Und da sage noch einer, der klassische Gitarrenrock sei tot. Gut, nur etwa 100 Fans fanden sich im Kulturladen ein, als der Alternative-Country-Pionier Howe Gelb mit seiner 1980 in Tucson/USA gegründeten Truppe eines seiner seltenen Deutschland-Konzerte gab, aber erstens waren sie zum Teil recht weit angereist und zweitens wurden sie mit einem hochspannenden Auftritt belohnt, der mühelos demonstrierte, warum die Gegenwart – und vielleicht auch nicht einmal die Zukunft – keineswegs nur den hippen Knöpfchendrehern und Turntable-Virtuosen gehört. Was man so alles an aufregenden Sounds aus der altmodischen Sechsaitigen hervorzaubern kann, veranschaulichte Mr. Gelb an diesem Abend auf das Nachdrücklichste. Melancholische Moll-Akkorde, typische Sixties-Twäng-Riffs und bluesige Licks entlockte er seinem Instrument, aber auch ausgesprochen psychedelische Noise-Exzesse und ultraharte, punkige Kompresso-Soli – langweiliges 08/15-Spiel kann man ihm weiß Gott nicht vorwerfen.

Ein Wort noch zur Vorband, den Patsy's Rats aus Portland/USA (mit Howe Gelbs Tochter Indiosa Patsy Jean Gelb als Frontfrau!): Auch sie ließen ihre Gitarren donnern und jaulen, aber ansonsten gibt es nicht viel Ähnlichkeit mit der Musik von Giant Sand – eine Art Power-Pop ist das, was sie spielen, mit an und für sich zuckersüßen Melodien, die jedoch regelmäßig in einem akustischen Tsunami untergehen. Zum Finale des Giant Sand-Gigs im Kulturladen in Konstanz bat Howe Gelb sie noch einmal auf die Bühne – zu einem Iggy Pop-Cover ("Lust for Life"), das man allerdings ehrlicherweise als jenseits von Gut und Böse einstufen sollte.

Zum Haupt-Act: Ihr epochales Debütalbum von 1985 ("Valley of Rain") würden sie auf der 2018er Tour komplett spielen, kündigten die Musiker von Giant Sand im Vorfeld auf ihrer Homepage an – und dies machten sie auch wahr. Teilweise kaum noch wiederzuerkennen waren die Songs, aber durch die Bank weg hervorragend interpretiert (allen voran das Titelstück, bei dem lediglich Chris Cacavas vermisst wurde, der seinerzeit im Studio das Piano bediente). Akustische Splitterbomben warf Gelbs Gitarre bei "Tumble and Tear", eine Art Breitwand-Soundgemälde entwarf die Band bei "Barrio", und als sie die ersten paar Takte von "Artists" anstimmte, brandete im Publikum spontaner Beifall auf – "Must be a Hit", kommentierte Howe Gelb trocken. Schon cool, der Mann.

Gegen Ende des Konzerts wurde es dann ein wenig krachledern, aber Gelb und seine Mitstreiter – die Gitarristen Gabriel Sullivan und Annie Dolan, Bassist Thoger Lund und Drummer Winston Watson (der schon 1985 dabei war!) – hatten sichtlich eine Menge Spaß. Wer mehr von besagtem Wüsten-Breitwandsound hätte haben wollen, wird vielleicht ein wenig enttäuscht nach Hause gegangen sein, aber man kann eben nicht immer alles gleichzeitig haben: Den Song "Shiver" zum Beispiel hätte der Rezensent gerne einmal live gehört, aber an diesem Abend war Mr. Cool eben einfach nicht danach.