Vorsicht, Achtung! Ein Gespenst geht um. Ein Virus. Steckt eure unschuldigen, kreativen Indie-Lieblingsbands weg. Versteckt sie. Haltet sie geheim und mit aller Macht von großen Bühnen fern. Die Gefahr der Ansteckung ist drastisch. Die ersten Symptome traten im Umfeld von U2 auf, später erwischte es Coldplay, ehe die Krankheit auf besonders drastische Weise Mumford & Sons und die Kings Of Leon dahin raffte. Die Symptome? Ewig gleiche „Lala“ und „Ohoh“-Refrains, gruslige Mainstream-Keyboard-Salven und absolut harmlose Gitarren-Dudel-Riffs, die erbarmungslos über alle kreativen Ansätze alternativer Musik hinweg planieren. Radiomucke der übelsten Sorte, Stadion-Rock zum mitklatschen und wohlfühlen. Der Tod des Rock‘N‘Roll und all seiner Versprechen. Die schlimme Nachricht: Der Virus ist noch nicht besiegt, im Gegenteil. Auch Kodaline trugen bei ihrem Konzert auf dem Honberg die Symptome offen zur Schau… Ein Krankenbericht.

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Bereits die merkwürdige Belanglosigkeit, mit der Sänger Steve Garrigan in den aufbrandenden Boyband Jubel latscht, lässt Böses vermuten. Dieser gewisse Zauber, der das Honberg-Zelt für normal aufbranden lässt, scheint an den Kodaline-Jungs abzuperlen wie Wassertropfen auf Teflon. Song zwei ist dann schon „Ready“, ein super eingängiger Ohrwurm, der so lieblos herunter gedudelt wird, als hätte Dieter Bohlen himself diese Band zusammengestellt.

Gefühlvolle Barden

Die Iren haben sich einen Namen als gefühlvolle Indiefolk-Barden gemacht, doch die eingangs beschriebenen Verlockungen des Mainstreams haben von der Eigenständigkeit des Kodaline-Sounds leider nicht viel übrig gelassen. Entsprechend vorhersehbar ist das Konzert: Carrigan pendelt zwischen Piano und Gitarre und gibt dann damit jeweils die Songimpulse vor, die auf die restliche Band übergehen. Entsprechend halten sich Powerpop und Popballaden einigermaßen die Waage, aber Pop ist es immer, durchgeplant und durchchoreografiert bis in die Haarspitzen.

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Und ja, die Iren sind souveräne Mucker, das kann man ihnen keinesfalls absprechen. Doch die merkwürdige Distanziertheit, mit der das Quartett ihrem euphorischen Publikum begegnet und die offensichtliche Gier nach Mainstream-Gefälligkeit macht Kodaline an diesem Abend (und das tut wirklich weh zu schreiben) zu einem uninspirierten Coldplay-Abkkatsch. Schade, schade, schade.

Geerdete Variante

Denn immer dann, wenn die Truppe sich der eigenen Wurzeln besinnt, wenn das Licht gedimmt und die Effekte herunter gedreht werden, dann bekommt das neonleuchtende Gebilde plötzlich Fleisch, ja Leben, dann springt der Funke über, dann spüren wir diese greifbare Verletzlichkeit, dadrin im Zirkuszelt, in welches dieses Konzert doch eigentlich wie die Faust aufs Auge gepasst hätte. Immerhin endet das Konzert auf eine versöhnlichen Note: Kodaline spielen ihren Riesenhit „High Hopes“ in einer geerdeten Variante ohne ausufernde Gesten. Ein Song. Eine Band. Ihr Publikum. Mehr braucht es doch gar nicht.