„Du sollst nicht töten.“ Man muss das fünfte Gebot in der Bibel nicht unbedingt kennen. Aber in demokratisch organisierten Gesellschaften sollte es doch eine Grundvoraussetzung für ein friedliches Miteinander sein.

Nicht alle halten sich an diese Regel. Wer befiehlt einem das Gebot? Der gesunde Menschenverstand. Den spricht der amtierende deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) offenbar jenen ab, die auf ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen pochen.

Rob Pruitts „Untitled (Fountain)“ von 2009 besteht aus Reifen, Pumpe, Altöl und elektrischer Ausrüstung.
Rob Pruitts „Untitled (Fountain)“ von 2009 besteht aus Reifen, Pumpe, Altöl und elektrischer Ausrüstung. | Bild: Museum Art.Plus / Art.Plus Foundation

Dass nun die Raser, die sich vor 2016 mit einer Geschwindigkeit von 170 Kilometern pro Stunde auf dem Berliner Ku‘damm ein Rennen lieferten und einen unbeteiligten Autofahrer töteten, dafür wegen Mordes verurteilt wurden, ist die Quittung für dieses Verhalten.

Man kann die gesetzeswidrige Handlung mit dem Wahnsinn, der täglich auf Autobahnen passiert, zwar nur bedingt vergleichen. Aber das bringt wieder Brisanz in die Diskussion um ein generelles Tempolimit. Das eine ist für die Juristen eine schwere Straftat, das andere auf vielen Abschnitten deutscher Autobahnen schlicht und einfach erlaubt.

Die sicheren Straßen der Schweiz

In der Schweiz hat der langjährige Verkehrsminister Moritz Leuenberger ein Maßnahmenpaket geschürt, um Todesfälle auf den Straßen zu verhindern. Seitdem gehören die Straßen im Nachbarland zu den sichersten der Welt. Die Beschränkung auf Tempo 120 ist ein wesentlicher Baustein dieses Pakets. Im deutschen Auto-Lobbyisten-Land ist man von solchen Schritten weit entfernt, das Thema polarisiert stark.

Wie verhält sich nun die Kunst in solch aufgewühlten Zeiten? Im Donaueschinger Museum Art.Plus auf jeden Fall wird das Automobil zelebriert, wie in „Vollgas – Full Speed“ zu erleben ist.

Das Auto ist einfach überall

Fakt ist: Keine technische Erfindung bestimmt unser Leben und das Erscheinungsbild der Welt so nachhaltig wie das Auto. Es ist omnipräsent, in unserem Alltag, in den Medien, am Stammtisch. Es ist politischer und gesellschaftlicher Zündstoff. Dieselfahrverbote, Feinstaubgrenzwerte und eben Tempolimits sind in den Schlagzeilen.

Das wissen auch die Veranstalter. „Aber“, sagt Ausstellungskurator Sebastian Steinhäußer, „die Diskussionen, die geführt werden, sind Beweis dafür, dass das Auto noch immer mehr ist als ein bloßes Fortbewegungsmittel und notwendiges Übel.“ Recht hat er.

Statussymbol und treuer Gefährte

Das Auto ist Statussymbol und Statement, aber auch Schutzraum und Gefährte. Noch immer steht es symbolhaft für Freiheit, Mobilität, Abenteuer, ist Traumobjekt und Fetisch. Und Kunst.

Höhepunkt der Ausstellung ist Stefan Rohrers „Helios“ im Spiegelsaal. Der Stuttgarter Künstler hüllte die Karosserie eines alten Porsche 911 komplett in Blattgold und schuf so ein modernes goldenes Kalb. Damit treibt er das Spiel mit Automobil-Klischees auf die Spitze und schließt zugleich den Bogen zur Arbeit von Jürgen Knubben auf dem Museumsvorplatz.

Der Künstler Jürgen Knubben betrachtet sein „Urmobil“.
Der Künstler Jürgen Knubben betrachtet sein „Urmobil“. | Bild: Stefan Simon

Sein Vehikel aus Cortenstahl scheint der Kontrapunkt für die Auto-Begeisterung zu sein. Knubbens „Urmobil“, das mit seinen archaischen Formen schwer und unbeweglich wirkt, fährt von allein aber auch wie Rohrers Porsche keinen Meter mehr.

Alles hat zwei Seiten

Wie diese beiden an exponierten Stellen zu sehenden Arbeiten haben andere Werke in der Ausstellung ebenfalls zumindest zwei Seiten. So schwingt in Rohrers farbenfrohen Arbeiten wie seiner schwungvollen Vespa im Foyer immer auch das Thema Unfall mit.

Gleiches gilt für die verbeulten Motorhauben von Friedemann Flöther. Das Triptychon „Touring“ zeigt Albrecht Dürers Heiligen Christopherus, den Schutzheiligen der Autofahrer.

Friedemann Flöters Triptychon „Touring“ (2010) zeigt auf Motorhauben Albrecht Dürers Heiligen Christopherus, den Schutzheiligen der Autofahrer.
Friedemann Flöters Triptychon „Touring“ (2010) zeigt auf Motorhauben Albrecht Dürers Heiligen Christopherus, den Schutzheiligen der Autofahrer. | Bild: Museum Art.Plus / Art.Plus Foundation

Und erscheint Robert Häussers Fotografie von Jochen Rindts Rennwagen nicht, als sei es von einem Leichentuch überzogen? Wirken Tim Hölschers Zapfsäulen und Tankstellen nicht wie Denkmäler einer vergangenen Zeit? Bringt Jáchym Fleigs „Tondo“ nicht jegliches Gefühl von Geschwindigkeit zum Erliegen?

Nicht richtig weiter kommt man im zentralen Raum, der von einer Arbeit von Sebastian Kuhn mit dem Titel „Z4UTURNAROUNDROTATION“ dominiert wird. Sie besteht aus Bauteilen von BMW-Z4-Karosserien und bricht mit der überkommenen Sicht auf das Automobil, das mit einer Vorwärtsbewegung assoziiert wird. Kuhns Arbeit ist facettenreich – wie die ganze Schau.

„Z4UTURNAROUNDROTATION“ (2011) von Sebastian Kuhn besteht aus Karosserien.
„Z4UTURNAROUNDROTATION“ (2011) von Sebastian Kuhn besteht aus Karosserien. | Bild: Stefan Simon

Neben Geschwindigkeit spielt in der Präsentation Licht eine besondere Rolle. Während Ileana Florescu den Betrachter mit hinterleuchteten Bewegungsfotografien in Tunnel zieht, bildet Chris Nägele mit Neonröhren die Streckenverläufe von Formel-1-Strecken nach. Angekommen ist man nun beim eigentlichen Thema der Ausstellung – der Faszination für Geschwindigkeit und auch Design-Geschichte.

Autos wirken wie Skulpturen

Gianni Piacentinos windschnittiges Rekordfahrzeug, ein weißer Alfa Romeo Giulia Sprint Speciale von 1965, kann im Zusammenspiel mit der Kunst an den Wänden seine skulpturale Wirkung entfalten. Gestaltet bei Bertone ist er ein glänzendes Beispiel für die Vorreiterrolle Italiens im Automobildesign. Aber auch das ist keine bedingungslose Huldigung an den Automobilspaß.

Dahinter erstreckt sich an der Wand eine monumentale Zielflagge von Friedemann Flöther, zusammengesetzt aus verbeulten und zu Quadraten geflexten Motorhauben. Ein früher Meilenstein in der Porsche-Historie wird mit dem „Porsche 356 – 1500 Super“ präsentiert.

Das waren mal Motorhauben – Friedemann Flöthers „Pole Positions“ (2005).
Das waren mal Motorhauben – Friedemann Flöthers „Pole Positions“ (2005). | Bild: Museum Art.Plus / Art.Plus Foundation

Der „1500 Super Knickscheibe“, mit einem 70 PS starken Motor ausgestattet, spiegelt den Rennsport wider, wie der Rennbolide mit 1000 PS im Anbau. Mit dem BMW M1 von Schnitzer ging Hans-Joachim Stuck 1981 an den Start der Deutschen Rennsport-Meisterschaft.

Fazit: Die Ausstellung ist keine Überblicksausstellung zum Thema „Auto in der zeitgenössischen Kunst“. Das Museum greift vielmehr auf seine Sammlung zurück, in der das Auto-Motiv einen Schwerpunkt bildet. Man kann die Faszination für Geschwindigkeit, aber auch kritische Befragungen erkennen.

„Vollgas – Full Speed“ ist bis 19. Januar 2020 im Museum Art.Plus in Donaueschingen zu sehen. Geöffnet ist die Ausstellung Mittwoch bis Freitag von 13 bis 17 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.