Die USA sind, wie nicht erst heute offenkundig wird, eine tief gespaltene Nation. Einerseits bietet das Land das Bild einer weltoffenen, liberalen Demokratie, verkörpert durch Präsidenten wie John F. Kennedy und Jimmy Carter. Auf der anderen Seite offenbart es Züge einer moralisch zweifelhaften Supermacht – Stichwort Vi­etnam und Irak-Krieg. Heute ist mit Donald Trump ein Politiker Präsident, der sicher geglaubte Grundlagen im transatlantischen Verhältnis in Frage stellt.

Diese amerikanische Janusgesichtigkeit zeichnete sich bereits in der er­sten Hälfte des 20. Jahrhunderts ab. Nicht nur Tho­mas Mann machte in den Jahren seines Exils damit leidvolle Erfahrungen. Von 1938 an lebte er mit seiner Frau Katia und seinen sechs Kin­dern in den Vereinigten Staaten. Als Repräsentant des euro­pä­ischen Gei­stes, gewissermaßen als dessen Inkarnation war er dort seinerzeit begrüßt worden. Und erfuhr doch nur wenige Jahre später auch Anfeindung und Verunglimpfung.

Lehrstück über Demokratie

Aus den amerikanischen Jahren des Romanciers lässt sich einiges über die Zwei­-Partei­en­-De­mo­kratie der USA lernen. Die Ausstellung „Tho­m­as Mann in Am­eri­ka“ des Literatur­mu­seums der Mo­­derne in Marbach am Neckar beleuchtet Manns Jahre im amerikanischen Exil aus dem Blickwinkel der ambivalenten Erfahrungen. Die Schau ist in Kooperation mit dem Thomas­­-Mann­­­-Archiv der ETH Zürich entstanden, das auch die meisten Leihgaben beisteuerte. Geboten werden rund 100 Tagebuch­auf­zeich­nun­gen und Briefe, Hand­schrif­ten zu den in den USA ent­standenen Romanen sowie Film- und Tondokumente.

Nach Marbach gereist sind auch vorsintflutlich anmutende origi­nale Reisekoffer der Manns. Gleichermaßen als Reisefolklore und Zeitkolorit posieren sie vor dem Eingang zur Schau. Wie eine Reihe von Fotos der Reise führen sie ins Jahr 1938 zurück, als die Manns für eine Lesetour des Schriftstellers den Atlantik überquerten. Angesichts der unsicheren Ver­hältnisse in Europa entschlossen sie sich bald dazu, nicht nach Europa zurückzukehren, sondern in den USA zu bleiben. „Wo ich bin, ist Deut­schland“, postulierte Mann selbstbewusst.

Thomas Mann und seine Frau Katia auf dem Anwesen in Pacific Palisades, einem Stadtteil von Los Angeles.
Thomas Mann und seine Frau Katia auf dem Anwesen in Pacific Palisades, einem Stadtteil von Los Angeles. | Bild: ETH-Bibliothek Zürich / Thomas-Mann-Archiv

Die Ausstellung dokumentiert zum einen die wohl­wollende Aufnahme, die Thomas Mann in den USA zuteil wurde. Sie nimmt aber erstmals auch die An­feindungen in den Fokus, denen der Romancier in der McCar­thy­-Arä ausgesetzt war. Sie führten dazu, dass er das Land wieder verließ.

Durch die Vermittlung seiner Gön­nerin Agnes E. Meyer erhielt Mann eine Honorar­professur an der Prin­ceton University. Mann las über Goethe, Wagner und Freud, auch über seinen eigenen Roman „Der Zauberberg“. Der Schriftsteller wurde hofiert und gefeiert. „The Most Eminent Living Man Of Let­ters“ hatte die „New York Herald Tribune“ schon bei einer früheren Lesereise getitelt – der bedeutendste lebende Schri­ft­steller. Seine Bücher verkauften sich blendend.

Vier Romane im Exil geschrieben

In der Zeit des amerikanischen Exils schrieb oder vollendete Thomas Mann vier Romane: „Lotte in Weimar“, „Joseph der Ernährer“, „Doktor Faustus“ und „Der Erwählte“. Neben der schriftstellerischen Arbeit unterstützte er Emi­grantenkollegen in materieller Not. Von seinem Einsatz in Hilfskomitees profitierten beispielsweise Hermann Broch und Robert Musil.

Einen Einschnitt in den Jahren des Exils bedeutete der Tod von US-Prä­si­dent Franklin Roosevelt kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs – stärker noch die nachfolgende McCar­thy-Ära. Als Exilant hatte Thomas Mann nicht nur einen politischen Lernprozess­ durchlaufen. Er vollzog auch einen tiefgreifenden Wandel seines Selbstverständnisses als Schriftsteller.

Im Einsatz für die Freiheit

Mann erkannte die Notwendigkeit des Einsatzes für Demokratie und Freiheit – auch als Schriftsteller. Und er handelte entsprechend. So wandte er sich im Zweiten Weltkrieg in einer monatlichen Rundfunkrede an die „deutschen Hörer“. Über die BBC wurde die Sendung ins Reichsgebiet ausgestrahlt. Sein 1942 bezogenes Wohnhaus in Pacific Palisades in Kalifornien avancierte – mit den Worten seines Enkels Frido Mann – zum „Weißem Haus des Exils“. 2016 kaufte die Bundesrepublik das Gebäude samt Anwesen an, 2018 wurde darin ein internationales Kulturzentrum eröffnet.

Die Vereinigten Staaten waren für Thomas Mann das Land der gei­stigen Freiheit und Toleranz gewesen. Später kehrten sie ihm die hässliche Fra­tze der Intoleranz und Illiberalität zu. Sie waren zu einem Land degeneriert, in dem im Zuge der Kommunistenhatz jeder kritische Geist ins Fadenkreuz der Verfolgung geriet. 1952 zog Thomas Mann daraus die Konsequenz. Mit seiner Familie verließ er die USA, um in die Schweiz überzusiedeln, wo er bereits 1933 Exil gefunden hatte.

Die Ausstellung "Thomas Mann in Amerika" ist bis zum 30. Juni 2019 im Literaturmuseum der Moderne in Marbach zu sehen. Geöffnet ist die Schau von Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 18 Uhr. Alle Informationen gibt es hier.