Der kürzeste deutsche Witz? Auschwitz! Wer in dieser Pointe nicht allein den kürzesten, sondern auch den geschmacklosesten Witz deutscher Sprache vermutet, sollte zumindest ihren Urheber kennen. George Tabori, jüdischer Dramatiker und Regisseur ungarischer Herkunft, hat in Auschwitz seinen Vater verloren und konnte selbst dem Holocaust nur durch die Auswanderung entkommen. Als er dann 1968 nach Deutschland zurückkehrte, hatte er in seinem Gepäck skandalträchtige Theaterstücke voller schwarzem Humor: Auf bitterböse Weise brachte er den Deutschen die dunkelsten Seiten ihrer Geschichte bei.

Es ist ein Unterschied, ob George Tabori sich über Auschwitz lustig macht oder jemand anderes. Genau das macht die Auseinandersetzung mit seinem Werk für heutige Theaterschaffende so schwierig. Denn wie soll man eine Ironie vermitteln, die so stark an die Persönlichkeit ihres längst verstorbenen Schöpfers gekoppelt ist?

In Konstanz ist zu erleben, wie der Versuch sogar scheitern kann, bevor auch nur eine Sekunde Theater gespielt worden ist. Der vor allem als Kabarettist bekannte Regisseur Serdar Somuncu hat für das Stadttheater eine Inszenierung von „Mein Kampf“ erarbeitet. Das Werk ist wohl das bekannteste von George Tabori. Es handelt vom jungen Adolf Hitler, der gerne Künstler geworden wäre, aber an der Aufnahmeprüfung für die Wiener Kunstakademie gescheitert ist. Ausgerechnet der Jude Schlomo Herzl überredet ihn, es statt mit der Kunst lieber mit der Politik zu versuchen: ein typisches Tabori-Stück.

Am Theater Konstanz hat man sich nun des Autors Vorliebe für mutige Setzungen zu eigen gemacht. Die Premiere gibt es jetzt am 20. April, weil das Adolf Hitlers Geburtstag ist. Und wer eine Eintrittskarte kauft, sollte zunächst wahlweise einen Davidstern tragen oder aber ein Hakenkreuz: Fürs Hakenkreuz gab es die Karte umsonst. Nach massiven Protesten – unter anderem aus der Deutsch-Israelischen Gesellschaft – hat das Theater die Preisstruktur verändert. Das Tragen des Davidsterns („als Zeichen der Solidarität mit den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“) ist Kartenbesitzern jetzt freigestellt. Und wer mit dem 20. April seine Probleme hat, der darf sein Ticket nun umtauschen.

Das Unbehagen ist gleichwohl geblieben. Denn an der Grundidee ändert auch die neue Preisstruktur nichts. Und wie sehr man diese auch dreht und wendet: Wirklich Kluges will dabei nicht herauskommen. Äußert sich die Identität eines Nazis etwa in nichts weiter als ein bisschen Geiz beim Karten-Erwerb? Und was bezweckt eine Solidarität, die sich auf das Tragen eines Davidsterns beschränkt? Überhaupt: Wie muss es bloß auf einen jüdischen Theater-Besucher wirken, mit der Karte auch gleich einen solchen Stern überreicht zu bekommen?

Regisseur Somuncu redet sich derweil um Kopf und Kragen. Einerseits erklärt er, das Publikum sei Teil der Inszenierung. Andererseits findet er „erschreckend“, dass einige Besucher das Hakenkreuz tragen wollen: „Entweder die Leute sind wirklich rechts. Oder sie werfen aus Geiz ihre Gesinnung über den Haufen.“ Ja, was denn nun? Dient das Hakenkreuz nur einem Rollenspiel? Oder muss man damit rechnen, ernsthaft als Neonazi dazustehen?

Antworten soll es am 20. April geben. Und mag auch das Vorspiel misslungen sein: Vielleicht gerät das Stück auf der Bühne ja überzeugender.