In ihrem jüngsten Konzert setzt die Südwestdeutsche Philharmonie Werke von Komponisten aufs Programm, die in emotional aufwühlenden Lebenssituationen entstanden. Dies waren Erfahrungen mit psychischem Druck, mit Krankheit und Tod. Und doch klingen diese Werke nicht nur düster und melancholisch.

Im Großen Saal des Konzils startet der Abend vor dicht besetzten Stuhlreihen mit Flint Juventino Beppes „Heart“ op. 27 Nr. 5. Der 45-jährige norwegische Komponist ist Autodidakt und hat das Tourette- und Asperger-Syndrom, aber seine Musik lässt vom täglichen Kampf mit seinem unaufhörlich aktiven Gehirn nur ahnen. Breit fließend, durchaus in romantischen Gesten schwelgend, meditativ und sanft melancholisch entfalten die Streicherklänge ihre suggestive Wirkung. Nur die regelmäßigen, mahnenden Schläge an Röhrenglocken erinnern an pulsierenden Herzschlag, der schwächer und leiser wird. Am Ende dankt der anwesende Komponist für das intensive Spiel der Musiker unter Ari Rasilainens Stabführung.

Alban Berg setzte mit seinem Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ der mit 18 Jahren an Kinderlähmung verstorbenen Manon Gropius, der Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius, ein Denkmal. Zugleich ist es sein letztes Werk von 1935 – im Dezember des Jahres verstarb er an einer Blutvergiftung. Die Südwestdeutsche Philharmonie präsentiert das Werk zusammen mit Geigerin Birgit Kolar ungemein intensiv. Denn trotz der von Komponisten gerne verwendeten Fremdzitate – hier sind es ein Ländler, eine Kärntner Volksweise und der Sterbechoral „Es ist genug“ von Johann Sebastian Bach – ist das Werk ein autonomes Ganzes und keineswegs nur anekdotisch. Die zugrunde liegende Zwölftonreihe birgt durchaus sanfte Weisen als tonale Elemente, Dissonanztürmungen oder auch eine wie ein Aufschrei auffahrende Kadenz.

Und doch erschließt sich Bergs Werk dem ungeübten Ohr nur schwer, obwohl es eines seiner eingängigsten ist. Ruhige, klagende Tonfolgen sind auszumachen und dann der Wechsel zum dramatischen Wendepunkt, die in höchste Regionen auffahrend und im wilden Tonclustern geschilderte Katastrophe. Auch ein Aufbegehren, ein Sich-nicht-abfinden-wollen und anklagende Aufschreie kennzeichnen die Musik. Erst am Ende findet das dramatische Geschehen mit Bachs Choral und seinen Variationen ein versöhnliches, den Tod als Lebensziel akzeptierendes Ende – mit leisen, hohen Flageolett-Klängen der Violine, die wie ein letztes Ausatmen wirken.

Solistin Birgit Kolar erweist sich als versierte Berg-Interpretin, und Dirigent Rasilainen verlangt seinem Orchester Präzision und wechselreiche Gestaltung ab. Dennoch bleibt der Applaus freundlich, aber nicht überschwänglich.

Mit der ersten c-Moll-Sinfonie von Johannes Brahms (op. 68) war das Publikum dann wieder versöhnt. Ihr merkt man heute nicht mehr an, wie sehr der Komponist mit ihrer Entstehung gerungen hat. Zu groß erschien ihm das Vorbild Beethovens, des „Riesen“, den er nach eigenen Worten „immer hinter sich marschieren“ hörte. Diese Gefühlswirren und seelischen Verstrickungen markieren den ersten Satz, bevor ein lyrisches „Andante sostenuto“ mit tröstlicher Oboenmelodie Ruhe bringt. Das heitere Poco Allegretto spielt das Orchester leicht und beschwingt, Klarinette und Holzbläser konzertieren im fröhlichen Gestus. Das großartige Finale vereint die miteinander streitenden emotionalen Kräfte, und das oft wiederholte Hauptthema entlässt die begeisterten Zuhörer mit einem Ohrwurm für den Nachhauseweg.

Das Konzert mit dem Titel „Engelhaft“ dauert 110 Minuten mit einer Pause. Es ist noch einmal zu hören am Mittwoch, 6. Februar um 19.30 Uhr im Konzil Konstanz. Karten unter: http://www.reservix.de