Die Welt ist ungerecht, man weiß es. Vor einem knappen halben Jahrhundert gründete sich in London die Rock-Gruppe Uriah Heep, und in all den vielen Jahren bekam sie eigentlich nie so recht die Anerkennung, die ihr objektiv zukommen müsste. Die Truppe um Lead-Gitarrist Mick Box spielte höchst innovativen Heavy Metal, als es den Begriff noch gar nicht gab, hatte 1971 einen globalen Hit mit dem eher schlichten, eingängigen Folk-Song „Lady In Black“ und versuchte sich sogar im Progressive-Rock-Subgenre („Salisbury“), mit beachtlichem Ergebnis. Als erste westliche Rock-Band überhaupt trat Uriah Heep in den 80ern in der damaligen Sowjetunion auf, und in Osteuropa füllt sie heute noch große Arenen. Ihre zweite große Fan-Base ist seit jeher Deutschland – immerhin rund 1500 Heep-Jünger pilgerten zum jüngsten Auftritt im Ravensburger Oberschwabenklub, einem abgetrennten Bereich innerhalb der Oberschwabenhalle.

Und sie wurden nicht enttäuscht. Seit einiger Zeit ist die Gruppe mal wieder in der Form ihres Lebens, und vor zwei Monaten veröffentlichte sie ein neues Studio-Album: „Living The Dream“. Rund 40 Prozent ihrer Setlist in Ravensburg bestand aus Material von dieser CD – eine Band, die so etwas macht, muss schon sehr von sich und dem Song-Material überzeugt sein. Und siehe da: Die Tracks vom aktuellen Album überzeugen durch die Bank, und es ist schon erstaunlich, wie nahtlos sie zum Rest-Repertoire der Truppe passen – zu zeitlosen Klassikern wie „Gypsy“, „Look At Yourself“ und „Easy Livin’“. Letztere Songs waren natürlich das, was die versammelten Heep-Fans in erster Linie hören wollten, aber auch die neuen Kompositionen wurden mit stürmischem Beifall bedacht.

Phänomenale Lautstärke

Präsentiert wurde das alles mit phänomenaler Lautstärke, wie bei Heep-Gigs gewohnt (Dezibel-Obergrenze: Was in aller Welt soll das sein?), aber schließlich handelte es sich hier um ein Rock- und kein Kammerkonzert. Ein furioses Solo nach dem anderen zauberte Gitarrist Mick Box – letztes verbliebenes Gründungsmitglied – aus seinem Instrument, und für die Abrundung der vollen Dröhnung sorgte Keyboarder Phil Lanzon mit mächtigen Orgel-Akkorden. Auch Sänger Bernie Shaw, der seit 1986 bei Uriah Heep an Deck ist, gab mal wieder alles – noch immer wird er von Heep-Fans der ersten Stunde an dem charismatischen Gründungs-Frontmann David Byron gemessen, der einst aufgrund seines exzessiven Alkoholkonsums aus der Band geworfen wurde (und später auch an den Folgen dieser Sucht starb).

Shaws Stimme ähnelt der von Byron, und es ist verblüffend, wie es ihm gelingt, diversen Heep-Klassikern seinen eigenen Stempel aufzudrücken, ohne die originale Klangfarbe des Songs auch nur anzutasten. In Ravensburg war das am auffälligsten beispielsweise bei „Return To Fantasy“ – und vor allem bei „Rainbow Demon“, einem der schönsten Stücke, die die Heeps je geschrieben haben. Vielen Besuchern war anzusehen, dass gerade diese Songs aus der Glanzzeit der Band einst zum persönlichen Soundtrack ihres Lebens gehört haben – und dass die Gelegenheit, sie noch einmal live zu hören, für sie eine ganz, ganz große Sache war.