Sie summt, schreit und erzeugt Töne, die an Tierlaute erinnern. Grazil und divenhaft steht die koreanische Jazzsängerin und Songwriterin Youn Sun Nah auf der Bühne der kleinen Gnadenkirche am Montagabend in Allensbach. In gemütlichem Rahmen diesmal. Letztes Jahr hat sie mit ihrem Programm die Elbphilharmonie gefüllt. Für ihren Auftritt am Bodensee hat sie eine spezielle kleine Besetzung: Pierre Francoise Dufour am Kontrabass und Tomek Miernowski spielt Flügel, Bass, Gitarre.

Was von Helge Schneider

Ihre Musik ist virtuos. Das Stück „Asturias“ des spanischen Komponisten Isaac Albéniz interpretiert sie mit Witz. Ihre Performance dazu hat sogar was von Helge Schneider. Mit ungewohnt übertriebenen Gesten und schrillen Tönen sorgt sie für Unterhaltung, die Klasse, Extravaganz und Humor miteinander verbindet.

Plötzlich hört man das Geschrei von Möwen. Oder was sollen das für Laute sein? Youn Sun Nahs Gesicht verkrampft während sie diese Töne erzeugt. Es ist unangenehm da zuzuschauen. Nach etwa einer Minute, löst sie die Farce endlich auf: „A sailors life“ (das Leben eines Matrosen), singt sie jetzt mit klarer Stimme. Eine andere Eigenheit von Youn Sun Nah: Sie integriert in ihre Lieder Laute, die auch inhaltlich passen.

Eine magische Welt

Die anderen zwei Musiker auf der Bühne sind nicht nur ihre musikalische Begleitung. Sie haben ihre eigene Aura. Selten wurde deutlicher wie Musik den eigenen Charakter vermitteln kann. Wer Tomek Miernowski solo auf der Gitarre beobachtet, wie er weltabgewandt, voller musikalischer Intensität seinem eigenen Spiel zu lauschen scheint, der vermutet hinter seinem verzückt abwesenden Lächeln eine magische Welt. Eine Welt, die den meisten von uns verborgen bleiben wird, aber sich in solchen Momenten doch offenbart. Von tiefer Trauer bis ekstatischer Freude. Musik wird nicht nur für ihre Zuhörer gemacht. Musik schafft vor allem einen zauberhaften Ort für ihre Schöpfer. Spannender als die eigene Reaktion auf Musik zu beobachten, ist es zu sehen, was es mit denen macht, die sie spielen.

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Nach einem Signal von Tomek Miernowski, singt die Youn Sun Nah die erste Strophe von Leonard Cohens „Hallelujah“. Bitte nicht! Unzählige Versionen gibt es von diesem Lied. Dieses Konzert hätte auf eine weiter davon verzichten können.

Eine beeindruckende Wandlungsfähigkeit

Die positiven Eindrücke überwiegen trotzdem. Die musikalische Wandlungsfähigkeit der Sängerin ist beeindruckend. Von mediokren Popsongs über Johnny Cashs rauchige Stimme bis hin zum Soprangesang. Während sie singt ist nichts von der schüchternen Person zu erkennen, die mit gebrechlicher Stimme ihr nächstes Lied ankündigt. Youn Sun Nah hat längst gezeigt, warum sie große Konzerthäuser füllt.