Digital-Gurus wie Facebook-Chef Mark Zuckerberg versprechen eine Welt ohne Krieg und Krankheit. Zukunftsforscher wie Ray Kurzweil sehen gar das ewige Leben in greifbarer Nähe. Und wenn es nach deutschen Denkern wie dem Philosophen Richard David Precht geht, dann haben wir zumindest bald ein bedingungsloses Grundeinkommen, das uns von der lästigen Pflicht des Arbeitens befreit. Mag es in unserer Zeit auch an Geduld mangeln, an Rücksicht und bisweilen an Mitgefühl – an einem fehlt es uns gewiss nicht: an Utopien.

Was Unsinn ist und was realistisch, werden wir erst in ferner Zukunft wissen. Manche Hoffnung unserer Tage allerdings erinnert fatal an die unerfüllt gebliebenen Utopien vergangener Zeiten. Der argentinische Autor Alberto Manguel hat sie nun in einem Band zusammengefasst. Eine Auswahl.

  • Kommunismus: Ihn hat die Mutter aller Utopien sich zum Ziel gesetzt – die Schrift „Utopia“, verfasst von Thomas Morus 1516. „Wo es noch Privatbesitz gibt“, heißt es darin, „wo alle Menschen alle Werte am Maßstab des Geldes messen, da wird es kaum jemals möglich sein, eine gerechte und glückliche Politik zu treiben.“ Die Gesellschaft, in der dies aufgehoben ist, gilt für Thomas Morus noch als Nicht-Ort (U-Topia – im Altgriechischen heißt Topos Ort, das U steht für die Verneinung). Jahrhunderte später sollen Marx und Engels daran gehen, ihn zu verwirklichen. Die Folgen sind bekannt: Das Modell scheitert.
  • Bildung: Atlantis kennt jeder, was aber ist „Nova Atlantis“? Der Philosoph Francis Bacon lässt auf dieser fiktiven Südsee-Insel 1627 die ideale Gesellschaft entstehen: keusch, strebsam und liebenswürdig. Zu verdanken ist das zwei Schiffen, die alle zwölf Jahre ausfahren, um voll beladen mit Büchern zurückzukehren. Weil sich alle immerfort weiterbilden, bricht „an jeder Stelle der Erde“ das Licht der Erkenntnis hervor. Forscher können das Wetter vorhersagen, winzig kleine Dinge riesengroß sichtbar machen und mit Blendwerken perfekte Abbilder der Natur erschaffen. Bacon nimmt damit das moderne Mikroskop und die Fotografie vorweg – nicht so abwegig, seine Vision!
  • Technologie: Cyrano de Bergerac dürften viele als Held mit langer Nase aus Edmond Rostands Mantel-und-Degen-Drama kennen. Der echte Cyrano dagegen hat vor allem ein Näschen für Science Fiction. Seine Vorstellung einer idealen Welt findet er 1657 auf dem Mond, den er mit einer Rakete zu erreichen hofft. Oben angekommen winkt dem Besucher ein Wald voller lieblichen Vogelgesangs. Wer ihn hört, verjüngt sich um viele Jahre. Was ist davon zu halten? Die Rakete war gut – den Jungbrunnen allerdings suchen die Astronauten der Nasa bis heute vergebens.
  • Justiz: Wie Cyrano de Bergerac benötigt auch der Held Victorin aus Nicolas Edmé Restifs Roman „Der fliegende Mensch“ den technischen Fortschritt, um ins Land seiner Träume zu gelangen. Ausgestattet mit einem Flügelkleid findet er es irgendwo im Süden. Dort ist alles ganz einfach gehalten, auch die Gesetzgebung: Mörder werden vom Gipfel eines Berges gestürzt, Verleumder dürfen nicht mehr an öffentlichen Vergnügungen teilnehmen, Prostituierte müssen fortan keusch leben, Vergewaltiger sollen ihren Opfern als Sklaven dienen. Schön simpel. Mit modernem Rechtsstaat hat das aber nichts gemein.
  • Liebe: Es ist doch ein lästiges Ding mit unserer Sexualmoral, denkt sich 1816 Charles Fourier. Warum macht sie uns ausgerechnet jene Freuden madig, mit der wir unseren Fortbestand sichern? Sein Vorschlag: Einfach weg mit ihr! In „Le Nouveau Monde Amoureux“ (Die neue Liebeswelt) beschreibt er eine Gesellschaft ohne Monogamie. Männer wie Frauen dürfen alle Arten sexueller Beziehungen ausprobieren. Weil niemand mehr seinen Partner belügen muss, herrscht Ehrlichkeit. Mit seiner Idee wird Fourier 1967 posthum zur Ikone der sexuellen Revolution. Viele Anhänger hat sie aber bis heute nicht.
  • Religion: Gäbe es keine Religionen, so lautet eine beliebte These, dann hätten wir auch weniger Kriege. Étienne Cabet zieht daraus 1842 seine Lehren. In seinem Hauptwerk „Voyage en Icarie“ entwirft er eine Kolonie, in der zwar alle Religionen toleriert werden – allerdings erst ab dem 16. Lebensjahr. Wer sich in diesem Alter zum religiösen Leben entschließt, wird von einem Lehrer in sämtlichen Religionen unterrichtet. Eine davon darf er sich schließlich aussuchen. Auch wenn Cabets Versuch scheitert, diese Idee zu verwirklichen: Dass interreligiöse Bildung Konflikten vorbeugt, ist heute unbestritten.

Was sagen uns die Utopien vergangener Zeiten? Zum einen, dass manche Spinnerei eines Tages geeignet scheinen kann, die Welt zu verbessern. Zum anderen, dass wir selbst dann noch nicht rundum glücklich sein werden. „Wir haben uns immer, überall und zu jeder Zeit ausgemalt, dass ein besserer Ort existiert“, sagt Alberto Manguel. Daran wird auch ein bedingungsloses Grundeinkommen nichts ändern.