem Gegenstand, dem Erzählerischen sowie der Klarheit von Form und Farbe treu geblieben sind und sich der Malweise eines Paul Cézanne verweigert haben. Im Unterschied zu den Modernen, die nicht mehr die Realität abbildeten, sondern „in der Farbe lebten“ (Wassily Kandinsky) und dem Bild selber Wirklichkeit verliehen, wollten René Magritte und andere „dem Auge weiterhin illusionistisch gemalte Bildräume anbieten“ (Büttner). Mancherorts wird diese Stilrichtung auch Magischer Realismus genannt.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist das Gemälde „Frühlingserwachen“ (1880) von Arnold Böcklin. Der Künstler hinterließ Spuren, nicht zuletzt bei den Surrealisten: „Bei Böcklin lernten die Surrealisten, dass man eine imaginierte Welt so malen kann, dass sie wie echt wirkt – und zugleich wie ein Traumbild. So zogen die Wolken gewissermaßen von Böcklin zu René Magritte“, schreibt Büttner im Katalog. Und dokumentiert den Wolkenzug mit Magrittes „Le 16 Septembre“ (1956), mit dem Sichelmond, der sich in einem Baum verirrt, aber auch mit Dalìs Angstgebilde „Femme À Tete De Roses“ (Frau mit Rosenkopf, 1925) und Yves Tanguys bizarrer Formation „Le Demain“ (Das Morgen, 1938).

Spitzenwerke mit mitunter gegensätzlichen malerischen Positionen bietet die Ausstellung auch an anderer Stelle. Edgar Degas, Ferdinand Hodler und Max Ernst sieht man nicht alle Tage. Unter den weniger exponierten Künstlern gefallen vor allem die Bilder von Camille Bombois, sein Winterwald muss erwähnt werden („La Forêt: l’Hiver“, 1925/1930); von André Brauchant, ein Gärtner von Beruf, der sich selbst inmitten eines blühenden Dahlien-Feldes porträtiert hat („Autoportrait Dans Les Dahlias“, 1922) und auch der „Rousseau vom Bodensee“, Dietrich, ist mit seiner hyperrealistischen, detailversessenen Bildsprache ein Hingucker („Gelbrote Abendwolken über dem See“, 1926).

Als einziger Maler in jedem Saal anzutreffen ist Félix Vallotton, der Schweizer, der in jungen Jahren nach Paris ging und dort 1925 als anerkannter Maler starb. Allein sein Bild badender Nixen an einem Sommerabend („Bain Au Soir d’Été“, 1892/93), dessen farbiger, symbolistischer Stil ihn in den Kreis der Künstlergruppe Nabis führte, ist den Besuch dieser kleinen, aber feinen Ausstellung wert – visionäre Sachlichkeit hin oder her.

Die Ausstellung

Bis zum 8. Juli zeigt das Kunsthaus Zürich unter dem Titel „Magritte, Dietrich, Rousseau. Visionäre Sachlichkeit“ 56 Werke der gegenständlichen Malerei zwischen 1890 und 1965. Das Visionär-Sachliche ist aufzuspüren am Vorabend der Moderne bei Arnold Böcklin und Félix Vallotton, dann bei den Naiven, den Vertretern der Neuen Sachlichkeit sowie in den surrealistischen Werken von Salvador Dalí und René Magritte. Kurator der Ausstellung ist Philipp Büttner. (opi)

Geöffnet ist die Ausstellung Dienstag und Freitag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 20 Uhr. www.kunsthaus.ch