In Michelangelo Antonionis wunderbarem Mystery-Thriller „Blow up“ – ein Porträt des „Swinging London“ der 1960er Jahre – besucht der Held des Films, David Hemmings, ein Konzert der Psychedelic-Blues-Truppe Yardbirds. Der leicht schüchtern wirkende junge Musiker, der am Bühnenrand steht und im Windschatten des schon damals recht populären Leadgitarristen Jeff Beck die Rhythmusgitarre bedient, heißt Jimmy Page. Nur wenig deutete seinerzeit darauf hin, dass er einmal einer der berühmtesten Rockmusiker aller Zeiten werden würde.

Als sich die Yardbirds 1968 auflösten, formierte Page eine neue Band, mit ihm als Leadgitarristen, John Paul Jones am Bass, John Bonham an den Drums und Robert Plant als Sänger. Das Etikett „New Yardbirds“ wurde kurzzeitig erwogen, aber dann fallengelassen. Und als bei einer bandinternen Frotzelei einer der Musiker pessimistisch prophezeite, die neue Gruppe würde kommerziell untergehen wie ein mit Blei (englisch: Lead) gefüllter Zeppelin, war der Name der neuen Truppe geboren („Lead“ wurde wenig später als „Led“ abgekürzt).

Debütalbum mit großer musikalischer Kraft

Das Debütalbum der Band, im Januar 1969 erschienen, detonierte in der britischen Popmusik-Szene wie eine Handgranate. So schneidend scharfe Gitarrenriffs wie in den Songs „Good Times Bad Times“ oder „Communication Breakdown“ hatte bis dahin nicht einmal ein Jimi Hendrix zustande gebracht, geschweige denn einer seiner zahlreichen Epigonen. Live bretterte die Gruppe ihr noch recht überschaubares Repertoire mit ungeheuerer Lautstärke über die Bühne – den Song „Heartbreaker“ sollen sie einmal bei einem USA-Gig mit einem Schalldruck von 130 Dezibel ins Publikum gejagt haben (der Wert entspricht in etwa dem Lärm eines Presslufthammers). „Heartbreaker“ stammte bereits vom Nachfolge-Album „Led Zeppelin II“, und dieses toppte in Sachen Aggressivität und kompromisslosem Hard Rock noch den Vorgänger.

Die aus dieser LP ausgekoppelte Single „Whole Lotta Love“ mit ihrem beispiellosen Killer-Eingangsriff eroberte um die Jahrzehntwende 1969/70 weltweit die Hitparaden. Auch in Deutschland wurde sie für etliche Wochen Nr.1 der Charts – und löste, gemeinsam mit dem Album, eine veritable Kulturrevolution aus. Für zahllose Eltern, die sich mit großer Mühe daran gewöhnt hatten, dass ihre Söhne und Töchter Musik von den Beatles oder den Rolling Stones hörten, war „Whole Lotta Love“ ein Schlag ins Gesicht – noch nie hatte ein derart aggressiver Rocksong den Spitzenplatz der deutschen Charts eingenommen und all die Roy Blacks und Peter Maffays (ja ja, den gab’s damals schon!) hinweggefegt. Und der Generationenkrieg blieb keineswegs auf das musikalische Schlachtfeld beschränkt.

Der Kampf um jeden Zentimeter Haarlänge bei heranwachsenden Männern, seinerzeit in unzähligen Familien ausgefochten, wurde natürlich befeuert durch die Vorbildfunktion diverser Rockmusiker, deren lässiges Outfit auf jedem Schallplattencover oder Foto in irgendeiner Musikzeitschrift zu besichtigen war. Lange Haare waren cool und symbolisierten Freiheit – und die Musiker von Led Zeppelin hatten ihre Haarpracht ja bereits auf dem rückseitigen Cover ihres Debütalbums stolz und selbstbewusst zur Schau gestellt.

Und nicht zu vergessen: Keine andere Band jener Zeit, von den Stones einmal abgesehen, lud ihre Texte mit sexuellen Anspielungen aller Art so auf wie Led Zeppelin: im „Lemon Song“, in „Whole Lotta Love“ und zahllosen anderen Tracks. Die böse Etikettierung „Cock Rock“ (ein so derb-obszöner Begriff, dass er hier gar nicht übersetzt werden kann), die britische Musikjournalisten damals Jimmy Page & Kollegen verpassten, trifft es schon irgendwie – und der Umstand, dass die Band auf späteren Alben (mit großem kommerziellen und künstlerischen Erfolg) eine Trendwende in Richtung Folk und Mystizismus vollzog, änderte daran wenig. Selbstverständlich war ein Led-Zep-Konzert ohne „Whole Lotta Love“ auch in den Folgejahren völlig unvorstellbar – und das Bühnengebaren der Musiker blieb schließlich so exaltiert wie eh und je.

Apropos Bühne: Halbe Abitursklassen aus Oberschwaben und der Bodenseeregion pilgerten im Frühjahr 1973 nach München, als Page, Plant & Co. im Rahmen ihrer „Houses Of The Holy“-Tour in der Olympiahalle gastierten – und wurden mit einem spektakulären Gig belohnt, bei dem die Band ihre Live-Knaller „Whole Lotta Love“ und „Dazed And Confused“ auf jeweils über eine Viertelstunde Spielzeit ausdehnte.

In gewisser Hinsicht waren Led Zeppelin für die Fifteen- oder Twenty-Somethings jener Zeit das, was die Stones für ihre ein paar Jahre älteren Brüder gewesen waren: die personifizierte Rock’n’Roll-Rebellion, nur weniger politisch aufgeladen, mehr Lifestyle-orientiert. Auch wenn die Led-Zep-Alben nach 1975 eine nachlassende Kreativität dokumentierten, sich die Band 1980 – nach dem vermutlich durch eine Überdosis Alkohol verursachten Tod ihres Drummers John Bonham – auflöste: Die Fans von damals halten ihr die Treue. Die von ihnen herbeigesehnte Reunion der drei Überlebenden – Page, Plant und Jones – wird allerdings von Jahr zu Jahr immer unwahrscheinlicher, Robert Plant erteilte ihr erst kürzlich erneut eine Absage.