Als Ende des 19. Jahrhunderts Émile Zola kaputte Familien beschrieb, war die Aufregung groß. Nicht, dass die Missstände frei erfunden wären: Aber über so etwas schreibt man doch nicht! Ähnlich erging es Mitte des 20. Jahrhunderts den Rolling Stones. Schlimm genug, wenn Jugendliche dem Drogenrausch erliegen: Darüber muss man aber nicht auch noch singen!

Ein wenig von dieser Verlogenheit zeigt sich heute wieder im Umgang mit einem Songtext, der uns bei der Echo-Gala für einen Moment die finstersten Seiten unseres Alltags spiegelte. Der tägliche Antisemitismus auf deutschen Schulhöfen darf auf keinen Fall die heile Fernsehwelt stören: Wäre ja noch schöner, wenn Kunst etwas über unsere Wirklichkeit aussagt! Die Verkaufszahlen zeigen, dass sich offenbar sehr viele Jugendliche von dieser Musik verstanden und vertreten fühlen, ob uns das gefällt oder nicht. Mit Tabuisierung und Boykott wird man dieses Gefühl nur stärken – gerade einstige Punk-Musiker wie Campino sollten das wissen.