Ein gesegnetes Alter von 92 Jahren hat dieser Buoso Donati erreicht. Und weil er ein reicher Mann war, hat seine Verwandtschaft dem Moment seines Ablebens und der Testamenteröffnung nicht nur mit Trauer im Herzen entgegen gezittert. Jetzt also ist Buoso endlich in das Reich des Vaters eingegangen – exakt am Tag der Konstanzer Rathausopernpremiere, wie uns die großen Trauerkarten neben dem Totenbett informieren. Darin liegt er lang, bleich und unbeweglich, während sich der Rathaushof allmählich mit erwartungsfreudigem Publikum füllt.

Das perfekte Erbstück

Es ist kein Zufall, dass sich das neue Leitungsteam der Konstanzer Rathausoper für Giacomo Puccinis Komische Oper „Gianni Schicchi“ und damit für ein Stück über das Erben entschieden hat. Schließlich handelt es sich auch bei der Institution Rathausoper gewissermaßen um ein Erbstück. Peter Bauer hatte sie 1982 gegründet und seither geleitet, der SÜDKURIER hat sie als Medienpartner unterstützt. Nun hat die nächste Generation das Erbe übernommen.

Nach der Premiere, die wegen Regen zwar unterbrochen werden musste, dann aber doch im Rathaushof zu Ende gespielt werden konnte, darf man beruhigt feststellen: Das neue Leitungsteam mit Ruth Bader als Produktionsleiterin, dem Dirigenten Eckart Manke und dem Ausstatter Jochen Diederichs hat die Feuertaufe bestanden und einen fulminanten Neustart hingelegt.

Puccini passt auch in den Rathaushof

Jochen Diederichs, der schon früher einige Rathausopern ausgestattet hat, spielt wieder mit Kulisse und Atmosphäre des Rathaushofes, und von den Sängern und Sängerinnen haben einige ebenfalls schon in früheren Jahren mitgewirkt. Ähnliches gilt für Mitglieder des Rathausopern-Orchesters. Überraschend ist allerdings die Entscheidung für einen Puccini, den man in einem solch intimen Rahmen zunächst nicht erwarten würde. Puccini – das ist normalerweise große Oper mit großen Gefühlen und großem Orchester. Aber es zeigt sich, dass die Fassung für Kammerorchester von Ettore Panizza (1875-1967) sehr gut für die Zwecke der Rathausoper geeignet ist. Natürlich sind Puccinis üppige Klangbäder hier ökonomisch auf eine Dusche reduziert. Aber auch eine Dusche kann sehr erfrischend sein. Und überhaupt passt die konzentrierte Besetzung sehr gut zu einem Stoff, der 1299 spielt und Dantes „Göttlicher Komödie“ entnommen ist.

Rinuccio (Rubén Olivares, oben) hat das Testament gefunden. Die Freude darüber währt allerdings nur kurz. Die Verwandtschaft ist enterbt.
Rinuccio (Rubén Olivares, oben) hat das Testament gefunden. Die Freude darüber währt allerdings nur kurz. Die Verwandtschaft ist enterbt. | Bild: Oliver Hanser

Übrigens öffnet Buoso Donati (Manuel Thiele in der stummen Rolle) doch noch einmal die Augen, als der Abend beginnt. Aus der Ferne hört man einige Mönche das „Dies Irae“ anstimmen. Dazu zieht die Verwandtschaft allmählich auf die Bühne. Ein genialer Einfall, den mittelalterlichen Kirchengesang vorzuschalten! Wird dadurch doch auch hörbar, was die Handlung gleich in Schwung bringen wird: Der alte Donati hat sein komplettes Vermögen dem Kloster vermacht – während die Verwandtschaft leer ausgehen soll.

Spielfreudiges Ensemble

Noch allerdings drückt sie sich eher gelangweilt um das Sterbebett herum und wartet auf Donatis Ableben. Als er es endlich geschafft hat, fällt sie in kollektives Gejammer. Doch das falsche Seufzermotiv im Orchester lässt uns von Anfang an wissen, dass diese Trauer nicht ganz echt ist. Nun folgt ein weiterer Einschub in Puccinis Musik, der allerdings nicht ganz so gut motiviert erscheint. Die Verwandtschaft singt Giuseppe Verdis „O padre nostro“, eine Vertonung des Vater Unser. Das innige, ergreifend vorgetragene Gebet wird wirkt wie eine Art Ehrenrettung der Verwandtschaft, die hier doch noch zu einem Moment der Andacht fähig ist. Es bleibt sowohl musikalisch als auch in der Handlung ein Fremdkörper – bringt dafür aber den insgesamt kurzen Einakter auf eine abendspieltaugliche Länge.

Die Familie hält kurz inne und betet ein „Vater Unser“. Links blickt man auf das Orchester.
Die Familie hält kurz inne und betet ein „Vater Unser“. Links blickt man auf das Orchester. | Bild: Oliver Hanser

Sei‘s drum. Was nun folgt, ist eine köstliche, von Regisseur Philip Stemann virtuos geführte und von dem spielfreudigen Ensemble bis zur letzten Minute spannend umgesetzte Komödie. Wer kein Italienisch kann, sollte sich zwar gut auf den Inhalt vorbereiten, dann aber ist es nicht mehr nötig, jedes einzelne Wort zu verstehen, weil Stemann in der Personenführung großen Wert auf Deutlichkeit legt.

„Gianni Schicchi“ ist in erster Linie ein Ensemblestück, das vor allem vom Zusammenspiel lebt. Und genau das funktioniert hervorragend. All die kleinen Rollen greifen hier wie geschmiert ineinander. Etwas exponierter ist natürlich die Rolle des Gianni Schicchi, der von Emilio Marcucci als einfacher Typ im Holzfällerhemd und so sympathisch gezeigt wird, dass man ihm die Schlitzohrigkeit, mit der er die Familie zu seinen Gunsten um das Vermögen bringt, sofort verzeiht.

Lauretta (Elisabeth Wimmer) bittet ihren Vater (Emilio Marcucci) um Hilfe.
Lauretta (Elisabeth Wimmer) bittet ihren Vater (Emilio Marcucci) um Hilfe. | Bild: Oliver Hanser

Seine Tochter Lauretta hat mit „O mio babbino“ die einzige geschlossene Arie. Elisabeth Wimmer singt sie kraftvoll und so, dass nicht nur das Vaterherz weich wird. Schließlich will sie Rinuccio (Rubén Olivares mit geschmeidigem Tenor) aus der Donati-Verwandtschaft heiraten, was diese aber ohne eine entsprechende Mitgift nicht akzeptiert.

Köstlich auch Frauke May als hartherzige alte Zita. Komplettiert wird das Ensemble durch Carsten Fuhrmann (Gherardo), Mechthild Bach (Nella), Jussi Järvenpää (Betto), Rui Xiao (Simone), Attila Mokus (Marco), Daniela Vega (Ciesca), Kevin Dickmann (Arzt und Notar), Ulf Friederichs, Lionel Kreuzer und Dietrich Ruhrmann als Mönche sowie Aino und Annina Järvenpää, die sich die Kinderrolle des Gherardino teilen.

Buoso Donati ist tot – aber die Rathausoper lebt. So darf es gerne weitergehen.

Weitere Aufführungen: 21., 23. und 24. August, jeweils 20.45 Uhr. Einführung 20 Uhr. Infos und Tickets: http://www.rathausoper.de