Tito, am ersten Tag, als Sie für Ihr neues Album ins Studio gingen, starb Ihr Vater. Wie hat sich dieser tragische Vorfall auf die Musik ausgewirkt?

Tito: Das lässt sich kaum beschreiben, weil es sehr spirituell war. Solch ein Todesfall beeinflusst alles, was du tust. Seltsamerweise war es für mich nichts Negatives, sondern eher etwas Natürliches. Es war aber zweifellos eine schwierige Situation. Obwohl mein Vater gerade gestorben war, bestand ich darauf, im Sonic Ranch Studio bei El Paso, wo er lebte, sofort weiterzuarbeiten.

Hat Ihr Vater Sie anfangs unterstützt?

Tito: Ohne meinen Vater hätte ich sicher keine Karriere gemacht. Er hat meine erste Platte mitfinanziert. Anfangs sahen er und meine Mutter sich alle meine Auftritte an. Als Teenager habe ich Ballettstunden genommen und später in der National Company von Mexico City getanzt. Als ich schließlich nach Hollywood zog, wurde ich Punkrocker. Da gab es nicht viele Ballerinas.

Lolita, mögen Sie Punkrock?

Lolita Larriva: Ja, ich bin mit Bands wie den Germs und Titos Platten aufgewachsen. Meine Mutter war früher Tänzerin und steht total auf Punk. Für mich war es ganz normal, das Kind von Punks zu sein. Alle Freunde von uns in Los Angeles waren Künstler und ein bisschen verrückt. Erst als wir nach Texas zogen, wurde mir bewusst, wie seltsam meine Kindheit und Jugend war.

Wer von Ihnen hat den Song „He‘s A Liar“ (Er ist ein Lügner) geschrieben?

Tito: Von mir stammen der Text und das Riff. Als ich den Song schrieb, war mir überhaupt nicht bewusst, wovon er handelt. Er entstand nämlich vor Trumps Präsidentschaft. Es war aber ein gutes Timing!

Wie fühlt es sich für Sie als Mexikaner an, wenn der amerikanische Präsident behauptet, Mexikaner seien Vergewaltiger und würden Drogen und Kriminalität ins Land bringen?

Lolita: Er ist traurig, schmerzhaft und beängstigend. Am schlimmsten betroffen sind die Armen. Viele Mexikaner in Amerika sind ohne Hoffnung. Sie leben getrennt von ihren Familien und haben kein Geld, um mit ihnen wieder zusammenzukommen. Mir macht der Rassismus Angst. Wir leben in Texas. Obwohl Austin als Stadt sehr liberal ist, haben wir festgestellt, dass sich in der Bevölkerung etwas geändert hat. Die Leute sagen zum Beispiel schreckliche Dinge zu Tito.

Auf welche Weise haben Sie persönlich Rassismus erfahren?

Tito: Am Tag, als Donald Trump gewählt wurde, habe ich unseren Gartenzaun repariert. Wir leben an einer viel befahrenen Straße. Als ich gerade einen Nagel einschlug, hielt ein Truck vor meiner Nase und der Fahrer brüllte mich an: „Geh zurück in dein beschissenes Mexiko!“ Ich übertreibe nicht. Fünf Minuten später stoppten zwei Harleys vor unserem Haus, die Fahrer beschimpften mich als dreckigen Mexikaner und verschwanden laut lachend wieder. Dies passierte in meiner Stadt vor meinem Haus! Ich sah darin ein Vorzeichen von dem, was kommen würde.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Tito: In dem Moment dachte ich, dass diese Biker wahrscheinlich meine Platten zuhause stehen haben. Alle Biker mögen „From Dusk Till Dawn“ (lacht). Das fand ich irgendwie zum Lachen. In derselben Woche besuchte ich ein mexikanisches Restaurant in der Nachbarschaft und unterhielt mich mit den Kellnern auf Spanisch. Ein tätowierter Typ mit einem Messer am Gürtel regte sich darüber auf, dass wir in Amerika Spanisch sprechen würden. Das ist so dumm und ignorant!

Lolita: Das ist Stimmungsmache. Man soll Angst vor dem Unbekannten haben. Es bricht mir das Herz.

Tito: Kürzlich wurde in Dallas ein Junge von der Polizei angehalten und nach seinen Papieren gefragt. Er zeigte den Cops seine Geburtsurkunde und seinen Führerschein. Und trotzdem steckten sie ihn für einen Monat in ein Lager. Sie glaubten ihm nicht, dass er Amerikaner sei.

Befürchten Sie, dass Ihnen etwas Ähnliches widerfahren könnte?

Tito: Definitiv. Die Cops könnten mich zum Beispiel mit meinem Auto stoppen und nach Mexiko zurückschicken. Und wenn ich dann zurück nach Amerika wollte, könnte man mir an der Grenze die Einreise verweigern, weil ich einmal mit Haschisch erwischt wurde. Echt gruselig!

Warum haben Sie nicht die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragt?

Tito: Weil ich nie das Gefühl hatte, einen amerikanischen Pass zu brauchen. Als ich jung war, fand ich die Idee gut, aber heute gefällt es mir besser, Mexikaner zu sein. Nach meinem Schulabschluss habe ich ein Semester in Mexico City studiert. Ich bin kein US-amerikanischer Staatsbürger, aber ich fühle mich schon als Amerikaner. Zu Amerika gehören ja nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern ein ganzer Kontinent.

Sehen Sie Ihre Interessen von Politikern vertreten?

Lolita: In Amerika hat die Politik nichts mehr mit dem Leben der Leute zu tun. Wir sind eines der reichsten Länder der Erde, aber wir haben unzählige hungrige und wohnungslose Mitbürger. Psychisch Kranke bekommen keine Hilfe. Unser System ist eigentlich schon lange kaputt, aber das wird den meisten erst jetzt so richtig bewusst. Vielleicht führt das ja dazu, dass mehr junge Menschen bei der nächsten Wahl ihre Stimme abgeben.

Wollten Sie ein Album machen, das diese chaotische Zeit reflektiert?

Tito: Unser Album spiegelt den Alltag und die Gefühle der Menschen wider. Viele haben Angst. Wenn jemand wie Mr. Trump, der für sein Amt nicht geeignet ist, so viel Macht hat, ist das wie ein Schneeball. Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er. Wenn er weiterhin Dummheiten machen darf, kann es eines Tages wirklich gefährlich werden.

Haben Sie sich trotz allem Ihren Optimismus bewahrt?

Tito: Ich denke, ich bin Optimist, aber die Dinge haben sich definitiv sehr geändert. Das fühle ich nicht nur, das erfahre ich auch am eigenen Leib. Die Zollabfertigung an Flughäfen dauert in meinem Fall immer länger, die filzen mich von oben bis unten. In dem Land, in dem ich lebe! Ich habe deswegen schon einmal einen Flug verpasst.

Wer oder was hat Sie zu dem Song „Virtues Glow“ inspiriert?

Tito: In „Virtues Glow“ beschäftigen wir uns mit Evangelisten. In Texas gibt es viele davon. Zwischen Austin und San Antonio sieht man Hunderte von Kirchen und riesige Plakate, die aufzeigen, dass Prediger eigene Flugzeuge und vergoldete Cadillacs besitzen. Das ist bizarr! Diese Leute glauben, dass Gott ihnen befiehlt, Menschen zu töten, die nicht hierhin gehören. Die Vorstellung ist verrückt, dass die Liebe zu Jesus es einem erlaubt, eine Person zu hängen oder zu verbrennen, die anders ist als man selbst!

Lolita: Man würde meinen, dass Lynchmorde durch den Ku-Klux-Klan in Amerika Geschichte sind, aber heute sieht man andere Auswüchse der kranken evangelikalen Bestrafung. Zum Beispiel die Morde an Mexikanern, die angeblich nicht zu Amerika gehören. So rassistisch reden und handeln Verblendete und religiöse Fanatiker.

Wie entwickeln Sie da noch positive Energie?

Tito: So verrückt und negativ ein Song wie „Virtues Glow“ auch erscheint, er stellt am Ende doch die Frage: Glaubst du das wirklich? Es hat etwas Befreiendes und Erleichterndes, das in einem Song zu sagen, der eigentlich von etwas Negativem handelt. Der Teufel steckt immer im Chor, man sieht ihn nicht, wenn er singt. Vielleicht sogar in meinem.