Alle hauen auf die Sachsen drauf: wegen Pegida, wegen pöbelnder Männer mit Deutschland-Hut und wegen Regierungspolitikern, die sich wachsweich um klare Stellungnahmen herumlavieren. Es steckt viel Selbstgerechtigkeit in diesem „Sachsen-Bashing“, schließlich wird die AfD demnächst wohl auch in Bayern locker ein zweistelliges Wahlergebnis holen. Und doch bleibt Sachsen speziell. Nirgendwo sonst kommt der Rassismus so unverhohlen zum Ausdruck, in keinem anderen Bundesland liegt die Hemmschwelle zum gemeinsamen Demonstrieren mit Neonazis so niedrig. Woran liegt das?

Lukas Rietzschel ist in Räckelwitz aufgewachsen, einem Dorf nahe Bautzen: Mitten in der sächsischen Provinz, dort, wo über Jahre hinweg eine Wut wachsen konnte, die sich heute auf den Straßen von Dresden und Chemnitz entlädt. Rietzschel ist gerade einmal 24 Jahre alt. Doch trotz oder vielleicht gerade wegen seines jungen Alters gelingt ihm mit seinem Roman-Debüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ (Ullstein-Verlag) eine beeindruckende Milieu-Studie, die uns das Fundament von Pegida erschreckend nahe bringt: erschreckend, weil der Leser in sich selbst jene Wut aufsteigen spürt, die ihm sonst so unverständlich erscheint.

Lukas Rietzschel schafft es, in seinem Debüt-Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" zu erklären, was in Sachsen gerade los ist.
Lukas Rietzschel schafft es, in seinem Debüt-Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" zu erklären, was in Sachsen gerade los ist. | Bild: Gerald von Foris / Ullstein / dpa

Die Geschichte beginnt mit einem Aufstieg. Philipp und Tobias, zwei Brüder in der sächsischen Provinz, beziehen ihre geräumigen Kinderzimmer. Die Eltern – Vater Elektriker, Mutter Krankenschwester – ziehen vom hässlichen Wohnblock ins frisch gebaute Eigenheim. Man kann etwas werden in diesem Sachsen der 90er-Jahre, der Aufstieg ist möglich!

Doch was vordergründig wie ein Start in die goldene Zukunft anmutet, erweist sich bald als rasender Stillstand. Es ist, als habe jemand mitten im Aufschwung die Handbremse gezogen, als sollten diese Menschen nur bis zu einem bestimmten Grenzwert am Wohlstand dieser Republik teilhaben. Man spürt es zunächst nur an der Eintönigkeit dieses Alltags, der in jeder Beziehung durchschnittlich wirkt: von den Spitzengardinen bis zum Familien-Opel, von den Dorffesten bis zu Weihnachten mit Helene Fischer.

Keine Perspektive

Das Schamotte-Werk, einst Stolz der Region, ist inzwischen eine Ruine. Nichts mehr da, worauf man noch stolz sein könnte. Weil es kaum Unternehmen gibt, gibt es auch keine Perspektiven. „Du willst ja nicht Arzt oder Lehrer werden“, erklärt Philipps Vater, warum er statt aufs Gymnasium nur auf die Realschule kommt. Arzt oder Lehrer: Das sind offenbar die einzigen Möglichkeiten, als studierter Mensch Arbeit zu finden. Karriere kann hier niemand machen, und so dämmern alle vor sich hin.

Nur, wenn jemand „Heil Hitler!“ ruft, macht sich kurzzeitig Aufregung breit. Als eines morgens ein Hakenkreuz den Findling vor der Schule ziert, beeilt sich der Direktor, ein Handtuch darüber auszubreiten. Und als Philipps Großmutter das Wort „Jude“ in seinem Heft findet, befiehlt sie ihm, es schnell wegzuradieren. Was ist ein Hakenkreuz? Was heißt „Jude“? Statt Erklärungen gibt es Anweisungen, statt Gesprächen letztlich nur Befehle.

Keine Kommunikation

Am Beispiel des Nachbarn Uwe lässt sich der Grund für diese Unfähigkeit zur Kommunikation erahnen. Seine Frau hat ihn sitzenlassen, ist mit einem Wessi nach Stuttgart durchgebrannt: weil Uwe nach der Schließung seines Werks nicht mehr viel auf die Reihe brachte und heute ein Alkoholproblem hat. Vielleicht aber tatsächlich auch deshalb, weil er sie einst für die Stasi bespitzelte, wie sie behauptet.

Alte Verdächtigungen, neue Enttäuschungen: Das sind die Zutaten, aus der sich diese Lethargie speist, die sich wie Mehltau über einen ganzen Landstrich legt. Die Jugendlichen zündeln dagegen mit selbstgebauten Sprengkörpern an. Es gibt ja sonst nichts, womit man sich die Zeit vertreiben könnte. Die Erwachsenen dagegen machen sich mit Schuldzuweisungen Luft: Die Sorben seien an allem schuld, schließlich hätten sie die besten Kontakte und das meiste Geld. Warum sonst sollte ausgerechnet ein Sorbe Ministerpräsident geworden sein? Diese Konditionierung in Fremdenfeindlichkeit soll bald mit der Lust an pyromanischen Spielen eine fatale Verbindung eingehen.

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Auf den Frust folgen die privaten Katastrophen. Der Vater tröstet sich bald mit der Nachbarin, der Freund mit Crystal Meth. Die Familie zerbricht, und statt froher Stunden im trauten Heim heißt es bald: zurück in den Wohnblock. Genau zu dieser Zeit kommen die Flüchtlinge. Omas Garten wird bald von einer syrischen Familie gepflegt. Die Kanzlerin sagt: „Wir schaffen das.“ Aber in der sächsischen Provinz gibt es schon längst kein „Wir“ mehr, das bereit wäre, ihr zu folgen. Sie haben beobachtet, dass Geld für Griechenland da war und für Banken, nicht aber für sie. Und jetzt sorgen sich die Politiker um Syrer und Afghanen.

Es ist ein Puzzle aus unzähligen kleinen Teilchen, das Rietzschel auf knapp 320 Seiten nach und nach zusammenfügt. Er geht dabei mit aufreizender Nüchternheit vor, beschreibt das Elend der Langeweile und Eintönigkeit in jedem Detail. Jedes einzelne erscheint für sich genommen marginal. Erst im Gesamtbild zeigt sich ein Sumpf aus Verschwörungstheorien, Zukunftsangst und Rachegelüsten. Einer der beiden Brüder kann sich ihm gerade noch entziehen, der andere jedoch nicht. Zwei Lebenswege in Sachsen 2015.

In seinem Buch "Mit der Faust in die Welt schlagen" (Ullstein, 320 Seiten, 20 Euro) wirft Lukas Rietzschel einen Blick auf eine Jugend im tiefen Osten.
In seinem Buch "Mit der Faust in die Welt schlagen" (Ullstein, 320 Seiten, 20 Euro) wirft Lukas Rietzschel einen Blick auf eine Jugend im tiefen Osten. | Bild: Ullstein-Verlag