Harry Haller steht im Schauspiel Stuttgart vor dem roten Theater-Vorhang im Goldrahmen und blättert in seinen Notizen. Ein Gedicht vielleicht? Er scheint mäßig beeindruckt von sich selbst, bis beim Vorlesen so etwas wie leiser Stolz in die Gesichtszüge gerät. Der Moment währt nur kurz, dann ist er wieder der grantige, etwa 50 Jahre alte Dichter. Haller hadert mit dem Schicksal, das ihm die künstlerische Blockade beschert hat – ausgelöst vom inneren Zwiespalt zwischen braver bürgerlicher Anpassung und kritischer Haltung gegenüber sozialen Verhältnissen und kulturellem Überdruss, der ihn zum isolierten Einzelgänger stempelt.

Wolfgang Michalek ist in Hermann Hesses „Steppenwolf“ am Schauspiel Stuttgart dieser rüde Außenseiter in grauer Hose und Hemd, braunem Karo-Sakko, mit kahlem Kopf und Dreitagebart, mehrfach verstärkt von dem Chor, der seine innere Spaltung visualisiert. Und er ist ein begnadeter Steppenwolf, der am Dasein verzweifelt und sich wieder aufrappelt. Dem man den inneren Kampf der Welten anmerkt und ansieht, in mimischen Zuckungen, reflexartigen Bewegungen, in schwarzem Groll, Selbstironie und verehrendem Staunen, in kühler Beherrschtheit, emotionalem Unterton und verbalem Ausbruch, plumpen Tanzschritten und geschmeidiger Choreografie. Haller ist ein Idealist, sich selbst befeuernd und behindernd, alles sehr natürlich und mit großer Überzeugungskraft geboten.

Die komische Seite, die Michalek dabei auslebt, etwa, wenn er die eben noch ehrfurchtsvoll angehimmelte Büste Goethes mit der Fingerspitze zum Kippen bringt, ist die magische Würze in Philipp Beckers Inszenierung von Joachim Lux‘ Theaterfassung. Sie ist das überzeitliche Manifest einer Gesellschaftsüberdrüssigkeit und grandios auf den Wiener Schauspieler zugeschnitten. Insofern bleibt Becker nahe an Hesse, der, Alter Ego Hallers und bei Erscheinen des Romans 1927 selbst 50 Jahre alt, den Humor als einzigen Ausweg aus der Zwangslage sieht.

Das Gretchen ist im Taumel Faust’schen Lebensgefühls Hermine, die am Ende ihr Leben lassen wird. Eine wandlungsfreudige, expressive Viktoria Miknevich gibt sie als verführerischen Vamp, der dem Intellektuellen Haller Leichtigkeit zu vermitteln sucht und ihn resolut an der kurzen Leine führt.

Des Steppenwolfs Flucht aus der Misere und dem Ekel vor sich, dem „fetten, gedeihlichen Bürger und der satten, geistlosen Zeit“, ist die ewige Sehnsucht nach dem Zaubertheater. Bettina Pommer hat dafür ein Theater im Theater erfunden, das sich in den Tiefen der Bühne ins Unendliche fortsetzt. Eine Einladung in Hallers und des Zuschauers seelische Untiefen, in denen ein großartiger Felix Mühlen als Dichterfürst Goethe mit und ohne Sockel und als über seine eigenen genialen Werke witzelnder Mozart im langen Schlafrock zum psychedelischen Trip mit Musik und Bühnennebel auffordern.

Weitere Aufführungen am 25. und 27. März 2018 sowie am 4., 9., 18. und 20. April im Schauspielhaus Stuttgart. Informationen und Karten auf www.schauspiel-stuttgart.de