Ein international renommierter Romanist und Literaturtheoretiker an der Universität Konstanz, dem dann eine erste Karriere bei der Waffen-SS nachgewiesen wird. Bei aller Jugend ebenfalls steil und mit allen Konsequenzen, wie sie die SS im deutschen Weltanschauungskrieg ausmachten. Nicht zu Lebzeiten nachgewiesen, sondern erst fast zwei Jahrzehnte nach seinem Tod. Das war ein solcher Sturz, ein solches Gefälle von Reputation, höchster fachlicher Anerkennung zu später Enttarnung, dass es zunächst wie ein Skandal wirkte. In einigen Kreisen an der Universität auch wie eine Ungerechtigkeit, wie ein Frevel an einem Menschen, der sich nicht mehr wehren konnte.

Das jetzt von dem Potsdamer Historiker Jens Westemeier vorgelegte Buch über die NS-Vergangenheit des Gelehrten ebnet den Absturz gleichsam ein. Es macht aus ihm die zeittypische deutsche Geschichte, die sie ist. Man kann nur hoffen, dass die profunde, sorgfältig aus den verfügbaren Quellen gearbeitete Studie auch durchdringt – anders als eine erste Dokumentation des gleichen Autors, die 2015 von der Universität im Internet veröffentlicht worden ist, aber in gereizten oder opportunistisch relativierenden Abwehrreaktionen aus dem Konstanzer Universitätsmilieu hängen blieb.

„Jugend, Krieg und Internierung“, so der Untertitel und auch der Aufbau der Arbeit. Auch schon die Jugend? Wenn es doch um einen Führer der Waffen-SS geht und letztlich um Kriegsverbrechen – um die Frage, ob Hans Robert Jauss Kenntnis von den Gewalt- und Mordtaten der Waffen-SS im Krieg hatte und ob er selber an ihnen beteiligt war. Soll hier etwa eine ganze Lebensgeschichte von hinten her aufgerollt und schon der Gymnasiast auf der Schwäbischen Alb auf den SS-Mann im Krieg hin getrimmt werden? Mitnichten – von einem voreingenommenen, zwanghaft-teleologischen Blick auf den Jugendlichen kann hier keine Rede sein.

Aber der Text rekonstruiert aus allen erreichbaren Dokumenten und überlieferten Aussagen minutiös, wie sich der junge Jauss in der HJ die Ideologie des Nationalsozialismus mit ihren extrem-nationalistischen und sozialdarwinistisch-rassistischen Elementen aneignet und dann auch zielstrebig in Führungspositionen in der NS-Jugendorganisation gelangt. Nachhaltig unterstützt von einem Elternhaus, das sich bereitwillig dem neuen Regime und seinen politischen Vorgaben anpasst und unterordnet, aber auch von Schule und Lehrerschaft, in der es auch in diesem Fall pädagogisch befähigte, charismatische Nazis gibt. Das ist nicht die Geburt eines Monsters. Es ist vielmehr eine exemplarische Geschichte von der Verführbarkeit, von der Deformation und Selbstdeformation des Denkens und Fühlens auf dem Niveau der historischen Forschung über den NS-Staat und seine breite, tiefe Verankerung in der deutschen Zivilgesellschaft.

Man kann sich freilich fragen, ob da nicht neben den perversen „Werten“ auch ein ganz ordinärer Aufstiegswillen im Spiel war, als sich Jauss bei Kriegsbeginn dann freiwillig zur Waffen-SS meldet, nicht zur Wehrmacht. Die Unschärfe zwischen Extremismus und Karrierismus drängt sich dem Leser dann immer wieder auf – so schon, als der SS-Offizier Jauss in der letzten Phase des Krieges nebenbei an der Deutschen Universität in Prag zu studieren versucht – ein Schritt, den er später für sein richtiges Studium geschickt zu verwerten weiß. Aber vor allem angesichts der strategischen Umsicht und Kaltblütigkeit, mit der Jauss nach Kriegsende dann seinen Neustart zu planen und zu organisieren beginnt.

Wir sind hier nicht vor Gericht

Von der Verstörung, von der er selbst spricht, von einem Zusammenbruch der gesamten bisherigen Orientierung ist da nichts zu spüren. In der hier primär mit Fokus auf die NS-Vergangenheit erforschten Biografie dieses Mannes scheint durchgängig eine besondere Festigkeit, Entschlossenheit, Unerschütterlichkeit bei der Suche nach Aufstiegschancen auf. Aber auch das wäre, wenn es denn richtig gesehen ist, eine Motivation, ein Habitus, eine Persönlichkeitsstruktur von massenhafter sozialer Präsenz in Deutschland – vor, während und nach der NS-Zeit. Der Nationalsozialismus hat sie nicht hervorgebracht, sondern von ihr profitiert.

Wir sind hier nicht vor Gericht. Schon gar nicht in einer jener Gerichtsverhandlungen, wie sie jahrzehntelang im Nachkriegsdeutschland abgelaufen sind; denn inzwischen ist die deutsche Justiz dabei, ihren Umgang mit den NS-Verbrechen grundlegend umzustellen: vom Nachweis individueller Täterschaft – etwa beim uferlosen Morden in einem KZ – zum Nachweis funktioneller Mittäterschaft. Danach genügt bereits die widerstandslose Kooperation im arbeitsteiligen Funktionsprozess eines der Repressions- und Vernichtungsapparate des NS-Regimes, um einen Angeklagten als Mörder zu verurteilen. Von einer militärgeschichtlichen Dokumentation über die Waffen-SS in der Sowjetunion oder auf dem Balkan ist, wie Jens Westemeier überzeugend darlegt, nicht zu erwarten, dass sie einen Täter überführt und ihm individuell ein Kriegsverbrechen wie die Erschießung von Gefangenen oder von Geiseln oder andere Gewaltakte gegen die Zivilbevölkerung im Kampf gegen Partisanen zuordnet.

Das kann sie in aller Regel nicht. Aber sie kann sich einem handelnden Menschen über seinen Kontext annähern. Sie kann den Handlungsrahmen, in dem ein verantwortlicher Akteur – d.h. hier: jemand mit Befehlsgewalt über andere – agiert, möglichst eng und dicht um ihn zusammenziehen. Das ist der Anspruch, und er wird hier mustergültig eingelöst. Es gibt formale Mängel. Streckenweise ist es, als habe der Verfasser über der Aufgabe der Dokumentation das Problem der Darstellung und Vermittlung seiner Untersuchungsergebnisse aus den Augen verloren. Der Leser ohne spezielle Vorkenntnisse droht in der Detailfülle der hier ausgebreiteten Organisations – Milieu – und Einsatzgeschichte der Waffen-SS mit ihren hundert nie gehörten Namen und Kurzporträts, mit ihren Hierarchien, Netzwerken, Seilschaften, Freundschaften den Überblick zu verlieren.

Aber der Zusammenhang mit Jauss und seinem steten, vom Vertrauen seiner Vorgesetzten getragenen Weg nach oben bleibt gewahrt.

Nichts wird im Interesse etwa der Eindeutigkeit unterschlagen oder denunziert: nicht die Qualitäten dieses SS-Führers als eines Vorgesetzten, nicht seine besondere Tapferkeit als Soldat an der Front in Narwa oder 1945 beim Rückzug in Pommern. Dem gegenüber stehen die klaren Hinweise auf sein Wissen, sein sogar auf direkter Zeugenschaft beruhendes Wissen um die Verbrechen der Waffen-SS schon an der Westfront und dann 1942/43 vor Leningrad und 1944 in der Schlacht an der Narwa. Und dem gegenüber steht sein persönlicher Einsatz als Kompanieführer der Waffen-SS im „Bandenkampf“, das heißt: im Kampf gegen Partisanen, im Sommer und Herbst 1943 in Kroatien, im Zagorje, einer Landschaft nördlich von Zagreb. Der Abschnitt lässt sich als das Herzstück des ganzen Buches bezeichnen.

Man muss ihn lesen. Die hier angeführten Belege und Zeugnisse lassen keinen anderen Schluss zu, als dass Hans Robert Jauss hier selber zum Kriegsverbrecher geworden sein muss. Wie die Waffen-SS unter Beteiligung der von Jauss kommandierten Männer hier in Terrormaßnahmen und „Sühnehandlungen“ gegen die Bauern der Gegend gewütet hat, steht in einer Reihe mit den Methoden der SS im Osten.

Jauss hat nach dem Krieg bekanntlich strikt und anhaltend verleugnet, wer er in der NS-Zeit gewesen ist und was er damals getan hat. Das hat ihm viel Unverständnis und auch Verachtung eingetragen – mittlerweile, nachholend, überholend, auch in deutschen Wissenschaftler – und Intellektuellenkreisen, die sich anders als ihre amerikanischen Kollegen sehr viel Zeit mit der Entlarvung und Ausgrenzung des Star-Akademikers gelassen haben.

Auch in diesem Punkt kann man viel von Jens Westemeier lernen. Vor der Klammer sollte stehen, dass die von Jauss geforderte Aufrichtigkeit unerhört schwer zu leisten ist. Sie ist von großer Bedeutung. Eine demokratische Gesellschaft jedenfalls kann schlecht auf sie verzichten. Aber sie verlangt andererseits von dem Betroffenen eine Ausnahmetugend, ein charakterliches Ausnahmeformat. Kurz, wir sollten es unserem Befremden oder Widerwillen besser nicht erlauben, den Pharisäer aus uns herauszukitzeln.

Zu bedenken ist auch, dass die frischgebackene Bundesrepublik und ihr Parlament die selber schon wenig insistierenden Spruchkammern und Entnazifierungsbehörden der unmittelbaren Nachkriegszeit schon sehr bald wieder ganz abgeschafft und besonders den jungen NS-Funktionsträgern durch großzügige Amnestiegesetze erlaubt hat, sich in „Mitläufer“ und „Entlastete“ zu verwandeln. Wer hätte dieses Integrationsangebot ausschlagen wollen? Als Jauss dann Professor war, hat keine der deutschen Universitäten, die ihn berufen wollten, noch irgendeine Auskunft über die Jahre vor 1945 von ihm verlangt – auch die Reform-Universität Konstanz nicht. Das war 1966. In den 80er-Jahren war der Fall Jauss in den USA bereits eine Affäre. An Konstanz ging es vorbei. Warum?

Warum hat niemand hier Jauss dazu aufgefordert, sich zu seiner Vergangenheit zu erklären? Besser formuliert: warum haben wir an der Universität es nicht selber getan? Zur Lüge gehören immer zwei – einer, der lügt. Und einer, der sich belügen lässt.
 

Ernst Köhler lehrte zeitgleich mit Hans Robert Jauss an der Universität Konstanz.

Jens Westemeier: „Hans Robert Jauss. Jugend, Krieg und Internierung“. Konstanz, University Press. 367 S., 29,90 Euro