Während sich die 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin ihrem Endspurt nähern, ging mit Angela Schanelecs „Ich war zuhause, aber“ auch der dritte und letzte deutsche Beitrag ins Rennen um den Goldenen Bären. Mit dem Film der aus dem schwäbischen Aalen stammenden Regisseurin wirft die Berlinale, so könnte man sagen, in gewisser Weise gleichzeitig einen Blick auf die eigene Vergangenheit wie auch in die Zukunft.

Schanelecs Filme waren schon häufig zu Gast auf dem Festival, doch stets in der für experimentelle Kinokunst bekannten Nebenreihe Forum. Dass der scheidende Direktor Dieter Kosslick ihrer Arbeit nun erstmals die große Bühne des Wettbewerbs bereitet, wirkt fast wie eine Referenz an seinen Nachfolger Carlo Chatrian, der ab 2020 die künstlerische Leitung des Berlinale-Programms innehat.

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Der als intellektueller Cineast bekannte Italiener hatte Schanelecs Spielfilm „Der traumhafte Weg“ 2016 in den Wettbewerb des Filmfestivals von Locarno eingeladen, das sich unter seiner Leitung weiter vom Mainstream entfernt hatte denn je.

Ein Massenpublikum wird mit „Ich war zuhause, aber“ tatsächlich nichts anfangen können, und selbst unter Berlinale-Kritikern sorgte der Film teilweise für Kopfschütteln. Unter den Vertretern der sogenannten Berliner Schule war Schanelec schon immer die konsequenteste in Sachen Nüchternheit und Reduzierung, doch dieses Mal scheint sie noch einen Schritt weiter zu gehen.

Familie in der Krise

Im weitesten Sinne handelt der Film von einer Familie in der Krise: eine Mutter (Maren Eggert) und zwei Kinder, der Tod des Vaters ist noch nicht verkraftet, der Sohn kehrt gleich zurück, nachdem er eine Weile verschwunden war.

Dazu kommen Bilder von einem Esel und einem Hund, ein Fahrradkauf, Gespräche über das Theater, eine Schüler-Inszenierung von „Hamlet“, eine Cover-Version von David Bowies „Let’s Dance“. Eine wirkliche Handlung, klassische Erzählstrukturen oder auch nur Figuren, die sprechen wie normale Menschen, sucht man die meiste Zeit vergeblich, was aber kein Versehen ist. Wer sich gedanklich darauf einlässt, auf den dürfte „Ich war zuhause, aber“ Eindruck machen. Doch er sträubt sich mit aller Macht gegen eine Sinnsuche.

Dialoge klingen gekünstelt

Als zugänglicher erwies sich „Synonymes“ des israelischen Regisseurs Nadav Lapid. Auch dieser Film ist bis zu einem gewissen Grad der Berliner Schule zuzurechnen, immerhin wurde er unter anderem von Maren Ade koproduziert.

Ähnlich wie bei Schanelec klingen auch in der Geschichte von Yoav (Tom Mercier), der vom Militärdienst in Israel nach Paris kommt, um sich eine französische Identität zu verpassen, die Dialoge gekünstelt, bleibt das Personal rätselhaft und ist alles mit intertextuellen Referenzen durchwoben. Doch hier gesellen sich ein schräger Humor und eine flirrende Körperlichkeit hinzu, die den Film zu einer reizvollen Angelegenheit machen.

Diane Kruger als Agentin

Mit „The Operative“ von Yuval Adler lief eine weitere israelisch-deutsch-französische Koproduktion im Wettbewerb, wenn auch außer Konkurrenz. Diane Kruger spielt eine Geheimagentin des Mossad, die auf eine zusehends eskalierende Mission in den Iran geschickt wird.

Diane Kruger, Schauspielerin spielt in "The Operative" eine Agentin.
Diane Kruger, Schauspielerin spielt in "The Operative" eine Agentin. | Bild: Christoph Soeder / dpa

Bei den Dreharbeiten sei sie bereits schwanger gewesen, berichtete die Mutter einer drei Monate alten Tochter in Berlin, und beweist vor der Kamera einmal mehr ihre unterschätzten schauspielerischen Qualitäten. Doch auch sie verhindert nicht, dass Adlers umständlich strukturierter Film nicht in der obersten Liga mitspielt.

Netflix-Streit geht weiter

Für Gesprächsstoff am Potsdamer Platz sorgte auch „Elisa y Marcela“, der gestern Abend Weltpremiere feierte. Allerdings weniger wegen seiner filmischen Qualitäten – denn das schwarzweiße, von wahren Ereignissen inspirierte Liebesmelodram über zwei Frauen, die Anfang des 20. Jahrhunderts heiraten, weil sich eine als Mann ausgibt, irritierte durch ein Übermaß an Kitsch. Sondern weil der Film demnächst bei Netflix statt im Kino zu sehen sein wird, was für Kinobetreiber und Verleiher ein Reizthema ist.

Ist da Zensur im Spiel?

Deutlich skandalöser ist, dass kurz vor Festivalende der während der chinesischen Kulturrevolution angesiedelte Film „One Second“ von Zhang Yimou aus dem Programm zurückgezogen wurde. Offiziell heißt es: technische Schwierigkeiten. Doch inoffiziell, so fürchtet man bei der Berlinale, handelt es sich um einen Fall von Zensur seitens der chinesischen Regierung.