Bei René Pollesch ist alles anders. Der Regisseur und Autor schreibt seine Stücke während der Proben. Die immer wieder neu arrangierten Dialoge, so lesen wir auch im Programmheft zu seiner jüngsten Theaterarbeit „Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini-Studien)“ (Teile des Stücks wurden angeblich in dem Berliner Café „Manzini“ geschrieben), die am Schauspielhaus Zürich unter seiner Regie uraufgeführt wurde, antworten auf gemeinsame Lektüre, die Angebote des Ensembles und des Bühnenbilds. Dabei entstehen keine übertragbaren Stückpartituren, die andernorts wieder zur Aufführung kommen. Die Texte bleiben an die Bedingungen ihres Entstehens und an das Ensemble ihrer Erstaufführung gebunden.

Bei dem ziemlich erfolgreichen Pollesch ist nur folgerichtig ein etwas anderer Theaterabend zu erwarten. Dass der 56-Jährige immer wieder auf Schauspieler zurückgreift, die seine Arbeitsweise kennen, ist für Theaterleute wie ihn allerdings normal. Martin Wuttke ist so einer, der ihn begleitet, er mischt auch in Zürich virtuos mit; Kathrin Angerer und Marie Rosa Tietjen sind ebenfalls markante Pollesch-Figuren und gehören zum Team. Der Dramatiker René Pollesch ist im Übrigen am Zürcher Pfauen kein Unbekannter. Sein Debüt feierte er dort 2009 mit „Calvinismus Klein“ (und mit Wuttke).

Marie Rosa Tietjen (von links), Kathrin Angerer und Martin Wuttke auf der Bühne des Zürcher Pfauen.
Marie Rosa Tietjen (von links), Kathrin Angerer und Martin Wuttke auf der Bühne des Zürcher Pfauen. | Bild: Lenore Blievernicht

Und schließlich tickt Pollesch noch in einer anderen Hinsicht anders als andere Dramatiker. Sein Theater trägt das Label „postdramatisch“, damit ist – allgemein – eine Performance-nahe Form des Theaters gemeint, die sich vom traditionellen Sprechtheater abgrenzt, auf die Welt der elektronischen Medien reagiert und sich anderen künstlerischen, darstellenden und medialen Genres und Techniken öffnet. Bei Pollesch kommt hinzu, dass er auf einen Plot, ein Handlungsgerüst, verzichtet – von dem schon Mark Twain sagte, wer ihn fordere, werde erschossen.

In Zürich lümmeln auf den Stufen vor dem Bühnenvorhang (statt auf der Couch) drei Schauspieler herum, die nur reden, miteinander, gegeneinander, aneinander vorbei. Sie haben Shakespeares „Sommernachtstraum“ in den Knochen und wirken erschöpft, vergesslich, ja verwirrt. „Ich gehe bei mir von einer gewissen Instabilität aus“, sagt eine der drei Figuren. Sie haben einen Knacks, haben offenbar eine traumatische Erfahrung hinter sich, allesamt. Das Unwort fällt immer wieder.

Figuren ohne Namen

Die Schauspieler auf der von Glühbirnen illuminierten Vorbühne, die später den kompletten Raum erobern, sich vor einem Wasserfall liebes- und trostbedürftig auf einer Affenhand räkeln – King Kong heißt hier Mäxie, Bühnendesignerin Barbara Steiner hat das Motiv aus einem anderen Pollesch-Stück übernommen – haben keine Namen. Im Textbuch ist von K (Angerer), R (Tietjen) und von M (Wuttke) die Rede, von Menschen ohne Identität.

Was immer über Pollesch-Stücke gesagt wird, dass es bei ihm keine Charaktere gäbe, sondern nur Fetzen von surrealen Situationen und entsprechende Texte – in Zürich ist ein Wiederholungsspiel zu beobachten, das fasziniert. Ungeachtet dessen, dass einiges von dem durch Kleider- und Perückenwechsel sowie Wohlfühlmusik aufgelockerten Strom am Zuschauer vorbeirauscht, etwa der Zitatenreigen von Gilles Deleuze bis Nagis Oshima. Und dass am Ende nicht deutlich wird, was das Ganze soll – vielleicht angewandte Existenzphilosophie oder doch nur Small Talk für gelangweilte Metropolisten? Vermutlich gehört ja die Ratlosigkeit zum Konzept solcher postdramatischen Versuchsanordnungen.

Rauschender Beifall

Der Regisseur Pollesch hat drei Pollesch-imprägnierte Darsteller, die nicht nur alles können, sondern alles geben – plaudernde Wortgefäße, künstliche, ja diverse mal lakonische, mal zickige, genervte, nachdenkliche, selten heitere, oft komische Subjekte. K wie Kathrin (Angerer) ist für das Komische zuständig. Sie und ihre kindliche Stimme sind der Star des Abends. Ihre Sätze schaukeln und wippen, notierte einmal einer ihrer Bewunderer, als seien sie auf hoher See unterwegs, als taumelten sie durch den Kosmos wie verloren gegangene Sterne. So ist es. – Rauschender Beifall für das Dream-Team!

Die nächsten Aufführungen des Stücks von René Pollesch gibt es am 21. Dezember 2018 sowie dann 2019 am 6., 11., 13., 17., 24. und 31. Januar und am 4., 6. 10., 13., 23. und 26. Februar 2019. Weitere Informationen zu dem Stück finden Sie hier.