Ein heiterer Stoff wäre ja auch möglich gewesen. Jossi Wieler, Regisseur und scheidender Intendant der Stuttgarter Oper, bringt seine letzte Produktion heraus – und welchen Stoff wählt er? Den einer Katastrophe. Ein Erdbeben, musikalisch verarbeitet vom japanischen Komponisten Toshio Hosokawa, der bei diesem Thema fast zwangsläufig an die eine Katastrophe der vergangenen Jahre denkt – an Fukushima. Eine Uraufführungs-Thema voller Düsternis also. Jubel-Arien auf die erfolgreiche, siebenjährige Ära Wielers enthält sie nicht.

Jossi Wieler, der Intendant der Oper Stuttgart, gibt seinen Posten zum Ende der Spielzeit auf.
Jossi Wieler, der Intendant der Oper Stuttgart, gibt seinen Posten zum Ende der Spielzeit auf. | Bild: Bernd Weissbrod / dpa

Aber vermutlich hat sich Wieler gerade deswegen für diesen Stoff entschieden, der auf Heinrich von Kleists bedrückender Novelle „Das Erdbeben in Chili“ basiert. Der Intendant und sein Regie-Partner und Dramaturg Sergio Morabito setzen zum Schluss noch einmal ein Zeichen und zeigen, wofür sie und das Stuttgarter Haus stehen: für künstlerische Experimente, für die Offenheit Neuer Musik gegenüber, für intellektuellen Anspruch. Und dafür, dass in Stuttgart die notwendigen Voraussetzungen für all das gegeben sind.

Der Chor der Staatsoper und Mitglieder des Ensembles stellen die aufgewiegelte Masse dar. Sie wollen den Tod von Josephe und deren Partner Jeronimo.
Der Chor der Staatsoper und Mitglieder des Ensembles stellen die aufgewiegelte Masse dar. Sie wollen den Tod von Josephe und deren Partner Jeronimo. | Bild: A.T. Schaefer / Oper Stuttgart

Dazu gehören nicht zuletzt ein hervorragender Staatsopernchor, der auch jetzt wieder seine Qualität unter Beweis stellen konnte, ein Kinderchor, der früh gefordert und gefördert wird, und ein Staatsorchester, an dessen Spitze mit Sylvain Cambreling ein ausgewiesener Neue-Musik-Experte steht. Auch für ihn war es die Abschiedsproduktion. Er wechselt jetzt nach Hamburg.

Für all das ist das Team bei der Premiere gebührend gefeiert worden. So weit, so recht. Und das Stück selbst? Na ja, der große Wurf blieb aus. Zur „Uraufführung des Jahres“ taugt Toshio Hosokawas „Erdbeben.Träume“ eher nicht. Trotz starker Bilder, die vor allem Anna Viebrocks Bühne einer Trümmerlandschaft liefert, fehlt die emotionale Wucht. Aber auch gedanklich setzt das Stück zu wenig in Gang. Dabei ist Toshio Hosokawas Musik durchaus ansprechend. Seinem Ruf als Komponist einer gemäßigten Avantgarde entsprechend, schreibt er eine Musik aus wogenden Klangflächen, die trotz ihrer Auffächerung meist grundtonbezogen bleiben und daher auch dem ungeübten Ohr immer Halt bieten. Das zeitlupenartige Tempo erzeugt eine traumartige Atmosphäre, die dem rückblicksartigen Charakter des Stücks entspricht.

Der japanische Komponist Toshio Hosokawa hat im Auftrag der Oper Stuttgart die Oper "Erdbeben.Träume" konzipert – nach einer Novelle von Heinrich von Kleist.
Der japanische Komponist Toshio Hosokawa hat im Auftrag der Oper Stuttgart die Oper "Erdbeben.Träume" konzipert – nach einer Novelle von Heinrich von Kleist. | Bild: Bernd Weissbrod / dpa

Das verfehlt seine Wirkung nicht. Der Komponist weiß, wie er das Publikum einfangen kann. Auch die Solo-Stimmen fügen sich gut in das Klangbild ein (Esther Dierkes als Josephe, Dominic Große als Jeronimo, Sophie Marilley und André Morsch als die späteren Adoptiveltern Elvire und Fernando, Josefin Feiler als Elvires Schwester Constanze). Über eindreiviertel Stunden hinweg aber trägt dieser Ansatz nicht. Die Musik hat sich irgendwann auserzählt.

Richtig stark hingegen ist die Szene, die das Erdbeben beschreibt. Hosokawa überlässt sie dem Schlagwerk, das dumpf grollend anrollt und sich wellenartig hochschaukelt. Die Regie reagiert passend, indem sie Elemente des Bühnenbilds langsam auf- und abwärts bewegt. Die Erde bebt in Zeitlupe. Der Fallout, der radioaktive Niederschlag (einer der wenigen szenischen Hinweise auf das Atomunglück in Fukushima), erfolgt als ein Regen bunter Kleidungsstücke (Kostüme: Anna Viebrock). Ein Bild, das im Gedächtnis bleibt.

 

Letztlich aber weiß man gar nicht, worum es in der Oper wirklich gehen soll: Um Fukushima? Um das individuelle Trauma eines Jungen, der seine Eltern verloren hat? Oder vielleicht doch um die zerstörerische Kraft einer aufgewiegelten Masse, die uns gedanklich ins Gegenwarts-Deutschland führt?

Die Regie spürt dem traumatisierten Jungen (Sachiko Hara) nach. Er ist in einer stummen Rolle durchgehend präsent auf der Bühne und beobachtet das Geschehen, das ihm vielleicht seine Adoptiveltern so erzählen. Sein Gesichtsausdruck wechselt zwischen Schrecken, Trotz, Neugier und – als es um seine leiblichen Eltern geht – Freude.

Philipp (Sachiko Hara), der traumatisierte Junge, beobachtet stumm, aber ausdrucksstark das Geschehen auf der Bühne.
Philipp (Sachiko Hara), der traumatisierte Junge, beobachtet stumm, aber ausdrucksstark das Geschehen auf der Bühne. | Bild: A.T. Schaefer / Oper Stuttgart

Da der Librettist Marcel Beyer seinen Text erklärtermaßen „nicht mit Auskünften an das Publikum überfrachten“ wollte, sprich: dieser ziemlich verrätselt bleibt, übernimmt die Regie die Aufgabe, die eigentliche Handlung einigermaßen schlüssig zu erzählen. Dafür ist man ihr dankbar, und doch drängt sich der Eindruck auf, als hätten Wieler und Morabito manchmal nicht gewusst, was sie mit den Massen an Chor anfangen und wie sie die teils hilflos agierenden Hauptdarsteller führen sollen.

Der Schluss gehört wieder dem stummen Philipp, der sich – ganz japanisches No-Theater – eine weiße Maske über den Hinterkopf zieht und eine Art Tanz vollführt. Sein Ich bleibt gespalten. Die Maske wird ihm wie eine Todesahnung für den Rest des Lebens bleiben. Mehr solcher eindringlichen Bilder hätten der Uraufführung gut getan.