Was geschah wirklich im Weißen Haus zwischen Bill Clinton und Monica Lewinsky? Und was zwischen Woody Allen und seiner Ziehtochter? Was war zwischen Harvey Weinstein und den Frauen? Genaues weiß man nicht. Nur das: Man will es wissen. Was die Don Juans dieser Welt umtreibt, das will man hören, spüren, sehen. Dafür ist das Theater da, die große Menschenkunst.

„Was geschah in Donna Annas Zimmer zwischen ihr und Don Giovanni?“ Das war für den Regisseur Walter Felsenstein die zentrale Frage der Mozart-Oper. War es eine Vergewaltigung? Oder die Zügellosigkeit einer jungen Frau aus gutem Hause? Was meint die Regisseurin Katarzyna Borkowska, die jetzt am Theater Freiburg den „Don Giovanni“ auf die Bühne brachte? Genaues erfährt man nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Am Anfang steht der Verführer nackt auf der Bühne. Am Ende finden sich viele Don Giovannis zum Gruppenbild. Sind alle Menschen sexbesessen? Zwischendrin gibt es Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“. Statt der Erdkugel prangt in der Mitte riesig ein rundes Kaleidoskop. Es glitzert wie ein hart geschliffener Edelstein. Ist das Don Giovannis kaltes Herz?

Das gläserne Rund quält das Publikum mit Blendattacken. Es wechselt die Farben, rosa wie die Fleischeslust, blau wie die Gefühlskälte, schwarz wie die Seele des Serien-Verführers. Damit wir die Stimmungslage überhaupt verstehen? Muss vielleicht sein. Denn auf der Bühne ist wenig davon zu sehen.

Durcheinander in Leder und Latex

Die Personenführung beschränkt sich weitgehend auf Steh- und Geh-Theater alten Stils, Arien werden an der Rampe gesungen, zwischendrin darf zwanghaft gerammelt werden. Die Kostüme? Ein Durcheinander in Schwarz und weiß, Leder und Latex. Die Handlung? Ein Totalausfall. Es kreucht und fleucht in diesem Lustgarten vor Doubles.

Es ist die erste Regiearbeit der Bühnenbildnerin Katarzyna Borkowska. Ihr gleich eine der berühmtesten Opern anzuvertrauen, ist nicht nur hochriskant, sondern fast schon fahrlässig von Theaterdirektor Peter Carp und Musikdramaturgin Tatjana Beyer. Viel gewagt und fast nichts gewonnen – außer einer leisen Ahnung, welcher Zauber hier hätte entstehen können.

Einmal erhebt sich eine traumschöne Szene: Wenn Sarah Traubel als Donna Anna mit warm-changierendem Sopran mit dem Schreckensszenario verschmilzt, gewinnt ihre Arie Tiefe und Tragik: „Non mi dir, hell’ idol mio“ (Sag’ mir nicht, o Treugeliebter). Das Bild des Malers lebt.

Zumindest die Stimmen überzeugen

Die Sängerleistung des Ensembles ist fast durchweg stabil, die Personenzeichnung hingegen wacklig. Michael Borth hastet als Don Giovanni, ein Quickie hier, ein Quickie dort, durch den ersten Akt, bis er sich nicht mehr auf den Beinen halten und die spritzige„Champagner-Arie“ nur noch kniend singen kann.

Juan Orozco darf als Leporello die tolle Komik von Mozarts Diener-Figur nicht ausspielen, präsentiert dafür aber mit tiefschwarzem Bass einen zynischen Intriganten. Katharina Ruckgaber als Zerlina ist kein naives Mädchen vom Lande, sondern zeigt schon mal den Stinkefinger – und einen schlanken, klaren Sopran.

Inga Schäfer gibt mit viel Mezzo-Frische die Donna Elvira, eine starke Frau mit starken Koloraturen. Auch Sarah Traubel lässt soverän die Koloraturen kullern. Alles starke Frauen – von denen man allerdings nicht weiß, warum sie auf den Windbeutel Don Giovanni hereinfallen. Psychologisch geht das nicht auf.

Buhrufe für die Regisseurin

Borkowska inszeniert die Mozart-Oper als Gemälde. Ein schöner Einfall. Doch die Oper schlägt zurück. Mozarts Musik will vorwärts, insbesondere, weil das Philharmonische Orchester unter Leitung von Daniel Carter oft auf rasche Tempi setzt. Die Musik will weiter, das Gemälde verharrt – eine gegenläufige Bewegung, die sich aufhebt. Der Applaus ist kurz, Buhs für die Regisseurin, Beifall für Sänger, Chor und Orchester.

Weitere Aufführungen von "Don Giovanni" finden am 21., 24. und 26. April 2019, außerdem am 9. und 19. Mai sowie am 2. und 8. Juni. Informationen und Karten gibt es hier.